hat schon zum drittenmale in die Kirche geläutet, ich habe keine Zeit mehr übrig zum Nachdenken, und wenn ich das heutige fest ungenutzt vorbei lasse, so mag meine Untersuchung ausfallen wie sie will, der Verlust des an der laufenden Stunde klebenden Gewinnstes ist nicht wieder zu ersetzen. Dans les choses douteuses ... sagt ja einer von den Kirchenlehrern, on n'est pas obligé de suivre le plus sûr. An diesen Satz will ich mich vor der Hand halten. – Ja, ja; wenn nur damit Ruhe wäre! Der Uebertritt zu einem andern Glauben, als wir gewohnt sind, ist wie ein Spaziergang in neuen Schuhen; sie mögen noch so gut gemacht, noch so viel wert sein, sie lassen uns doch die abgelegten bedauern, und werden uns so lange brennen und drücken, bis wir sie so ausgetreten haben als die alten. Sei versichert, Eduard! dass, wenn ich nicht Acht auf mich gäbe, nicht meinen Hut schwenkte und trällerte, wenn sich so etwas, das einem Gewissensskrupel ähnelt, aufdringen will, ich sehr leicht in einen Widerspruch mit mir selbst geraten könnte, der stark genug wäre, mich mit Einem male um die gereiften Früchte meines Jesuitismus zu bringen. Kannst Du wohl glauben, was mich eben jetzt für eine Kleinigkeit beinahe ganz aus meiner Fassung gebracht hätte? Mit Scham gestehe ich Dir's unter vier Augen – der Kopf – der Gypskopf von Rousseau. Es war mir, indem ich meine funkelnden Augen in die Höhe warf, als ob er mir mit strafendem Ernste gerade in das Gesicht blickte. Ich stutzte, wie ein furchtsames Kind – mir ward ganz heiss um das Herz, und wahrlich ich musste geschwind die malerische Stellung von gestern überlesen, um nicht in der Hitze meinen Ablassbrief zu zerreissen, und den ganzen Handel mit Klärchen zum Henker zu schicken. Aber die lieblichen Bilder des Ceremonienmeisters taten auch diessmal ihre wirkung. Meine Phantasie kam rosenfarbener zurück als zuvor, und meine lieben Schlafkameraden, die Kasuisten, bestreuten den Weg wieder mit frischen Blumen, von dem mich jener Widersacher der Freude verscheuchen wollte. Ich trat jetzt sogar dem Gespenste mit Trotz und Hohn unter die Nase ... – Die arme in einander geschlagen, stand ich vor ihm, wog seine traurigen Verdienste gegen den Wert meiner freudigen Empfindungen ab, und ward endlich dreist und launig genug, mich lächelnd seinem Standorte zu nähern, und, als wenn er mich eben so gut hören könne als ich mich selbst, ihn in einem tragischkomischen Ton anzureden:
"Du! den ein traurig Ross, ein Sohn des Rosinante,
Durch Wüsten der Moral in die verarmten land
Der kalten Metaphysik trug;
Der ein gewöhnlich Glück, als seiner zeiten Schande,
Verwarf; sich selbst genug, im cynischen Gewande,
Als Don Quichott des Rechts, auf manchem Ritterzug
Des Morgens sich mit einer Räuberbande,
Des Nachmittags mit Marionetten schlug;
Der, stets verfolgt von einer hohen Grille,
Nach Eulenart, der Mitternächte Stille –
Und Lunens Schein nach Plato's Art genoss;
Bis ihn Priapus18 in Ermenonuille19
Mit in sein Staatsgefolge schloss –
Dein Ruhm ist gross! Doch hebt mich das Vergnügen,
So gross er ist, weit über ihn.
Mit jenem Traum, der mir, so ganz im Gegensinn
Von Plato's Traum, zu Kopf gestiegen,
Schwingt sich mein Herz aus dem Gebiet der Lügen
Zum Tempel der Gewissheit hin.
Weg, weg mit allem Schulgewinn!
Und soll mich ja noch ein System betrügen,
So sei es das: Bis zum Genügen
Am Busen meiner Nachbarin
Den Wert der Menschheit nachzuwiegen;
Von jenen Höhn, wo ihre Rosen blühn,
In's Winterfeld der Zeit zu fliegen,
Und aus der kleinen Kunst, sich an ein Weib zu
schmiegen,
Erfahrung für das Herz zu ziehen –
Das scheint mir noch, den Irrtum zu bekriegen,
Die glücklichste der Teorien.
Wenn man seine Sache, sie mag so schlimm sein, wie sie will, nur systematisch behandelt, so findet man noch am ersten Gnade in den Augen eines Philosophen. Die Büste dieses moralischen Grillenfängers schien mir jetzt lange nicht mehr so abschreckend als vorher; ja ich schmeichle mir sogar, er würde, wenn er noch lebte, vielleicht mit derselben Beredsamkeit, mit der er einst den Vorzug der Ignoranz gegen die Wissenschaften verteidigte, sich auch meines Tauschhandels mit Klärchen annehmen, und ihn, auf den geringsten Widerspruch, nicht allein für unschuldig, sondern selbst für verdienstlich erklären. Wer wollte aber einer so einfachen Wahrheit wegen einen grossen Dialektiker in Unkosten setzen? Sie spricht ja laut genug für sich selbst. Sind denn im Ernst, Eduard, die Umarmungen, die ich der Heiligen zudenke – die Spiele der Sinne, mit denen ich sie bekannt machen – die Vergleichungen, die ich dabei anstellen werde, und alle die Phänomene des ersten Unterrichts, die ich zu beobachten noch nie gelegenheit fand – ist denn die ganze Sache etwas weniger oder mehr bei mir, als was sie bei einem Büffon oder d'Alembert sehen würde – ein psychologisches Experiment, das mir auf mein ganzes künftiges Leben von Nutzen sein wird? Wenn man mit solchen Versuchen warten will, bis man erst Dekanus der philosophischen Fakultät ist, o! da weiss man schon, wie erbärmlich sie gemeiniglich ablaufen. Selten dass die gelehrten Herren, die uns über den gang der Leidenschaften vorpredigen, aus Erfahrung sprechen; denn ach! was sie so gut sind dafür zu nehmen, ist