Rede ist, der mich zuerst auf die Spur brachte. Er hatte aus seinem politischen Schiffbruche nichts weiter gerettet, als eine mässige Pension, die er in unserm wohlfeilen akademischen Landstädtchen verzehrte – einen ironischen Zug um seinen zahnlosen Mund, und eine ganz eigene verblümte Sprache, wenn ihm, als einen alten Praktikus die Laune ankam, meine Träume von dem Glück und den Sitten der grossen Welt zu berichtigen. –
Gewohnt, mich wöchentlich zweimal zu besuchen, um lieber in meinem freundlichen Gartensaale, als unter den Tabakswolken des lärmigen Kaffeehauses die Zeitungen zu lesen, fand er mich auch eines Abends, ein Blatt davon in der Hand, setzte sich mit dem andern, das auf meinem Tische lag, in eine Ecke am Fenster und "hören Sie," – rief er mir bald nachher zu – "was mir hier für eine unerwartete Neuigkeit mit Schwabacher Schrift gedruckt in die Augen leuchtet. nächsten Sonntag vermält sich unser Erbprinz mit der Durchlauchtigsten Tochter des benachbarten Fürsten. Das ist doch wieder eine der Ehen, wie sie nur in diesem hohen haus geraten und gedeihen – ein Kinderspiel, wenn Sie wollen, voll grillenhafter Mysterien, mit denen Ihnen sonder Zweifel, Ihre Herren Professoren der Statistik und geschichte schon längst den Mund gewässert hätten, wenn es nicht eben Mysterien wären, die aber ihren wohltätigen Einfluss auf das Ganze, so gut wie das geheimnis der Freimaurer, von einem Jahrhunderte zum andern, durch eine ununterbrochene Stufenfolge braver Regenten bewährt haben. Alle Vasallen haben Gott anzurufen, dass er auch gegenwärtiger Verbindung gleichen Segen erteile, und auch Sie, junger Herr, könnten desswegen künftigen Sonntag schon ein Vaterunser mehr beten. Denn sehen Sie, wenn Ihr alter Hagestolz von Oheim in die andere Welt geht, und Sie nun, Freundchen, in der unsern an die Stelle eines Sohnes treten, den er, als ein ungeschickter Steuermann auf dem schwarzen Meere einer wilden Ehe gleichsam über Bord warf – und Sie nun seine beiden schönen Rittergüter erkapern, die Ihnen das Standrecht unserer lieben ungerechten Lehnsverfassung zuspricht, – haben Sie es da nicht für einen doppelt glücklichen Zufall anzusehen, dass solche in dem herrlichen Gebiet unsers angebornen Beherrschers liegen – und wäre es nicht für Sie so traurig als für alle und jede im land, wenn dieselbe Sünde, die Ihr abgelebter Vetter an seinem eigenen Fleische und ritterlichen Blute beging, und die ihm jetzt, wenn er Sie ansieht, aufs peinlichste am Herzen naget; – wenn, sage ich, ein gleicher oder ähnlicher widersinnlicher Verstoss gegen die Ordnung, die im schönsten Flor prangenden, und vom ersten Stamme bis zu dem jetzt aufblühenden Sprössling, treu erhaltenen Besitzungen unsers Fürsten, unter seine saubern mit Schulden und Lastern beladenen Herren Erbverbrüderten, versplitterte, vor deren Regierung uns Gott in Gnaden bewahren möge. Sie, lieber Wilhelm, haben freilich gut lachen, ich verdenk's Ihnen auch nicht, aber noch weniger kann ich es einem bemittelten mann verdenken, wenn er allen lachenden Erben, die oft schon von weitem nach seinem offenen Torweg schielen, so früh als möglich einen Riegel vorschiebt, wie den Hausdieben. Vor unserm Erbprinzen, der sich schon gegen solche Laurer in Positur setzen wird, ist mir nicht bange, desto mehr aber für seine junge Gefährtin, die ich schon im geist bei ihrer Einweihung in jene Mysterien, Augen machen sehe, wie gross!" Auf mein hingeworfenes Warum? rückte er seinen Stuhl näher. Wir sind allein, dämpfte er seine stimme, – und Sie geben mir die Hand, dass Sie schweigen wollen. – Ich versprach's, es ist aber so lange her, dass ich wohl, ohne Nachteil des längst begrasten Erzählers, mein Ehrenwort brechen kann. Auf der linken Seite der Burg, zischelte er mir ins Ohr, erhebt sich, wie angeklebt ein uralter roter Turm, dem es von aussen kein Mensch ansieht, was er alles entält. Der obere Stock ist zu einer Art Kapelle eingerichtet, die an ein grosses Schlafzimmer mit einem mächtigen antiken Paradebett stösst. Den untern Raum bewohnt, umringt mit allerlei Hexengeräten, eine vermaledeite Zigeunerin, von der ich Ihnen aus eigener Erfahrung tausend heimtückische Streiche erzählen könnte. Man beehrt sie allgemein mit dem Titel der k l u g e n F r a u , doch nicht bloss desshalb, weil ihre gelbsüchtigen Augen Manches entdecken und verraten, wobei die duldsame Oberhofmeisterin die ihrigen zudrückt, auch nicht darum, weil sie aus der Ehren- und Lebenslinie einer Jungfrauenhand Romane schneidet, als man deren so abenteuerlich keine in unsern Buchläden findet, auch eben so wenig des ziemlich zweifelhaften Talents wegen, aus den Kankergespinnsten, die ihr zu gesicht kommen, Hitze oder Kälte bestimmter vorauszusagen, als ein florentinisches Wetterglas; – sondern, weil das abergläubische Volk als gewiss voraussetzt, der allsehende Gott befördere zu dem schlüpfrigen Posten, in den sie durch den Tod ihrer Vase und Vorgängerin vor vierzig Jahren gerückt ist, immer nur eine kluge Frau, die am Schlusse eines so wichtigen Tages als übermorgen eintritt, den Einfluss, den er auf das Schicksal des Landes haben werde, so klar wie in einem Krystall vorhersähe. – Was, dachte ich, wird aus diesem Windeie seiner Einleitung wohl für ein Molch herauskriechen? – schlug die arme in einander und spitzte die Ohren.
Ob nun schon, fuhr er mit dogmatischer Weitläuftigkeit fort, diess heilige Amt wie die Erbämter bei Kaiserkrönungen, nicht eher etwas gilt, als bis es, hier ein häusliches – dort ein politisches Bedürfniss, das