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hier ..." und hielt inne, weil sich, wie ich das Wort aussprach, der Begriff von Sehen und der Begriff von Schlafen so gegen einander stiessen, dass nach gewöhnlicher Rechnung ein Unsinn zum Vorschein kommen musste.

Der Schlafseher liess mich indess nicht lange in dieser Verlegenheit. – "Ich kenne Sie!" fiel er mir vernehmlich in's Wort, und wahrlich, er nannte meinen Tauf- und Zunamen. – Nun wusste ich gewiss, dass ich weder am Tore noch im Gastofe so umständlich mit mir gewesen war, und fühlte mich also schon nicht wenig über diesen Beweis seiner Kenntniss betroffen. Als er aber auf die zwote stotternde Frage, die ich vorbrachte, mit derselbigen Deutlichkeit fortfuhr: "Sie verliessen Ihre Studierstube in dem ungläubigen Berlin, und haben wohl getandie mittägliche Sonne von Frankreich wird Sie erwärmen und stärken" – so sträubte sich mir das Haar: – doch ermannte ich mich, um auf eine Frage zu sinnen, die dem ungläubigen Berlin keine Schande brächte. – Meiner tiefliegenden Augen und meines abgefallenen Gesichts bewusst, – so dachte ich, – muss derjenige sehr klar sehen, der dein Alter erraten will. – Ich fragte ihn also nach dem Tag und der Stunde meiner Geburt; undach! er bezeichnete beides auf das Bestimmteste, und setzte noch einen Umstand hinzu, der mir selbst bisher fremd geblieben war, und nur Geistern bekannt sein kann, die den feinsten Zusammenhang des Universums mit Einem blick übersehen.

"Sie sind, lieber Fremder," sprach er, "nach unserer irrigen Zeitrechnung den fünfzehnten des letzten Monats des Jahres 1747 in der Stunde und Minute geboren, als viele Dolche, durch das Verhängniss geleitet, die grausame Seele Schach Nadirs aus seinem Riesenkörper in das enge baufällige Behältniss des Ihrigen verwiesen, wo sie genug für alle ihre Uebeltaten büsset."

Pytagoras selbst hätte mich schwerlich von der Seelenwanderung vernünftiger und überzeugender belehren können, als diese Tatsache, die weder mein Geburtsschein noch meine Empfindung widerlegen konnte. "Ach mein Gott!" rief ich mit kläglicher stimme aus: "Die Seele eines Tyrannen des Orientsin dem ausgemergelten Körper eines preussischen Untertans? Aus so einer widersinnigen Zusammensetzung kann freilich kein glückliches geschöpf entstehen! Auf allen Fall ist es nicht meine Schuld. Hat sie vormals Böses getan, so büsse sie dafür! Strafe genug, dass sie jetzt einen schwindsüchtigen Körper lenken, und, belastet von ihm, die Vorzimmer von Leuten durchkriechen muss, denen sie einst vielleicht kaum die Aufsicht des Serails anvertraut hätte."

Nach einigem Nachdenken erholte ich mich jedoch in so weit von dieser niederschlagenden Nachricht, dass ich auf die vielen glücklichen Tage zurück sehen konnte, die ich, unerachtet meiner misslichen Zusammensetzung, dennoch gewiss erlebt hatte. – Es musste mich notwendig befremden, wie einer so gerecht bestraften Seele Gefühle vergönnt wurden, die nur Belohnung der Tugend sein sollten. – über diesen wichtigen Einwurf nahm ich mir vor ein andermal nachzudenken, da es mir jetzt mehr um die Wiedererlangung jener Empfindungen, als um die Ursache ihres vorigen Daseins und hres Verlusts, zu tun war. – "Würdiger lieber Herr," fuhr ich also fort, "durch was für Mittel kann ich diese ernste Strafe wo nicht aufheben, doch mildern?" und wusste in diesem Augenblicke selbst nicht, ob die asiatische Seele oder der preussische Körper sprach. – "Nur ein herzliches lachen," war seine orakelmässige Antwort, "kann Dir hülfe verschaffen!" –

Nie ist wohl eine täuschendere Antwort auf eine höhere Erwartung gefallen. Ich war wie versteinert, dass er mir ein so gemeines Hausmittel empfahl, da ich nichts weniger als ein überirdisches Specifikum mir vermutend war. Sobald ich meine Sinne ein wenig gefasst hatte, kam die natürlich folgende Frage von selbst: – "Aber, mein gütiger Herr! – da nichts in der natur mehr die wohltätige wirkung auf mein unreizbares Zwergfell hervor bringt, wie und wo soll ein so armes niedergeschlagenes geschöpf diese Bewegung der Freude, die Sie ihm verordnen, aufsuchen und finden?" – Und nun sprach der wahre Geist eines Propheten aus ihm:

"Dem harrt ein SchatzScherz und Gelächter rufen

Trost dem Bedrängten zu, den Nadirs Geist belebt,

Wenn Gottes Mittagsstrahl nuf neun und neunzig

Stufen

Ihn über unsre Stadt erhebt." –

Meine Verlegenheit war jetzt auf das höchste gestiegen. Ich, faltete die hände, und rief äusserst bewegt: "Göttlicher Mann!, siehe an die Fesseln meines irdischen Leibes! Wie sollte ich mich über den Nebel dieser Stadt erheben können?" – Denn nimmermehr hätte ich in diesem Augenblicke geglaubt, dass die Auflösung dieser Schwierigkeit so leicht wäre, als ich es doch nach seiner erklärenden Antwort: "Auf den neun und neunzig Stufen ihres stolzen Turmes" finden musste. Das ist doch nun, dachte ich, so bestimmt gesprochen, als man nur von einem Propheten erwarten kannund was noch mehr diese Weissagung von allen andern unterscheidet: der Mittagdie Zeit ihrer Erfüllungist nahe. Tief bückte ich mich gegen meinen Helfer, und warf noch die, meinen Begriffen nach, unbedeutende Frage hin: "Ob er sonst noch etwas, in mir entdecke, das mir unbekannt sei?"

Zusehends entflammte sich sein Gesicht, und blickte verächtlich auf die Kenntnisse meiner selbst herab, mit denen mich mein geheimer Stolz zu täuschen suchte.- "Ja," sagte er, "ich sehe einen Flecken