, die mit ihren Nasen dabei waren. Sie sahen zwar den Erfolg, glaubten sich klug in den Zeitungen zu lesen, und tappten nichts desto weniger im Finstern. Die wahren wirkenden Ursachen der begebenheiten kann sicher nur erst das darauf folgende Zeitalter entwikkeln, das die geheimen Schubfächer der abgetretenen Akteurs ohne Rücksicht auspackt, und gegen einander vergleicht. Dann erst sieht man, wie einer den andern mit falschen Wechseln und falschen Quittungen betrog: wie dieser und jener grosse Mann die Marionette seines Schreibers, der Spott seiner Vertrauten, der Ball seines Weibes, seines Kanzlers oder seiner Buhlerin war, ohne es nur zu ahnden; lächelt über die geringfügigen Mittel, durch die der Regierer der Erde ihr bald Konvulsionen erregt, bald ihren Schlummer bewerkstelligt; und spottet herzlich über die festen Erwartungen eines ewigen Nachruhms, der oft, kaum zwanzig Jahre nachher, durch ein glücklich entronnenes Papier verraten, als eine lächerliche Anmassung der grossen Männer die darnach zielten, dokumentirt wird. Nun wäre mir zwar in Absicht des Nachruhms das dereinstige Schicksal meines Tagebuchs so ziemlich gleichgültig; aber doch möchte ich gern, so viel an mir ist, alles mögliche Unglück verhüten, das durch seine Erhaltung entstehen könnte. Und wenn es sich zutrüge, dass allererst hundert Jahre nach meinem tod, wo ich von dem schönen Geschlechte weder etwas mehr zu hoffen noch zu fürchten habe, ein unschuldiges und mit den Zumutungen der Liebe unbekanntes Kind meine zeitige Handschrift aus dem Staube eines alten vergessenen Schrankes hervor kramte, und sich nun bis hierher so glücklich hinein buchstabirt hätte, um ohne Anstoss weiter fortlesen zu können, so sollte es mir noch leid tun, wenn es nicht abgerufen würde. Erlaube mir immer, mein Eduard, dass ich mich diesen nach Wahrheit strebenden Geschöpfen, die noch nicht wissen, dass ihnen nicht jede Wahrheit gut ist, mit einer freundschaftlichen Bitte entgegen stelle.
Lesen Sie also nicht weiter, meine jungen liebenswürdigen Freundinnen aller folgenden Jahrhunderte, wenn Ihnen die Ruhe Ihres Herzens und der Glaube Ihres künftigen Eheherrn lieb ist! Es ist wahrlich nicht der Mühe wert, dass Sie Ihre Augen mit diesem veralterten Plunder verderben! Studieren Sie lieber eines von den schönen moralischen Werken, in denen es vermutlich Ihre Zeit der meinigen um ein grosses zuvor tun wird! Stecken Sie Ihr Halstuch fester, das ein wenig klafft! Ziehen Sie Ihre Schleifen enger zusammen, und lassen Sie mich jetzt ruhig mit meinem Freunde schwatzen! Ein junger Mensch, der sich mit einem andern Flüchtling über die Irrtümer seiner Jugend unterhält, geschähe es auch nur aus der weisen Absicht, der Eitelkeit der verführerischen Wollust näher auf die Spur zu kommen, ist wirklich kein Gegenstand der Aufmerksamkeit eines behutsamen Mädchens; und ich gestehe Ihnen offenherzig, dass ich nichts weniger als die Ehre Ihrer Gegenwart bei dem nächsten Auftritte erwarte. Ich sage es Ihnen im voraus, dass dort alles bunter durch einander gehen wird, als Ihre stille Lage vertragen kann. Sie würden, wie Sie auch wohl schon aus den Vorbereitungen geschlossen haben, nichts mehr und weniger, als die geheimen Netze einer Heiligen bloss gestellt finden – eine Ansicht, die, bei der Kenntniss Ihrer eigenen Reichtümer, Ihr Auge nur empören muss, ohne es zu befriedigen. Sie würden – sehen Sie Sich in den Spiegel! – eine person von gleichem liebenswürdigem Anstände in einer Unordnung finden, in die Sie hoffentlich nie zu geraten wünschen. Und sollten Sie vollends einen Seitenblick auf mich werfen – ach! so würden Sie noch weniger begreifen können, wie ein Verehrer der unbescholtenen Sittsamkeit Ihres Geschlechts ihr jemals so nahe zu treten im stand sein konnte. Die Wissbegierde meines forschenden Geistes, mein natürliches Kunstgefühl, mein Kontrakt mit Märchen, und die berauschende Hitze des hiesigen Klima's, würden mich doch nur schlecht bei Ihnen entschuldigen; auch würde das Versprechen, mich künftig artiger zu betragen, nur wenig bei so holden Geschöpfen verfangen, die ich einmal genötigt hätte, sich, gleich den empfindlichen Pflanzen, in sich selbst zurück zu ziehen; und, was mich am meisten kränken würde, ich könnte, wenn Sie meine geschichte nun ganz übersähen, mit der Wahrheit in ein Geschrei kommen, das sie doch nicht immer verdient. – Die Lehre, die etwa für Sie, meine Freundinnen, in meiner Begebenheit liegt, sind Sie gewiss schon scharfsichtig genug gewesen auszufinden, und Ihrem Herzen einzuprägen, da ohnehin schwerlich einer meiner moralischen Vorgänger sie Ihnen anschaulicher gemacht hat. Um jedoch allem Missverständnisse zuvor zu kommen, will ich sie hier zum Ueberflusse mit dürren Worten wiederholen: Willst du zu den klugen Jungfrauen gehören, liebes Mädchen, so sei geizig mit allem was dir angehört! Lass dich weder durch männliche Bitten, kämen sie auch aus dem mund eines Kasuisten, noch durch dein eigenes weibliches Gefühl, das oft noch kasuistischer ist, als jene, zu der anscheinenden Kleinigkeit verleiten, auch nur dein abgelegtes Strumpfband gegen ein anderes zu vertauschen, das dir dein Liebhaber anbeut, hätte es auch selbst die Mutter Gottes getragen! – Trauen Sie meinen Worten, lieben Kinder! der Satz, der jetzt so fest steht, möchte nur locker werden, wenn Sie daran künsteln und nach Beweisen forschen wollten, die ihn noch mehr bestätigen. Ich habe denen, die meinem Rate folgen – aber auch leider habe ich derjenigen von Ihren Gespielinnen nichts weiter zu sagen, die, ungeachtet meiner redlichen Zurechtweisung, es dennoch wagen kann, den Vorhang von der andern Hälfte meines Naturund Kunstgemäldes wegzuziehen. Sie büsse die Strafe ihrer Verwegenheit