, den Prediger der Wahrheit lahm zu zwicken!
Mariens Band ist lange noch nicht dein,
Und nach dem päpstlichen Verein
Wird mancher Flor sich noch verrücken."
So sprach ich ihr an's Herz – allein
Die Fromme schrie, als wollte sie die Krücken
Des heiligen Synllets erschrei'n:
"Dir, fleh' ich, Trägerin der grossen Eins in drei'n,
Dich schwesterlich zu mir herabzubücken! –
Hilf, Heilige von Falkenstein,
Hilf mir – und hilf vor allen Stücken
Mein sprödes Kleinod mir befrei'n!
Hab' ich nur erst, was himmlisch ist, im rücken,
So mag die Weltlust kurz und klein,
Was irdisch an mir ist, zerpflücken." –
"Dein Kleinod?" – "Ja mein Herr! Sind Sie denn vor
Entzücken
Ganz blind? und wollen Sie denn mein
Hochheiliges Nicaisen-Bein,
Das mir hier hängt, durchaus zerknicken?
Nach Ihrer Art, Sich kräftig auszudrücken,
Was könnte da wohl haltbar sein?" –
"O!" rief ich, "den will ich schon weiter schicken;
Kein Heiliger soll uns entzwei'n!"
Ein holder Augenblick befreite
Sie dieser frommen Angst. Vergnügter als diess zweite,
Knüpft' ich ihr kaum das erste Bändchen ab,
Das mir in unserm offnen Streite
Das Kaperrecht auf alle gab.
Frei irrte nun mein blick, sobald als der Geweihte
Zu Tage kam, die Läng' und Breite
Des aufgehellten Pfads herab.
Welch Labyrint! als schwebt' es erst seit heute
Im raum der natur – als hätt' ein Zauberstab
Die kleinen Hügelchen zur Seite
Aus Aeter aufgewölbt – Und wäre diess ein Grab
Für kalte Katakomben-Beute?
Und hier, wo du, geliebte Dulderin,
Kaum meinen Kuss verträgst, hat dein betörter Sinn
Ein morsches Todtenbein gelitten?
Und ich? ich sollte nicht an diesen Küsten hin,
Weil ich nicht Sankt Nicaise bin,
Um eine kleine Landung bitten? –
O! ihr, die mit dem Geist des Malers von Urbin
Den höchsten Preis der Kunst erstritten,
Malt, es wird Zeit, malt mir der Unschuld Cherubin,
Der, aus dem Staub der Welt nach dem Olymp zu
fliehn
Schon im Begriff – die Fittiche beschnitten
Sich fühlt; malt seinen Glanz – malt seine Angst – malt
ihn
Vermögt ihr's, wie er mir erschien,
Ganz im Kostüm der Adamiten!
Wie unterm vollen Mond die Nebel sich verzieh'n,
Trat jetzt aus dem Gewölk von Flor und Musselin
Der junge Busen vor. Zum erstenmale glitten
Der Indulgenzen froh, die ihm der Papst verliehn,
Der Sonne Strahlen über ihn.
Kein Reinerer vereint, seit dem Verfall der Sitten,
Von I l i u m bis R o m , von P a p h o s bis
Stettin,
Mehr Augenlust für Sybariten
In seinem Pünktchen von Karmin,
Und keiner blähte sich mit wildern Phantasien
Der Angst, so vor der Zeit den Rubikon beschritten,
Die Blumen abgemäht, die unter ihm gediehn,
Sein ganzes Tempe mit Ruin
Bedeckt zu sehen, so bald es, mitten
Im Bausche des Gewands, der List gelang, den dritten
Und letzten Knoten aufzuziehn.
Einen Augenblick Geduld, lieber Eduard! Ich stehe hier, zwar nicht wie ein Herkules, doch wie ein verschämter deutscher Schriftsteller, am Scheidewege. Der eine seiner Pfade, der zur Wahrheit führt, die ich jetzt vor Augen habe, leitet offenbar von der konventionellen Bescheidenheit abwärts. Halte ich mich an diese, so soll mich zwar eine der gewöhnlichen Wendungen geschwind genug aus dem schlüpfrigen Handel gezogen haben; aber mein Tagebuch, das mich und Klärchen bis zu diesem kritischen Augenblicke ganz so schilderte wie es uns fand, wird dafür in den Augen eines so offen denkenden Menschenbeobachters, als Du bist, bell grössten teil seines Werts verlieren. Was soll ich tun? "Gehe den Weg der Wahrheit," rufst Du mir zu, "und erinnere dich deines Versprechens!" Gut! so lass mich wenigstens vorher – vielleicht hätte ich es schon längst tun sollen – für alle die unbefangenen Seelen, die mir nachschleudern ohne zu wissen wohin? einen Strohwisch als Warnungszeichen aussteckeul Denn obgleich meine Malereien nur D i r gewidmet sind, so gibt es doch der möglichen Fälle so viele, durch die sie in unrechte hände geraten, ruhige Herzen in Wallung setzen, und zärtliche Augen, die Ehrfurcht gebieten, beleidigen können. Werden denn nicht täglich die vertrautesten Briefe durch den Druck bekannt, die uns über die Tugend längst verblichener Vestalinnen – über die Ehrlichkeit manches zu seiner Zeit berühmten Menschenfreundes, und über die praktische Philosophie unserer Lehrer, das Verständniss öffnen? Ich muss allemal lächeln, wenn ich unter den Beichten, die sich Busenfreunde, wie wir, in einer geheimen Korrespondenz, nur unter vier Augen abzulegen glauben, die Bitte lese, sie sogleich zu verbrennen. Es ist als wenn jeder Brief durch diese Formel erst recht feuerfest würde, und für das Ganze, worauf ich gern alles beziehe, mag es auch recht gut sein, dass kein Freund hierin den andern ehrlich bedient. Denn wenn noch zehn Alexandrinische Biblioteken in Rauch aufgingen, es wäre für die wahre Menschenkunde lange kein so grosser Schade, als wenn diess Schicksal jenen traulichen Ergiessungen des Herzens widerführe, die zu allen Stunden in Postpaketen verschickt werden. Ein wahrheitsliebender Genius scheint über ihre Erhaltung zu wachen, und dadurch das Problem zu lösen, warum die Nachkommen von den Scenen vergangener Jahrhunderte richtiger urteilen als die Zeitgenossen