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Vielen oft nur zu lange ausbleibt, auf eine kurze Zeit in Tätigkeit setzet; so wird es ihr demungeachtet von allen unsern Staatsdienern beneidet, die Sinn für das Schöne, und gesunde Augen im Kopf habenund zwar nicht ohne Grund; denn es verhilft dieser sogenannten klugen Frau nun schon seit sie die Kapelle besorgt, künftigen Sonntag zum drittenmal zu einer Augenweide, für die wohl gern ein römischer Augur, dem, wie Sie wissen, nur oblag, sich in den Gedärmen der Opfertiere zu bespiegeln, die seine vertauscht haben würde. – Und zwar steigt sie aus ihrem Raupenstand in derselben Stunde zu dieser Ehre empor, wo die kleine Adamstochter, blass wie ein Nebelstern zu der Warte des Günstlings im Aufsteigen ist, dessen Nächte sie erleuchten soll, ohne zu wissen wie? denn ich traue der lieblichen Unbefangenen zu, dass ihr die. Rolle, die sie spielen soll, eben so fremd ist, wie sie es der Tochter des Roi bien faisant, als Braut eines in allen und jeden Regierungsgeschäften unwissenden königlichen Neulings gewesen sein würde, wäre nicht noch zur rechten Zeit die dienstfertige Marquise de Prie beiden in ihrer artigen Unwissenheit zu hülfe gekommen.26–

"Lieber Kammerherr," unterbrach ich ihn hier, "ich will ein Schelm sein, wenn ich ein Wort von Ihren gelehrten Anspielungen verstehe." –

"Nun dann, um Ihnen verständlicher zu werden," erwiderte er, "darf ich Sie nur ganz kurz von einem in dieser Familie, seit der Ritterzeit bestehenden Hausgesetze unterrichten, so unerhört es auch in andern erlauchten Häusern sein mag." – Es verbindet nicht nur jeden Erben des Fürstenstuhls, wie es dermalen auch unsern sechzehnjährigen verband, seine, zur Erhaltung des edlen Stammes, benötigte Gehülfin, weder auf Messen, Hofbällen, noch in andern Festivitäten, mit einem Worte, nirgends anderwärts aufzusuchen, als allein in den Zwingern der Kinderstuben. Was aber beinahe noch auffallender ist, so legt es zugleich jeder nach der Vorschrift erwählten jugendlichen Schönen die unerlässliche Pflicht auf, ehe sie den letzten Schritt tun darf, der ihre, bereits durch die Beistimmung der älteren, durch die Eheberedung, den Ring am Finger und den priesterlichen Segen erlangten Ansprüche auf ihren Verlobten bestätiget, ihre, wie soll ich mich doch bescheiden genug ausdrückenihre eigentümlich angeborne Ausstattung den prüfenden Blicken der geheimen Güterbeschauerin zu unterwerfen, die zu der Zeit eben hierzu angestellt und verpflichtet sein wird. – Nach genauer Wahrnehmung alles dessen, was etwa wahrzunehmen ist, und wovon der begaffte Gegenstand oft selbst keine Silbe weiss, hat so ein Weib das Recht zu beurteilen, ob es dem künftigen Mitbesitzer gnügen werde oder nicht. – Nun kann ich mir lebhaft vorstellen, wie in der Geisterstunde des nächsten Sonntags unsere alberne Pytonissin, auf ihrem mit Kerzen umleuchteten Dreifuss, gleich jenem bis in den dritten Himmel entzückten Apostel, der unaussprechliche Dinge sah, die vor ihm noch kein Auge gesehen, und von denen kein Ohr gehört hatte, sich von der einen Seite wie eine Närrin brüsten, von der andern aber eben so gewiss wie ein höllischer Geist erzittern wird, wenn ihm ein heiliger Engel in seinem äterischen Glanze erschiene. Mit welchem ungleich reineren Anschauen und männlichem Nachdenken würden nicht bei so einer gelegenheit die Augen eines Philosophen dem hohen Berufe weiblicher Schönheit bis auf den kleinsten zwar, aber in dem grossen Brennspiegel der natur wirksamsten Fünkchen nachspüren! Wie würde die Betrachtung Seelen wie die eines Haller, Büffon und Harvei erschüttern, dass der Schöpfer und Regierer unzähliger Welten, die Erhaltung der unsrigen einem kaum merkbaren Atom übertrug und in seiner Dämmerung den Zunder verbarg, der die erloschenen Menschengeschlechter zu neuem Aufleben wieder anzufachen, und ohne es selbst zu ahnden, alle Jahrhunderte zu einer ewigen Fortdauer aneinander zu reihen geschickt ist. Und einer elenden unverständigen Dienstmagd, die, wenn das Glück gut ist, höchstens aus seiner Strahlenbrechung wie aus dem flatternden Gewebe ihrer Spinnen nur gemeine Tageserscheinungen zu folgern weiss, konnte ein abgeschmacktes Herkommen, ohne Zuziehung, wenn auch nicht des dabei am meisten interessirten Teils, doch wenigstens eines Landes-Deputirten, die richterliche Gewalt einräumen, unwidersprechlich zu entscheiden – (Pardon! junger Herr, wenn ich aus Ehrfurcht gegen eine angehende Landesmutter den Schleier der Allegorie über die heiligen Urkunden werfe) – ob dem himmlischen Meteor schon in der laufenden Stunde, oder erst nach mehrern Mondwechseln, oder gar nicht der Eintritt in den ehelichen Tierkreis zu gestatten sei. Während der nächtlichen Beleuchtung dieses Zweifelknotens betet für dessen fröhliche Auflösung der Hofkapellan zu Bekräftigung seines am Traualtare darauf abgezielten Segens. Auch die geheimen Staatsräte bleiben in dieser mystischen Nacht in banger Erwartung so lange versammelt, bis ihnen eine Botschaft der wachtabenden Fee aus ihrem Schlupfwinkel kund tut: "Das allsehende Auge der Vorsehung habe die prophetische Sehkraft der ihrigen vollkommen gerechtfertiget. Die Herren könnten nun getrost auseinander und schlafen gehen; ihre politischen Hoffnungen wären durch den schönsten Erfolg gekrönt."

Und wie der Pöbel zu Neapel in Staatsbedrängnissen vor den Pforten des Tempels, der das Wunder seines Aberglaubensdas verdickte Märtyrerblut des heiligen Januarius in einer goldnen Kapsel verwahrt, knieend der Ankündigung des Prälaten entgegenharrt, dass seine Fürbitte bei Gott es endlich zum Fliessen gebracht habe; – so belagert auch hier der unruhige Volkshaufe die geheimnissvolle Burg so lange, bis die Turmwächterin zum Zeichen, dass die Wohlfahrt ihres Landes fester als die so vieler andern gegründet, und das altweltfürstliche Haus durch einen neuen Tragbalken vor seinem Einsturze gesichert seizu ihrem Fensterladen eine brennende Laterne aushängt. – Sie