der Tugend, auf Altäre gestellt – durch heillose Künste das zarte Gefühl des Gewissens verhärtet – manche schwache Seele durch Freipässe zum Laster sicher gemacht – an jede Lampe, die eure heiligen Concordien, Magdalenen und Madonnen erleuchtet, einen Trost für Verbrecher gehängt – durch ihren wertlosen, erdichteten Nachlass die Armut um ihr Brod betrogen – durch eure geweihten Todtenbeine Verstand und Unschuld erhitzt und geschändet – und an Rosenkränzen, unter dem Zeichen des heiligen Kreuzes, manches ehrliche Mutterkind in das Lazaret verlockt habt – könnte ich doch, o ihr Verworfensten des Menschengeschlechts! alle eure Nischen und Kapellen – alle eure dem Verbrechen geheiligten Schutzörter zerstören, wie ich jetzt die giftschwangern Blätter vernichtet habe, die meiner leidenschaft stöhnten! – Und ihr, meine guten Landsleute, die ihr etwa nach mir diese Miete beziehet, danket es mir, dass ich sie voll jener unsaubern Gesellschaft, deren Asche bald in alle Winde verfliegen wird, gereiniget habe! Kauft dafür zu euerm Zeitvertreibe Rousseau's geistreiche Schriften bei euerm Nachbar Fez, und lest sie im Angesichte seiner Büste! Vor den bezaubernden Reizungen der Psalmistin brauche ich euch kaum zu warnen: ihr kennt sie nun, und auch sie selbst wird schwerlich einem Ketzer mehr trauen.
Wenn die kürzeste Torheit die beste ist, so darf ich nach allein dein, was die meinige bei ihrer Entstehung zu werden versprach, immer noch froh sein, dass sie nicht den siebenten Tag überlebt hat. Ihre pittoreske Ausstellung ist freilich – ich will es lieber selbst erklären, ehe es ein anderer sagt – die partie honteuse meines Tagebuchs, die ich gern, so wenig ich auch sonst auf kastrirte Schriften halte, davon trennen möchte, wenn es nur ohne Beschädigung des Ganzen geschehen könnte. – Der Sturm war heftig, Eduard; ich verlange keinen seiner Art noch einmal zu erleben – aber da er nun glücklich vorbei ist, möchte ich auch um vieles nicht die Erfahrung missen, die er mir gab. Er hat mir die tiefsten Blicke in den Abgrund geöffnet, zu dessen Erforschung alle, die ihn befahren, das Ihrige beitragen sollten; und ich kann wohl sagen, dass ich nie einen stärkern Beruf gefühlt habe, über seine gefährlichen Klippen zu predigen, als eben jetzt, da ich, ermattet und zerschlagen, von ihm zurück komme. Es wäre doch sonderbar, wenn etwa alle Wegweiser der Tugend und der Sitten aus diese Weise zur Welt kämen, und uns nur weiss machen wollten, dass sie urplötzlich mit Spiess und Schild gerüstet, gleich Minerven, aus Jupiters Gehirn gesprungen wären. Für das Ansehn im Publiko möchte diese Verläugnung ihrer wahren Abkunft allerdings sein Gutes haben: aber diesen Herren selbst, wenn sie nun einander antreffen, müsste es, dächte ich, alsdann auch gehen, wie dem ehrlichen Cicero, der, sobald er zum Augur geweiht war, keinem andern Augur auf der Strasse begegnen konnte, ohne zu lachen. –
Die Pferde wollen noch nicht kommen, und doch hätte ich so gern diese hässliche geschichte hinter mir, an die mich hier alles auf das unangenehmste erinnert, von der glimmenden Asche an in meinem Kamine, bis zu den leeren Bänden, die, wie Schlangen- und Krokodillen-Bälge, daneben liegen. – Ja wohl, ja wohl, lieber Eduard, ist es eine hässliche geschichte! Was würde aus meinem guten Rufe werden, wenn sie durch Deine Nachlässigkeit oder Deinen Mutwillen bekannt würde! Lass mich, ehe ich Avignon verlasse, darüber noch erst Abrede mit Dir nehmen. Suche es auf allen Fall – ich rede jetzt ernstaft mit Dir, lieber Freund, – wenigstens zu vermitteln, dass mich die letztvergangene unglückliche Stunde nicht zu sehr in dem guten Zutrauen unserer Damen zurück setze. Gieb den ganzen Handel für ein Spiegelgefecht meiner luxuriösen Einbildungskraft – für eine launige Spötterei über die falsche Glorie menschlicher Tugend aus. Und wenn das auch nicht verfangen will, so gehe nur den jetzt so gewöhnlichen Weg, der selten fehl schlägt, und mache, wenn von meinem Falle gesprochen wird, eine geheimnissvolle Miene dazu! Was gilt's, man übersieht alsdann die Wahrheit, und sucht nun hinter meinen Nuditäten versteckte Prophezeihungen, wie man sie in dem hohen lied sucht. – In dem hohen lied? sagte ich. Wie kommt mir das ein? Ich widerrufe diese Vergleichung, die meinem Tagebuche offenbar Unrecht tun würde. Salomo mag es mir nicht übel nehmen; aber, nach meiner Einsicht, hat ihm der Zufall viel zu viel Ehre erwiesen, seine poetischen Grotesken bis auf unsere zeiten zu erhalten, zumal in der ehrwürdigen kanonischen Maske, hinter der sie vermummt sind. Ich bin zwar von dem Stolze weit entfernt, mich in der feinern denkart und in der höhern Dichtkunst für ein Muster auszugeben; unser Vaterland hat deren ganz andere aufzuweisen, die so sehr respektirt werden, dass man sie kaum liest – aber doch glaube ich behaupten zu können, dass, so erhabenschlüpfrig auch jene erotischen Vorstellungen des Orients sein mögen, meine kleinen deutschen, anspruchlosen Gemälde doch immer noch natürlicher, höflicher und geschwinder zum Zwecke führen, als jener Gesang aller Gesänge. Klärchen – ich will sie nicht loben – ist gewiss niedlicher gebaut als die Sulamit; und es käme noch darauf an, ob sie nicht besser als jene zu einem emblematischen Modelle der christlichen Kirche dienen könnte. Doch sage ich dieses nur im Vorbeigehen, und wahrlich ohne den mindesten Anspruch: denn, ob es mir gleich Spass machen sollte, wenn Du meine schönen Landsmänninnen dahin brächtest