verächtlichsten Blicke den sie fassen konnten, nach mir Unglücklichem zu. – "Gehen Sie, mein Herr," rief sie mit sublimer stimme: "Machen Sie, dass Sie bald aus unserm haus kommen! Es ist kein Glück und Segen in Ihrer Nachbarschaft." – Mehr erlaubte ihr der Schmerz nicht vorzubringen. Sie stützte ihren Kopf auf die rechte Hand, über die ich neue Tränen in Perlen herab rollen sah. Ich stand wie versteinert vor dem so hoch betrübten kind. Eine Weile darauf erhob sie noch einmal ihr trauerndes schönes Gesicht und ihre bebende stimme. "Muss ich Sie noch immer sehen, mein Herr?" fragte sie mit einer Empfindlichkeit, die mir das Innerste der Seele bewegte. – "Undankbare!" versetzte ich jetzt mit tragischem Ernste: "Sie soll ich, Ihr Haus soll ich – mein Näherrecht soll ich verlassen? Und Sie wollten das Knieband der Madonna – den Ablassbrief Papst Alexanders – wollten Sich alle seine Indulgenzen zueignen, ohne mir nur eine kleine Frist zu gönnen, sie mit Ihnen zu teilen?" – "Das," fiel mir das fromme Mädchen mit unbegreiflichem Stolz in's Wort, "ist noch der einzige Trost in meinem Unglücke, dass ich diese Heiligtümer unwürdigen Händen entreisse! – Auf meiner Seite habe ich die Bedingungen erfüllt, mehr als zu sehr erfüllt, und bin darüber in Ruhe. Diess, mein Herr, ist, bei der gebenedeiten Mutter! das letzte Wort, das Sie von mir hören. – Jetzt können Sie gehen, oder meine Tante erwarten, wie es Ihnen beliebt." Sie hatte kaum ihrer Tante erwähnt, so ward mir schwühl um das Herz. Ich wagte keinen Augenblick länger zu verweilen, und, nach ein paar hingeworfenen Worten zum Abschiede, die mir das geschöpf nicht einmal beantwortete, eilte ich zur tür hinaus, die ich auch sogleich hinter mir zuriegeln hörte.
Ich kannte mich kaum vor Aerger, wie ich in mein Zimmer trat. Ich klingelte nach Bastian, um ihn zu fragen, was er wolle? und klingelte ihm wieder, um ihm zu befehlen, ungesäumt einzupacken und die Post zu bestellen. – Ich will fort, Eduard! Was brauche ich die Zurückkunft der alten Hexe erst abzuwarten? Sie ist für ihre Miete einen monat voraus bezahlt, und ihr heiliges Klärchen kostet mir ein und vierzig Dukaten, die ich nicht übler hätte anwenden können. Was soll ich länger an diesem abscheulichen Orte? Es würde mich nur um mein Bisschen Verstand bringen, wenn ich noch einen Abend hier verleben, die Ankunft des Propstes erinnern, und wohl gar bei seiner morgenden Inspektion gewärtigen müsste, mit meinem Stimmhammer konfrontirt zu werden. Wohl mir, dass ich der unterirdischen Wirtschaft dieses Gesindels noch so glücklich entwischt, und der Mühe überhoben bin, um den Preis des vermaledeiten Ablassbriefes noch einmal mit den Geistern der Hölle zu ringen! Ich tue hiermit feierlich Verzicht auf meinen Anteil an jenem unheiligen Fetzen, der einst Zeuge der Mordschaffenden Umarmung eines ehrlosen Papstes war, und jetzt, als Zeuge der verräterischen Heuchelei eines nichtswürdigen Mönchs, das Knie seiner B u h l e r i n gürtet. Das Wort, um das ich so lange ungewiss herum ging, ist endlich, gottlob! über die Zunge – Ich nehme es nicht wieder zurück, Freund! und hoffentlich wirfst Du mir auch nicht vor, dass ich es zu voreilig gesprochen habe. Aber was kümmert es mich? Mögen doch diese Heiligen ihr Unwesen treiben, bis sie selbst zu Reliquien werden! Mein armer Kopf! wie er feuert und tobt! Ich muss – ich muss meine Bosheit tätiger auslassen als mit der Feder! Weisst Du, von woher ich zurück komme? Ich habe dem gesegneten Andenken des vortrefflichen Rousseau, das ich vor einer Stunde so grausam beleidigte, mein Versöhnungsopfer gebracht; habe alle die teuflischen kasuistischen Bücher meiner Schlafkammer vertilgt, die mich, grosser Gott! der Versuchung so nahe brachten, ein Jesuit zu werden. Von dem Traktat an de probabilitate bis zum Sanchez de matrimonio – von siebenzehn Büchern, mit denen ich in nähere Bekanntschaft geraten war, ist nichts übrig, als die leeren Hornbände, und das einzelne Blatt aus der Legende der heiligen Klara, das den grossen Beweis der Dreieinigkeit entält, und das mir noch beifiel aus dem Feuer zu retten, um es als einen Beleg meiner Erzählung zu gebrauchen, als das Buch schon lichterloh brannte. Alles übrige ist vom Feuer verzehrt. Der Scheiterhaufen dieser unseligen Werke brannte gerade unter der Büste jenes unsterblichen Schriftstellers – Die empor rollende Flamme rötete, je mehr sie sich in dem Kamine verbreitete, sein blasses Gesicht, das, wie vom Feuer der Tugend belebt, auf mich herab blickte. Ich glaubte in seinen ernsten Mienen die höchste Missbilligung meines Leichtsinns zu lesen, und schamhafte Reue über die Verirrungen meiner verlockten Sinne färbten nun meine Wangen.
Wenn Bilder von jenen Tausenden Seliggesprochener gleiche Empfindungen zu schaffen vermöchten ... ach! wer könnte die religiöse Verehrung derselben verdammen? Wer könnte alsdann über die Andacht eines fühlenden Mädchens spotten, das vor der Madonnengestalt neben ihrem Bette das Knie beugt, um ihre schwankende Tugend zu stärken? Wer möchte es wagen, ein Bild, das zur Erinnerung an Ehre und Rechtschaffenheit dient, – es sei ein Boromeus oder ein Rousseau – aus seinem Gesichtskreise zu verbannen? – O, ihr Päpste, Pröpste und Mönche! die ihr eine Legion von Lotterbuben, nicht zur Bewahrung, sondern zur Verführung