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mich ein, die mich diesen Morgen nach Vauclüse begleiteten. Umsonst wendete ich alle Kräfte an, meine weit schweifende Einbildungskraft im Zaume zu halten. Ehe ich mich versah, war sie von den ruhigen Gegenständen, die ich ihr zur Zerstreuung vorlegte, von den moralischen und statistischen Bemerkungen, die ich über das Land anstellen wollte, das ich durchreiste, zum grossen Vorteile der päpstlichen Regierung, in der Stille weggeschlichen; und ich ertappte sie, wie sie eine Menge Konterbande aufpackte, über die Du vielleicht, wem: sie der morgende Tag zu Markte bringt, nicht weniger erschrecken wirst, als der güte Kardinal von Este, als er zum erstenmale den Orlando Furioso las, den ihm der unbefangene Verfasser zugeeignet hatte. Messer Ludovico," fragte er ihn mit äusserster Verwunderung "dove diabolo avete pigliato tante coionerie?" "Ich könnte Dir freilich diese Frage ersparen, wenn es in einem so unsystematischen Werke als mein Tagebuch ist, nur nicht so gar sonderbar aussähe, die Krümmen, auf denen sich bei dieser und jener gelegenheit unser ungezogenes Herz betrete" lässt, anders als obenhin zu erwähnen, und es überdiess nicht weit bequemer wäre, so unvollständig auch die Akten bleiben, das zu erzählen, was man getan hat, als wie man dazu kam, es zu tun. Ich verschiebe diese beichte auf einen ruhigen: Zeitpunkt, wo es dem gemeinen Besten noch zuträglicher sein wird, sie abzulegen. Denn da ich Willens bin einmal ein eigenes Buch über die Post- und Heerstrasse des menschlichen Herzens zu schreiben, so wird es ganz natürlich herauskommen, wenn ich in einem Anhange auch von seinen Neben- und Schleif-Wegen handle, die meine meisten Vorgänger so ganz aus der Acht gelassen haben. Alsdann will ich desto offenherziger alle und jede Kenntnisse von der Art, die ich auf meinen Wanderungen sammelte, erzeigen, um jene gelehrten Herren besser auf die Spur zu bringen, wo sie etwa noch einen Schlagbaum aufzurichten, oder einen offenen Pass zu besetzen haben, um jedem Unterschleife, jeder Beeinträchtigung des Zolles auf's künftige vorzubeugen.

Diese vorläufige Anzeige meines moralischen Werkes, zu dem ich Dir einstweilen erlaube, Subskribenten zu sammeln, hast Du vorzüglich der Stille zu danken, in der ich meine wohnung wieder antraf. So angemessen sie auch einem Propsteilehn immer sein mag, so fiel sie mir doch bei dem Ungestüm meiner Empfindungen so widrig auf, dass ich froh war, mein Aergerniss darüber mit Dir zu verplaudern. Nur ein laut von Klärchen, nur ein Zeichen, dass sie noch lebeund ich wäre zufrieden gewesen! Eine solche Nachbarschaft, und so geräuschlos, ist das unerträglichste Ding von der Welt.

Nach einer ängstlichen Stunde bequemte sich endlich die Alte in einem groben Basse zu husten, und zugleich hüstelte auch Klärchen, aber wahrlich so harmonisch, dass der grösste Kenner es eher für eine Passage von Gluck hätte halten müssen, als für einen Katarr. Auch beunruhigte es mich gar nichtIch schloss nur, dass die Tante in eine ernste Vorbereitung auf ihr morgendes fest vertieft sein möchte, in welcher ihre gutmütige Nichte nicht wagen wollte sie zu stören. Aus gleicher achtung für den Seelenschlummer der guten Frau, setzte ich auch mich mit der möglichsten Behutsamkeit vor meinen Tisch, nahm zur Abwechselung bald das Buch de probabilitatebald meine Feder in die Hand, und habe nun, meine Fahrt nach Vauclüse, die bis zum Einschlafen angenehm war, ungerechnet, mich seitdem so müde gelesen und geschrieben, dass ich jetzt für rätlich halte, nach den Regeln der Mechanik für mich zu sorgen, und jener glücklichen Hälfte von mir Ruh' und Stärkung zu gönnen, die morgen unstreitig die erste Rolle Zu spielen hat.

Den 7ten Januar.

Und das erwartete fest ist nach überstandener alltäglicher Ruhe erschienen. Noch hat wohl nie ein Höfling den Namenstag seiner abgelebten Fürstin, an der seine Pension, sein ganzer Unterhalt hängt, mit solchem Wohlbehagen des Herzens begangen, als mit dem ich mich von meinem Lager erhob, und der Feier entgegen sah, die mir der heilige Name meiner alten Aufseherin sichert. Ein froher Gedanke wurde schon unter meiner Nachtmütze, ehe ich sie abwarf, durch einen noch frohern verdrängt. Die Erwartung des grössten jugendlichsten Glücks durchströmte mein Herz. Mit welchem Wohlgefallen habe ich nicht schon die Menschengestalt im Spiegel begafft, der so viele Freuden zu teil werden sollen, und wie zufrieden habe ich nicht zu dem ausgewählten Anzuge gelächelt, in welchem ich mich dem Altare meiner Göttin nähern werde! O, dass nur schon die Alte zu den Füssen ihrer Fürsprecherin liegen, und mir Raum geben möchte, zu den Füssen der meinigen zu fallen!

Indess ist es doch sonderbar, Eduard, dass jede Erwisse Aengstlichkeit mit sich führt. Wenigstens bin ich geneigter, die Unruhe, die ich mitunter spüre, lieber durch diesen als wahr angenommenen Satz, als durch eine Ursache zu erklären, die mich noch weniger trösten würde. Gab uns die sorgsame natur dieses Gefühl als ein bitteres Gewürz, damit es in der Süssigkeit des Genusses der Unverdaulichkeit der Seele entgegen wirke; so sei ihr doppelt Dank dafür, und so wird sie auch schon ihren Beisatz zu mischen wissen, dass er nicht zu herbe weder vor- noch nachschmecke. Sollte aber die Bänglichkeit, die mir um das Herz schwebt, Ahndung eines Unrechts in meinem Vorhabensollte sie eine Aufforderung sein, die Sache ernstlicher und gründlicher zu untersuchen, so wäre ich übel daran, Eduard! Denn man