Kriminal-Gerichte, cum grano salis empfehlen möchte, Erlass einer entehrenden Strafe verschafft, teils sie, statt in das Raspelhaus, unter die Haube gebracht, teils durch das falsche zeugnis einer ehrlichen Geburt, wovon meine lachenden Kollegen mir die Verantwortung überliessen, in eine bürgerliche Zunft verholfen habe; wie viele dankbare Tränen würden nicht um den Mann fliessen, der jetzt selbst in dem misslichen Fall ist, um Abolition zu bitten! Doch ich weiss es endlich zu gut, wie man es anfangen muss, sie ohne viele Unkosten zu erhalten. Ich frage nur den Referenten bei dem Tribunal, das sich etwa anmasst über meinen Handel in der Nebenstube zu urteilen – ich frage ihn auf sein Gewissen, ob nicht sein erster Gedanke war, als er meine Akten durchlas: O wärest du doch an der Stelle des Inquisiten gewesen! Du hättest deine Sache schon besser machen wollen. Es ist zwar noch die Frage, ob der Herr wahr redet – Aber schon der gang seiner Empfindung sollte es ihm doch begreiflich machen, dass es hart sein würde, mich nach der Halsgerichts-Ordnung Karls des Fünften, oder nach den rationibus decidendi eines Carpzov zu richten.
Das Studium der Toleranz ist eine der schönsten neuern Erfindungen. Sie verdiente, so gut als die Oekonomie, eine eigene besoldete Lehrstelle. Fände sich einmal einer der Nutritoren unserer Akademien, der Ursache genug hätte, diese Wissenschaft in solch einen besonderen Schutz zu nehmen, so wollte ich vorläufig raten, dass er ihr ja keine andere als die umgekehrte Ordnung unserer so genannten Brotstudien anwiese. Der erfahrne Lehrer, wenn ja über ein Kompendium gelesen sein muss, lege kein anderes zum grund als ein – nur richtiges – Protokol seines eigenen Lebens, und ziehe dabei, wo dieses nicht hinlangt, die Beichten zu Rate, die einige grosse Männer öffentlich abgelegt haben – einen Petrarch und Lavater, einen Rousseau und Fielding, den heiligen Augustinus und mich. Wäre auch ihren Aussagen nicht immer zu trauen, so wird er es doch bald genug merken, wo der eine falsch gesehen, der andere falsch geschlossen – der eine zu viel, der andere zu wenig gesagt, der – gelogen, jener – seine Schwachheiten bemäntelt, oder gar mit der Maske der Tugend verlarvt hat. Er führe seine Zuhörer an, über dem Chaos ihrer trotzigen und verzagten Herzen zu schweben, suche es ihnen geläufig zu machen, ihre eigenen Empfindungen auf alle mögliche menschliche Zufälle zu kalkuliren, und sich in das Alter, in die Umstände und in das stürmische Blut dessen zu versetzen, den ihre ruhige Vernunft zu verdammen eilt. Er lehre den Jüngling Tagebücher halten, wie das meinige ist, und, wenn die Langeweile seines hinschleichenden Lebens ihn bitter und böse gemacht hat, kein anderes Buch fleissiger lesen. Meinetwegen mag er auch, wenn er Herz und Geschick genug dazu hat, es zum Besten der Welt, mit allen den moralischen Anmerkungen drucken lassen, die ihm Zeit und Erfahrung behülflich gewesen sind zu sammeln. Es ist freilich nicht die gewöhnliche Art die Tugend zu predigen, wenn man sich selbst auf den erhabenen Ort des Prangers stellt; aber desshalb ist es auch nicht die schlimmste. Es gibt der Mittel viel, eine heilsame Arzenei gemeiner zu machen. Jedes Jahrhundert, jeder Quacksalber, jeder Professor hat sein eigenes. Wird denn nicht jetzt selbst das feste Wort des Herrn in einem neuen Modegewande ausgeboten? Warum sollte denn nicht auch ich einen noch wenig versuchten Weg betreten, um durch ein offenes geständnis meiner Verirrungen jedem andern menschlichen Herzen näher zu kommen?
Ueberhaupt muss der Mann besser rechnen können als ich, der sich zu bestimmen untersteht, ob dieses oder jenes beschriebene Blatt zum Nutzen des Ganzen mehr beitragen werde. Ziehen die Schriftsteller, wie gewöhnlich, nur ihre Eigenliebe darüber zu Rate, so ist die Frage freilich geschwind genug zur Ehre ihrer Talente entschieden; aber auch hier hängt alles von der Weisheit jenes unsterblichen, unbekannten und glorreichen Genius ab, der auch den anspruchlosesten Lumpen noch immer gebrauchen kann, einem B e d ü r f n i s s e mehr, auf einer solchen Bettlerwelt als die unsrige ist, abzuhelfen.
Du räusperst Dich, Eduard, winkst mir inne zu halten, und die Lust des Widerspruchs schwebt Dir um den Mund. Gut! Meine Pferde sind noch nicht da, meine Tinte ist fliessend, und Papier und Federn liegen noch auf dem Tische. Das schreckt Dich nicht, ich weiss es; so lass denn hören! – "Wenn du glaubst," hebst Du trocken an, "mit allen deinen Tadlern eben so gut fertig zu sein als mit mir," wie ich denn das wirklich geglaubt habe, "so tut es mir leid um deinen schönen Traum. So lange dein Tagebuch nur unter uns, und, wie so viele andere Schreibereien der Welt, nur Manuscript unter Freunden bleibt, o! da verlohnt es sich freilich nicht der Mühe viel Aufhebens davon zu machen. Nimmst du aber den pro securitate publica so bedenklichen Fall an, dass die Gemälde deiner Unsittlichkeit zu der Ehre einer öffentlichen Ausstellung gelangen, so wäre ich wohl neugierig das B e d ü r f n i ss zu erfahren, das euch leichtsinnige Schriftsteller berechtigen könnte, eine leidenschaft zu spornen, die wir ohnehin Not genug haben im Zaume zu halten." – Das klingt nun sehr systematisch – sehr ernstaft, und hat mir Mühe gekostet herzuschreiben. – Aber mache mich nicht böse, Eduard! sonst verschaffe ich