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bis Du ihren verschiedenen Eindruck auf das menschliche Herz mit Deinem vorigen strengen Urteile verglichen; und im Angesicht Deines Globens genau erwogen hast, auf welche Seite der Gemälde sich das bürgerliche Wohl, das häusliche Glück, und das System der so grausam verfolgten Bevölkerung am meisten hinneigt.

Ich will Dich nicht weiter in Deinen stillen Betrachtungen stören. Aber o könnte ich nur meiner Feder jene elektrische Kraft mitteilen, die mir, trotz meinem Frankfurter Ringe, in Klärchens kammer versagte; wie herzhaft wollte ich sie gegen die physischen und moralischen Verirrungen, die man so ehrbar mit dem Ansehn eines Plato und mit dem Mantel des Sokrates zu bedecken glaubt, und gegen die politischen Gräuel schärfen, mit denen zusammen ein Geist des Verderbens den fröhlichen Genius der Erhaltung verfolgt! Ich wollte den Jünglingen männlichere Neigungen, den Mädchen wirksamere Lockungen, und den Zepterträgern Menschlichkeit anschwatzen, und die lachendsten Phantasien der Liebe zum Beitritt aufbieten, um alle mordlustige Gedanken von unserm freundlichen Erdstrich zu scheuchen, und seine allgemeine Trauer zu heben. Aechte Philosophen, und ihr besonders würdet es mir verdanken, ihr guten, tugendhaft schmachtenden und verlassenen Töchter meines Vaterlandes. Ihr würdet, sittsam errötend, mir selbst den schlüpfrigsten Umweg vergeben, wenn ich ihn, da beinahe alle gebahnten Strassen der natur entzogen sind, mit einigem Glück einschlüge, um euch zu euern Rechten zu verhelfen, und die verwilderten, ehescheuen und verblendeten Ueberläufer meines Geschlechts durch gute Worte wieder in euern sanften Sprengel zurück zu führen; auf dass eure wahre Bestimmung zu ihrer verlornen Ehre gelange; auf dass die Freude, die ihr zu erwecken geschaffen seid, ehrlicher und ritterlicher benutzt, und, statt der Dornen und Disteln eines Schlachtfeldes, das hohe mütterliche Gefühl auf euern rosigen Wangen entwikkelt werde, das ihr Schuldlosen in einer Bleichsucht ersticken müsst, die laut wider die Tyrannen der Welt, laut wider die Verächter eurer Reize um Rache schreit. Könnte ich durch rührende Darstellung aller der entzückenden Augenblicke, mit denen eure Sanftmut und eure Launeneure Stärke und eure Schwächeeure Schmeicheleien und eure lehrreichen, sanften Strafen, mir das Leben erheitert, und meine Besserung bewirkt habenmein abtrünniges Geschlecht zum Anschmiegen an das eurige wieder beilockenbei Gott! ich wollte mich keines wollüstigen Bildes schämen, das mir selbst die Tugend erlauben würde, zu dieser guten Absicht von euren geheimsten Reizen zu borgen; ich würde noch beim Austritt aus diesem jammervollen Planeten mit väterlicher Zufriedenheit auf die anwachsende Nachkommenschaft hinblicken, die ich mir schmeicheln dürfte zum Genuss besserer zeiten erschrieben zu haben. – Sollte sich in der auserwählten Schaar dieser Abkömmlinge einer befeuerten Liebe ein und der andere Fürstensohn befinden, so wünsche ich ihm zu dem seltenen Umstande seines Daseins Glück. Seine bürgerliche Stammhaftigkeit übernehme meine Verteidigung in dem Zirkel seiner Innung, in den Schlössern der Grossen, die sich zu vornehm dünken, der natur und der Einbildungskraft etwas schuldig zu werden.

Scheint Dir dieser Glückwunsch nicht mit jenem Abscheu zu reimen, den ich vorhin gegen die blutdürstige Kaste geäussert habe, die über uns herrscht, so hast Du zwar nicht ganz Unrecht: wenige aus ihrem MittelDu siehst dass ich billig binverdienen es, dass ein gutes Herz sich ihrer Fortdauer annimmt. Da sie denn aber nun einmal da sind, wäre doch wenigstens zu wünschen, dass sie nicht gleich in ihrer Geburt verunglückten, indem unsere demütige Lage nur desto schimpflicher wird, je krüppeliger sie selbst sind. Das ist so wahr, dass ich es damit wohl könnte bewenden lassen; aber, um es Dir offenherzig zu gestehen, ist es doch nicht die eigentliche Ursache des Absprungs meiner Ideen. Daran war wahrlich nur eine kleine Anekdote Schuld, die mir nach einer ganz andern Verwandtschaft von Begriffen eben beifiel. Ich würde sie, als einen überflüssigen Beleg, nicht einmal der Mühe wert halten meinen vorhergegangenen anzuhängen, nähme ich in dieser ungeduldigen Stunde nicht selbst nur zu gern alles mit, was mich, bei dem ewigen Aussenbleiben meiner Pferde, nur im mindesten zu zerstreuen vermöchte. Zudem kann man auch nicht wissen, ob nicht mein Geschichtchen recht gut bei Dir angewendet sei. Deine Verdienste werden Dich doch über lang oder kurz an das Ruder eines staates bringen. Zufällig könnte es ja wohl eins sein, das aus seinem natürlichen Schwung, und bloss aus der Ursache gekommen wäre, weil kein Mensch den Verstand hatte es darin zu erhalten. Meine Erzählung liefert nun, wie Du sehen wirst, eine recht gute praktische Anweisung hierzu.

Sie ist nicht wie so viele andere, die von Höfen in Umlauf und nichts weniger als bewiesen sind, aus der Luft gegriffen. Nein, guter Freund, die meine ist aus Quellen geschöpft, wie sie wohl selten einem Geschichtschreiber zu Gebote stehen. Ich wüsste zugleich keine aufzutreiben, die, ihren belehrenden Inhalt ungerechnet, geschickter wäre, mich über meine gegenwärtige drückende Lage zu erheben. Welche wohltätige Eigenschaft der Seele ist doch eine lebhafte Erinnerung! Ein einziger Rückblick, den ich über ein paar Dutzend verflossene Jahre werfen muss, um auf den Zeitpunkt der Begebenheit, um auf die schöne Nebenrolle zu kommen, die ich dabei zu spielen das Glück hatte, wie freundlich tröstet er mich über meine misslungene auf jenem bezauberten Sopha, den ich, übelgelaunter als je einen, eben verliess. Mögen meinetwegen die Postpferde bis in die sinkende Nacht ausbleiben, ich habe Zeitvertreib genug für mich und meine Feder gefunden. Es war ein gewisser, Gott weiss warum? verabschiedeter Kammerherr, eben des Hofs, von dem die