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halben Ehren aus dieser Verlegenheit ziehen will. Dir nur Nätsel hinzuwerfen, uno die Auflösung für mich zu behalten, würde offenbar die historische Treue verletzen; und würde ich nicht vollends alles verderbe", wenn ich zu den verbrauchten Wendungen unserer Dichter und Prosaistcu, mit denen sie sich seit undenklichen zeiten schlecht genug aus den blumigen Irrgängen der natur helfen, meine Zuflucht nehmen, und meinen originellen Sündenfall durch Nachahmung der gewöhnlichen herabwürdigen wollte? Nein, tausendmal lieber will ich mich den ästetischen Hieben meiner gestrengen Richter und allen den launigen Strafen des errötenden Geschlechtes unterwerfen, ehe ich meine Blösse mit solchen Lumpen decken, und, um nicht das forschende Auge der Neugier zu reizen, nach der viel zweideutigern Ehre greifen möchte, in der Schalaune meiner Vorgänger, die immer einer dem andern verschabter und zersetzter hinterliess, dem gähnenden Pöbel zur Schau zu stehen. Ich möchte es nicht, und hätte sie einst Karl der Grosse getragen, und läge sie sammt ihrem Schmutze und ihren Motten, bis zu so feierlichen Tagen, unter dem Verschlüsse des weisen Rats zu Nürnberg begraben.

Dochwelch ein Geräusch hinter der Scheidewand! Jetztich schreibe es mit zitternder Federjetzt endlich erhebt sich die Altenun hustet sie wirklich zur kammernun zum Vorsaal hinausnun die Treppe hinunter. Gehab dich wohl, fromme Bertilia! Mit Entzücken sehe ich dich, von meinem Pulte aus, über die Gasse hinkenso feierlich langsam, dass, ehe du die Nische deiner Heiligen erreichst, ich hoffen darf schon vor der meinigen zu knieen, und selbst in den Armen deiner zaghaften Nichte schon manche Blume der Jugend gebrochen zu haben, ehe du deine Matinen gesungen hast. Gehab auch Du Dich wohl, Du Freund des glücklichsten Sterblichen! Lassen sich die tatenreichen Augenblicke der erlebten Stunde durch menschliche Worte darstellen, so sollst Du sie treu geschildert erhalten, sobald ich sie, wie kostbare Perlen, in das Diadem meines Lebens verflochten habe.

Der Abstand des Traums zur Wirklichkeit ist nun gemessen! Hier sitze ich mit hinstaunendem Blicke wieder vor meinem Tagebuche, und das Versprechen, das ich der Freundschaft ausstellte, tritt, so oft ich auf meinen Bogen schiele, mir mahnend unter die Augen.

So setze Dich denn her, Eduard! und nimm mir alles ab, was mir auf dem Herzen liegt. – Erst aber Deine Hand, dass es unter uns bleibt! Hätte ich Dir eine Liebesgeschichte zu erzählen von gemeinem Schlage, wie man sie etwa als ein schreckendes Beispiel auf dem Kateder braucht, so bedürfte es der vielen Umstände freilich nicht, ich wollte bald damit zu rand sein: aber hier ist mehr, als diesshier ist das visum repertum einer Heiligenein Feenmährchen, nur mit dem mächtigen Unterschiede, dass es wahr ist. Frage nicht nach der Zeit meiner physischen Abwesenheit! Ich würde Dich in Irrtum bringen, wenn ich sie bestimmte. War es nicht ein Kalif, dem ein Engel des himmels befahl, seinen Kopf in einen Eimer voll wasser zu tauchen? – Er tat es so lange, als man braucht um nicht zu ersticken; und als er ihn wieder heraus zogglaubte der Mann, ein Jahrhundert wenigstens voll Seligkeit durchlebt zu haben. Das muss ein Engel der Liebe gewesen sein, Eduard, der dieses Wunder tan Meiner Uhr nach ist es mir ergangen wie dem Kalifen.

Welch ein Abenteuer! So einfach in seinem Beginnen, und doch so verwickelt in seinem Fortgange, und doch so herzerschütternd in seinem Ende! Mystische und magische Kräfte im Streite mit den Kräften der natur! Mönchische Empörung gegen Papstes-Gewalt! Tumult des Gefühls! Ohnmacht des Willens! Und dieser Reichtum von Erfahrung in dem beschränkten raum weniger Augenblicke!

"Widder, mein guter Freund!" sagte der Riese Molineau zu Hamiltons schwatzhaftem Widder, und Du sagst es vermutlich zu mir, "fange doch deine Erzählung, ich bitte dich, beim Anfange an." – So sage mir nur erst, mein kluger Herr, wo der Anfang meiner geschichte zu finden ist? und gern will ich Deinen Rat befolgen. Aber wo höhere Mächte im Spiele schon lange vorher unsichtbare Faden an die Werkzeuge Deines Willens knüpften, ehe es Dir nur ahndete ihre Puppe zu seinwer kann da sagen: Jetzt hebt meine geschichte an?

Jede Reliquie, behaupten die Sachverständigen, steht unter der unmittelbaren Aufsicht eines Seraphs, und alle die Wunder, die zusammentrafen, um mir die meinige aus den Händen zu spielen, beweisen wahrlich für diesen Satz. War es denn wohl ein so natürliches Ereigniss, dass eben ichder einzige Ketzer einer grossen Versammlung, den heiligen Kniegürtel erstand, um ihn durch den sonderbarsten Zusammenhang der Dinge derselben frommen Seele auszuliefern, die nur einen halben Dukaten weniger darauf bot? Ist es zu glauben, dass nur ein Ungefähr mich zu ihrem Nachbarzu ihrem Bewundererzu ihrem Freunde machte? – zu glauben, dass sich die gelehrtesten Kasuisten nur von ungefähr mit mir in einer Schlafkammer befandendass der Buchhändler Fezder Wächter der Laura, mir so geschwind ihr Zutrauen schenkten, – und dass endlich die zwei einzigen Feste im Jahre, welche Klärchen ohne Aufsicht liessen, eben in dem engen Zeitraume meiner Mietzeit einfallen mussten? – Wer hier die übernatürliche Leitung menschlicher Begegnisse verkennt, muss wahrlich noch fester an den Zufall glaubenmuss noch mehr Herz haben als ich. Doch die Folge wird Dich noch besser davon überzeugen; denn diese Vorbetrachtungen,