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nicht achtete, das tanti poenitere non emo nicht begreifen konnte, und an allen Ecken der Stadt betrogen wurde. Aber diesen Ring wenigstens habe ich gewiss nicht zu hoch bezahlt; denn, ungerechnet, dass, so lange ich auf der Messe war, nicht ein Tag verging, wo ich mir nicht die Lust machte, seine Feder ein paarmal springen zu lassen, und kein Abend, wo es mir nicht durch seine Vermittelung gelang, diess artige Kind in ihr Quartier zu begleiten, hat er mir auch noch in der Folge meines Lebens die wichtigsten Dienste geleistet. Die Ringe des Giges und des Salomo in Ehren, hat doch sicher keiner eine so süsse magische Kraft von sich geströmt, als der meinige. An seinen Besitz scheint das Geschick die vielen glücklichen Stunden geknüpft zu haben, die ich seit jenen erstern der Frankfurter Messe verlebte. Sollte auch die junge Putzhändlerin noch nicht ganz von der Oberfläche unserer Erde verschwunden sein, so würde ich sie doch schwerlich jetzt aus ihren Runzeln hervor ziehen können, wenn sie mir irgendwo wieder aufstiesse; aber das jugendliche Andenken, das sie mir mit dem Ringe übergab, wird hoffentlich mir so lange noch zu hülfe kommen, als ich unter den Lebenden wandle. O du überschwengliches Glück der Einbildungskraft und der Erinnerung! Und doch wie wenig wirst du in unserm Alltagsleben benutzt! als ob wir Armen unserer flüchtigen Freuden noch so sicher, und des wiederholten Genusses der gegenwärtigen Augenblicke noch so gewiss wären! Liesse jeder Ehelustige seine Braut am Tage ihrer Uebergabe in dem Costume meiner Putzhändlerin unter dem Krystalle seines Traurings malen, die erste Auslage würde ihm in altern Jahren zehnfach wieder zu gute kommen. Wie mancher widrigen Stunde der Erschlaffung würde er durch diese Kleinigkeit wieder aufhelfen! Wie manchen häuslichen Zwiste könnte er mit diesem Dokumente, das beiden Teilen zum Beweise dienen würde, vorbeugen! Warum rettetet ihr nicht, ihr Veralteten, einen Feuerbrand aus eurer Jugend, an dem sich jetzt euer erkaltetes Herz erwärmen, und der euch mit wiederkehrenden Kräften beleben könnte? So stecke ich allemal, und selten umsonst, meinen Frankfurter Ring an den Finger, wenn ich nötig habe den jungen Herrn zu spielen. Er dient mir oft als ein Medusen-Kopf, mit dem ich den feindlichen Ernst aus meinem Museum verjage; und nie vergesse ich, ihn in so kritischen Stunden zu tragen, als mir heute zu teil wurden. Wundershalber will ich nur sehen, wie lange er seine magische wirkung noch äussern, und ob nicht, wenn seine Feder erschlafft und seine Farben verbleichen, auch endlich sein jugendlicher Einfluss auf mich selbst verschwinden wird?

Doch ich bin und bleibe ein Schwätzer, und vergesse immer die eine geschichte über der andern. Mache es nur jetzt, um geschwind von der Sache zu kommen, wie ich es eben mit dem Ninge gemacht habe, lieber Eduard; besieh erst noch einmal auf das genaueste das artige Brustbild meiner Heiligendie verschämte ängstliche Mienedas belebte Kolorit, und das Steigen und Fallen ihrer frommen Empfindungen; und nun wende geschwind das Blatt um, wenn Du Dir auch die andere Hälfte des pitoresken Anblicks gönnen willst, den ich erlebte. Du gehörst, gottlob, nicht zu jenen Unerfahrnen, die ich verscheucht habe, und es würde wohl sehr lächerlich herauskommen, wenn ich einem mann, wie Du bist, meinen guten Rat mit auf den Weg geben wollte. Als Schüler Epiktets, weisst Du zu gut den schnellen Begierden zu entfliehn. Dich wird kein Uebersprung In's Tal der leidenschaft den Faunen beigesellen, Die meine Muse, trotz dem Diadem von Schellen Auf ihrem haupt, nie besung. Die Weisheit führe Dich mit Glück durch jene WellenUnd Schlangenlinien den angestaunten Zellen Der feinsten Haut vorbei, bis in die Dämmerung Der Werkstatt der natur, die selbst mein Adelung Zu schüchtern ist Dir aufzuhellen. blick, alter Freund, blick her! An diesen Wunderquellen Sah sich ein Nestor wieder jung. Wie bebend stand sie da, die Perle der Pücellen! Wie ein verklärter Geist, den an des himmels Schwellen Ein Schauer der Verherrlichung Zum erstenmal ergreift! Sie, jedem Dichterschwung, Zu hoch, sie traulicher dem Auge darzustellen, Ist keine Sammlung von Pastellen, Ist keine Sprache reich genug. Wie ward mir! Ach, aus meinen Augen blickte Ein Herz, das wie ein Gott genoss; Die stimme fehlte mirin meinen Adern floss Ein Feuerstrom, der sie nur stärkender erquickte, Je wütender er sich ergoss. Die Lieb' in Ungestüm verweilte nirgendspickte Ein Röschen hier, das seinen Kelch verschloss, Eins dort, das sich schon besser schickte, Schon prahlender in Blätter schoss, Und jedes, das die lange Zeit verdross, Die es umsonst im Schutz der Interdikte Der Lüsternheit entgegen spross. So schweifte mein Gefühl mit wechselndem Gewinnste Durch Berg und Tal, den Bienen gleich, und sog Sich vollflog schwererund verflog Zuletzt sich an das Kreuz, das unter Florgespinnste Des Propstes Zaubergriffel zog. Wie ängstlich flatterten die aufgeschreckten Reize Der Scham, den Tauben gleich bei einer Reiherbeize, Von allen Scherzen ausgezischt Aus dem Tumult. Genug! – mit Tränen untermischt, Wird nun der Opfertrank dem lang' getäuschten Geize Des hungrigsten der Götter aufgetischt. Doch kaum begann das fest, die Augen angefrischt, Sah ich kaum, unter mir, von dem versteckten Kreuze Des Propstes den Kontour verwischt, So fühlt' ich schon mit jedem blick von Klaren Die Strahlen seines Banns mir in das Auge