1791_Thmmel_094_124.txt

Dir zur verdienten Antwort einen Anblick, dessen Du gewiss gern überhoben sein würdest, rufe Dir mehr bleichsüchtige Mädchen in meinem Hörsaale zusammen, als Du übersehen kannst, und lege Dir jenes Bedürfniss, an dessen Dasein Du zweifelst, so zergliedert vor, dass Du froh sein sollst wenn nur i c h das Maul halte. Gehe ehrlicher mit mir zu Werke, guter Freund! Verstecke Deine gesunden Augen nicht immer hinter die Blenden Deiner Bücher, und ziehe erst, ehe Du mit mir rechtest, den schleichenden, unnatürlichen, unmännlichen gang in gehörige Betrachtung, den die schönste aller Leidenschaften in einem Zeitalter nimmt, das in so vielen Rücksichten nur von i h r seine einzige hülfe erwartet. Sage mir auf Dein Gewissen, Eduard, ob man es einem Schriftsteller, der nur einigermassen hoffen darf in gute Häuser zu kommenob man, anstatt ihn zu tadeln, es ihm nicht als ein Verdienst anrechnen sollte, wenn er das Herz fasst, M ä d c h e n l i e b e zu predigen, und sie mit so lebhaften Farben zu schildern sucht, als diese Art Malerei nur vertragen kann. Mag meinetwegen ein künftiges tugendbelobteres Jahrhundert meine armen Schriften zum Scheiterhaufen verdammen! Ich habe nicht das geringste dagegen; wenn sie nur vor der Hand in dem grossen Magazine notwendiger Uebel geduldet werden. Das ist doch weiter keine zu vornehme Anmassung, die mir Missgunst zuziehen, und nur jemanden in Angst setzen sollte, dass ich mir damit ein Aemtchen zu erschreiben gedächte, auf das er selbst Anspruch macht. Was könnte es denn für eins sein, als höchstens das eines Pestpredigers? das mühseligste in der ganzen Republikohne Rang, ohne Sporteln, und zu dem sich, schon seiner Gefahr wegen, nur wenig Kandidaten melden. Man gönne es mir doch! Das Ministerium kann ja die Stelle wieder einziehen, wenn sie überflüssig geworden und die Seuche vorbei ist. Auch kann meinetalben die Nachwelt die Arzeneien, die ich mir jetzt, sogar während der Kirche, kein Gewissen machen darf unter die armen Presshaften zu verteilen, als unnütze, verdorbene Waare zu den übrigen Exkrementen unsers Jahrhunderts werfen; leisten sie nur gegenwärtig eine solche Notülfe, wie sie ungefähr geschickte ärzte von einem Scharlachfieber bei Kranken erwarten, die an einer hartnäckigen Fühllosigkeit darnieder liegen. So würde auch ich bei denen, die ich in der Kur habe, es schon für ein gutes Symptom halten, wenn meine Umschläge ihre verschobene Einbildungskraft nur erst so weit wieder in Ordnung brächten, dass ihnen die gewöhnliche Hausmannskost nicht länger widerstände, die Schönheit und natur der Genügsamkeit darreicht. Könnten sich auch die Matterzigen nicht sofort bis zu jener Stärke eines reinen Gefühls erheben, dass sie an der Unbefangenheit und Unschuld meiner Margot, und an den eben so einfachen als gefunden Gerichten Geschmack fänden, die sie ihren bessern Bekannten vorsetzt; so wäre es einstweilen schon gut, wenn der Heisshunger sie nur in den ersten besten Gastof triebe, wie zum Beispiel der zum schwarzen Kreuze ist, von dem ich selbst eben zurück komme, und wo sich schon einer sättigen kann, der nicht an gar zu feine Ragouts gewöhnt ist.

Ich sehe, Eduard, Du zuckst die Achseln, drehst Dich seufzend von mir, und glaubst mir in Deine Bibliotek zu entwischen; aber den Weg dahin kenne ich auch, und es ist heute wohl nicht das erstemal, dass ich Dir bis vor Deinen Arbeitstisch nachschleiche. Du hast hier noch immer, wie ich sehe, um Deinen globum terrestrem sehr disparate Dinge herliegen: Landcharten und Zeitungen neben Garvens meisterhaften VersuchenSmit über den National-Reichtum neben Archenholz siebenjährigem Kriegehier sogar Lavaters geheimes Tagebuch über dem meinigenalles so bunt unter einander wie in der Welt selbst. Die Sachen, sagst Du, haben sich hier zusammen gefunden, wie ich sie nach Massgabe meiner Laune gebraucht habe, ohne dass sie unter sich selbst weiter etwas gemein hätten. Das ist zu glauben, lieber Eduard, und in so weit mag auch wohl eins so viel Recht auf seinen Platz haben als das andere. Indess hätte ich wohl die Grille, dass ich genau wissen möchte, was ein Schächer wie ich, unter einer so gelehrten Gesellschaft allenfalls für einen behaupten könne, wenn hier nur das Verdienst um die Welt den Rang bestimmte. Schiebe nur mein unglückliches Tagebuch herich bin darin doch am meisten belesen, und muss am besten wissen, wo seine Stärke und Schwäche liegt. – Was hast Du mir nun aus dem Haufen, den ich Dir lasse, entgegen zu setzen, um mich zu demütigen? Jenen Moralisten dort? O! streiche ihm nur ein wenig seine Runzeln, mir aber meine struppigen Haare aus dem gesicht, und Du wirst zu Deiner Verwunderung eine gewisse Gleichheit der Verwandtschaft entdekken, die mich Dir um vieles erträglicher machendie mehr als alles Dich aufmuntern wird, mich gegen diejenigen in Schutz zu nehmen, die mir so gern die Titel meiner Herkunft abstreiten möchten.

Um Dir die Sache zu erleichtern, so breite, mit Beihülfe unsers Archenholz, nur Deine Landcharten und Zeitungen aus einander, und halte nun die Kinderspiele meiner Phantasie, wie ich sie Dir zureiche, gegen die Ritterspiele der Grossenmeine nackenden Gemälde gegen ihre blutigen Bataillen-Stücke, und irre mit philosophischem Auge von den einen zu den andern. Ich lasse Dir Zeit, Freund, und verlange nicht, dass Du mir eher gewissenhaft erklären sollst, welche von beiden Du für verdienstlicher hältst, als