Aufmerksamkeit anzog; und da ich vollends sah, dass, beim Umwenden des Blatts, ein wenig Puder aus ihren Haaren dazwischen fiel, so war ich nicht weiter verlegen, noch vor Abends ihrer Wissbegierde auf die Spur zu kommen, und erwartete ruhig, bis sie fertig, und das dicke Buch wieder an seinen alten Platz gestellt war.
"Sie haben Ihre schönen Augen recht angestrengt, liebes Kind," redete ich ihr freundlich entgegen: "Darf ich denn nicht wissen, über welchen neuen Gewissenszweifel Sie Sich unterrichtet haben?"- "O, mein Herr," antwortete sie, "was ich eben las, betraf eine alte geschichte, die mir vor etlichen Jahren, nur mit andern Umständen, erzählt wurde. Es ist manchmal gut, sich mit eigenen Augen zu überzeugen." – "Da haben Sie wohl Recht, Klärchen," erwiderte ich ernstaft: "und es ist mir lieb, dass ich Ihnen eben eine gelegenheit verschaffen kann, diese Vorsichtsregel sogleich wieder anzuwenden, um in Uebung zu bleiben. Unser Pater Lessau hat sich hier recht deutlich über den Fall erklärt, der Ihnen heute n a c h der Auswechselung unserer Bänder beinahe mehr Herzklopfen verursachte als v o r h e r . Sie hätten Sich's ganz ersparen können, wie Sie gleich hören sollen." – Ich rückte ihren Stuhl neben den meinigen, hielt ihr das Buch nahe vor, und schlug meinen andern Arm so vertraut um ihren schönen Hals, wie ein Bruder, der mit seiner Schwester eine Idylle von Gessner liest. – "Les femmes," las ich mit langsamer gedrängter stimme, damit ihr kein Wort verloren ginge, "ne pechent pas, quand elles s'exposent à la vue de jeunes gens, encore qu'elles sachent, bien qu'ils les regarderont avec des yeux impudiques." – Ich sah hier dem Mädchen mit einem Blicke in's Auge, wie ihn nur Pater Lessau verlangen konnte, und las weiter: "Si elles le font par nécessité ou utilité – Nécessité," wiederholte ich, "diese liegt nur zu klar in dem siebenten Paragraph der päpstlichen Bulle und in unserm Kontrakte; und die utilité kann bei der heiligsten aller Reliquien wohl keine Frage sein." – Klärchen hob ihre Augen gegen Himmel, und ich fuhr fort: "Elles ne pechent pas, quand elles se servent d'habits si deliés, qu'on voit leur sein, ou quand même elles se decouvrent entiérement, si elles le font selon la coutûme du païs." – Ich sah dem schönen, und, was mir noch lieber war – dem errötenden Mädchen in das Gesicht, wie ich ihr diese erlaubnis vorlas, in der Erwartung, sie würde wenigstens von so einer Landessitte, als der Autor voraussetzte, nichts wissen wollen; sie war aber zu ehrlich dazu, und schwieg. Auch ich schwieg; und doch schienen wir beide keine lange Weile zu haben. Nachdem meine Augen lange genug auf den ihrigen geruht hatten, fragte ich mit einem unterdrückten Seufzer: "Nun Klärchen – sind Sie endlich einmal über die Freude beruhigt, die Sie meinen Blicken gegönnt haben? und fürchten Sie Sich noch immer vor übermorgen?" – Sie schien in ihrem stillen Nachdenken so verloren, dass ich, um sie zurück zu bringen, meinen wurmstichigen Autor zu seinen Kollegen warf, ihre frischen Händchen dafür an meine Lippen hob, und jeden ihrer Pulsschläge mit einem Kusse beantwortete.
Nichts ist Wohl in der ganzen natur der Sophisterei beförderlicher als dieses kleine Spiel. Es war nicht das erstemal, dass ich es bemerkte. Ich ging gewiss hier wieder einen falschen Weg. Die Kleine, dachte ich, ist nur errötet – Sie hat dir nicht das Buch an den Kopf geworfen, also – schloss ich – wird es nicht einmal nötig sein, bis übermorgen zu warten. – "Klärchen!" fing ich zitternd an und stockte. – "Was beliebt Ihnen?" fragte sie. – – "Werden nicht," fuhr' ich fort, "hier zu land die Namenstage manchmal, nach Zeit und Umständen, einige Tage voraus gefeiert?" – "Niemals," antwortete sie kurz, und übersah mich mit so grossen Augen, als ob ich nicht klug wäre. – "Bei uns," setzte ich seufzend hinzu, "geschieht das sehr häufig am hof und in der Stadt, selon la coutûme du païs; auch kürzt man in manchen Fällen die Bedenkzeit und die Zahlungsfristen ab – par nécessité ou utilité!" – "Das ist sonderbar!" antwortete das einfältige Ding. "Sie haben also wohl in Ihrem land lauter bewegliche Feste?" – Ich weiss nicht mehr, was ich ihr darauf antwortete – ich verlor ganz meine Besinnungskraft, schwatzte nun ins Gelag hinein, und traf mich unvermutet an, dass ich ihr von dem Löwen in dem Wiener Zwinger erzählte, der einem Mädchen, das er liebte, die Hand so lange leckte, bis Blut kam, darüber in Wut geriet, sie in Stücken zerriss, und sich darauf bei ihrem Leichnam hinlegte – und starb. Wie ich auf diese rührende geschichte gekommen sein mag, ist unbegreiflich. Aber Klärchen schien angst zu werden. – Sie zog mir ihre hände vom mund hinweg, und mit der Frage: "Wollen Sie mich nicht wieder in mein Zimmer führen?" schlang sie mir die eine um den Arm, und nötigte mich