aufzustehen. Wahrlich es war hohe Zeit, und ich war froh als ich aus der Atmosphäre der Kasuisten in eine andere Luft kam.
Klärchen schien mir, als ich sie zu ihrem Sopha glücklich zurück brachte, noch um vieles schöner, ungezwungener und verträglicher von ihrer gelehrten Reise zurück zu kommen, als sie es vorher war. Ich schloss sogar aus einem sprechenden Blicke, den sie auf den Ablassbrief warf, dass ich es jetzt wohl eher wagen durfte, ihr eine wörtliche Übersetzung des siebenten Paragraphs anzubieten, ohne abgewiesen zu werden; und ich betrog mich nicht. sonderbar genug, dass ihr zärtliches Ohr erst ein wenig durch die Beredsamkeit der Kasuisten abgehärtet werden musste, um nicht vor der Hirtenstimme des heiligen Vaters zu erschrecken! Sie horchte jetzt desto geduldiger darauf, und liess mich das et in integrum restituimus zweimal wiederholen, so schön kam es ihr vor.
Mein Läsions-Prozess, sah ich nun wohl, war so gut wie gewonnen. Klärchen hatte es kein Hehl, dass sie den Kniegürtel der Jungfrau schon als ein Stück ihrer Toilette betrachtete; und dieser Gedanke streute so viel Grazie über alles, was sie sprach und tat, dass ich nicht genug die wirkung bewundern konnte, die der Glaube an Reliquien, und das Bewusstsein ihres Besitzes, nicht allein auf die innere Zufriedenheit, sondern sogar, wie das Wohlbehagen eines guten Gewissens, in dem Umgange des gemeinen Lebens hervorbringt. – Wodurch gewann wohl Klärchen diesen sichtbaren Zufluss von Begeisterung in ihren Augen, diesen Ton der guten Gesellschaft, den ich gestern auf der Treppe wenig an ihr bemerkte? wodurch dieses feine Gemisch von grosser Welt und Ruhe der Seele, die so selten bei einander gefunden werden, als – ich schäme mich fast es zu sagen – durch den alten verblichenen Fetzen, den ich ihr um das Bein band? Und doch sind wir andern so übereilt, diese mystischen Geschenke der katolischen Religion als armselige Kleinigkeiten zu verschreien! Wo haben wir denn in der unsern etwas, das diesen Abgang von Hülfsmitteln zu einer frohen Existenz ersetzte? Wenn König August aus unserer Nachbarschaft, und so manche andere Fürsten des deutschen Reichs, den sterilen Glauben ihrer Vorfahren gegen das beruhigende System des römischen Stuhls vertauschen und auf ihre Kinder vererben, wer kann es ihnen mit grund verargen? – Und wie philosophisch richtig handelte nicht selbst Karl der Zweite in dieser Rücksicht, als er in der Wahl, entweder sein Reliquair oder seine drei Kronen wegzuwerfen, ohne Bedenken sich zu dem letzteren entschloss?
Meine sehnsucht, einer Kirche in den Schooss zu kommen, die uns so angenehm einwiegt, die durch ein geweihtes Todtenbein – durch eine Scherbe aus der Haushaltung eines Erzvaters, und durch andere dergleichen Raritäten uns in dem Frieden mit uns weiter bringt, als die Weisheit eines Garve, wuchs nun desto schneller, je mehr ich unter Klärchens funkelnden Augen meinen tiefsinnigen Betrachtungen nachhing; und war gleich meine verwöhnte Vernunft, wie ich manchmal zu fühlen glaubte, noch immer nicht so ganz mit meinem Herzen einverstanden, als ich wohl gewünscht hätte, so ist dieses doch ein gewöhnlicher Fall bei Neophyten, und so soll doch, hoffe ich, auch dieses bängliche Gefühl übermorgen durch ein ungleich mächtigeres verjagt werden.
So schön alle diese Erwartungen waren, die ich aus dem Zauberzirkel der kleinen Heiligen mit mir nahm, sobald die knarrende Haustür mir die Zurückkunft der Tante verriet; so fand ich doch, wie ich wieder in mein einsames Zimmer trat, dass blosse Hoffnung nicht genug beschäftigt. Die meinige setzte eine Geduld von zwei Tagen voraus, und diese hatte in meiner gegenwärtigen Lage ihre grosse Unbequemlichkeit. Ich sah mich bald nach einer lindernden Zerstreuung um; und wo hätte ich die gewisser finden können, als in der kleinen auserwählten Büchersammlung meines Kabinetts, die mir heute und gestern schon so merkwürdige Dienste geleistet hatte? Kein Buch schien mir jedoch für's erste der Mühe mehr wert es zu suchen, als das, mit dem sich vorhin Klärchen so vorzüglich beschäftigte. Ich zog es heraus. Was fand ich? Die Legendensammlung des Pater Martin von C o c h i m . – So? sagte ich, bist du auch hier, guter Freund? Aber was für eine Intrigue hast du mit der Kleinen? – Ich blätterte so lange, bis ich – es war in dem Leben ihrer Namensschwester – das Blatt fand, bei welchem sie ihren Puder verloren hatte. – Wie? sagte ich, und rieb mir die Augen: die berühmte Erzählung ist es von den drei Blasensteinen? Wer in aller Welt kann ihr diese geschichte mit andern Umständen erzählt haben, als hier stehen? Und was kann für sie so wichtiges daraus entstanden sein, dass sie, um der Berichtigung dieses Wunders willen, beinahe ihr Kompromiss vergass? Warum versteckte sie diese Stelle vor mir, da sie ohne die geringste Verlegenheit ganz andere mit mir gelesen hat? Ich sann der Sache so ernstlich nach, als ob sie noch so wichtig für mich wäre, und brachte doch am Ende nichts weniger als eine befriedigende Vermutung heraus. Ich gab also mein Nachgrübeln auf, setzte den Schächer wieder in sein Glied, und durchirrte nun die übrige Besatzung.
Die Wahl unter Büchern ist immer schwer, und Kenntnisse, die man auf diesem Wege erlangt, sind, mit erlaubnis unserer stolzen Gelehrten, nicht weniger Geschenke des blinden Zufalls, als so viele andere Erwerbnisse menschlicher Tätigkeit. Dir, Eduard, habe ich nicht nötig, so etwas zu beweisen, sonst sollte es mir wahrlich