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nicht," antwortete ich mit schwacher stimme.

"Er exaltirt die Köpfe, die Mangel an Kraft fühlen."

"Ach Gott," versetzte ich, "wenn er das könnte!"

"Zweifeln Sie keinen Augenblick daran," – antwortete mir das jüngste und artigste dieser holden Geschöpfe, zog dabei ein Portefeuille aus der tasche, auf welchem die mit Lorbeer umgebene Silhouette dieses grossen Notelfers gemalt war, zeigte mir sie mit funkelnden Augen, und überreichte mir eine Karte mit seiner Adresse. –

Zugleich fing der Lautenist sein Spiel an, und das Dutzend schöner Köpfchen drehte sich wieder zurechte. Auch ich wollte achtung geben, – aber vergebens! – ich konnte mein Gehör nicht finden. – Das sonderbare Gespräch mit meinen Nachbarinnen hatte mein Gemüt in einen Strudel gegenseitiger Bewegung geworfen, der alles von der Oberfläche verschlang. Die widersprechendsten Gedanken durchkreuzten sich; und da ich kein besseres Mittel vor mir sah, um mir Luft zu schaffen, so erhob ich mich in der Stille von meinem Sitze, und schlüpfte zum Saal hinaus, ohne mich weiter um die sympatisirenden Töne des Lautenisten zu bekümmern.

Ich rief den Wirt teilte ihm mein Gespräch mit, und glaubte ihm etwas sehr Sonderbares zu erzählen. – Weit gefehlt! – Er verwunderte sich vielmehr über mein eigenes Erstaunen. – "Sind Sie denn nicht dieser Kur wegen hier?" fragte er mit grossen Augen. – Ich schüttelte den Kopf, und gestand ihm unverholen, dass ich, ausser eben in seinem Koncertsaale, noch kein Wort von diesem Wunder gehört hätte. – "Sie haben noch nichts davon gehört, sagen Sie? Unmöglich! Wo waren Sie denn unterdessen, mein Herr? – Ei mein Gott! wie krank und abgezogen von der Welt müssen Sie gewesen sein! Wie sonderbar! Gab es je eine Zeit, wo es dem Menschen leicht ward, sich seiner Leibes- und Seelenübel zu entledigen, so ist es die unsrige. Sie lebten darin, und doch, wie ich Ihnen ansehe, waren Sie auf dem Punkt, wie ein blinder Heide aus der Welt zu gehen, ohne von diesen neuen Offenbarungen. Gottes eine Sylbe zu erfahren. – Nun, es ist noch nichts verloren. Danken Sie Ihrem Glücke, dass Sie hier sind! Welchen von unsern Wundertätern wollen Sie denn gebrauchen?" –

"Wie meinen Sie das, Herr Wirt? gibt es denn mehr als Einen hier?"

Statt der Antwort, die er vor lachen nicht hervor bringen konnte, streckte er mir seine zehn Finger entgegen. Denke wie ich erschrak! Ich zog aus meiner Westentasche in der Angst die Adresse, die ich von der Güte des jungen Frauenzimmers erhielt.

"Der ist," rief er aus, sobald er einen blick darauf warf, "der ist der Rechte! Dieser hat eigne Kraft in sich selbst: die andern müssen die ihrige erst aus dem Unterleibe eines hellsehenden schlafenden Mädchens schöpfen." –

"Ist dieser Mann unsinnig," sagte ich heimlich zu mir selbst, "oder bist du es?" – Er drehte sich inzwischen von mir weg, und liess mich in dieser Ungewissheit stehen. Mein armer Kopf geriet in die grösste Verlegenheit. Ich legte meine Hand an die Stirne, und wiederholte alle die hoch tönenden Kunstwörter, die ich aus dem saal mitgebracht hatte: aber ihre deutliche Erklärungwer sollte mir die geben? – Wer anders als der Wirt? – Mag er doch den Zeitverlust, den ich ihm schuldig werde, mit in Rechnung bringen, dachte ich, und suchte ihn zum zweitenmale auf.

Ein welscher Hahn sang eben sein Sterbelied unter seinen Händen, als ich ihn fand und um die gefälligkeit bat, mir doch etwas deutlicher den Sinn der Desorganisation zu erklären. – Er brachte nur erst noch den Schreier zur Ruhe, ehe er sich, mit der gefälligsten Herablassung, meiner Unwissenheit erbarmte. – Der Mann musste vielen Umgang mit den hiesigen Gelehrten haben, denn er dachte eben so gründlich, als er sich deutlich ausdrückte. Wirklich habe ich auch nachher nichts gelesen, was mich über diesen Punkt mehr befriedigt hätte, als seine Erklärung. – Das Beste war dabei, dass ihm ein schickliches Beispiel einfiel, das seinen Worten Kraft und Deutlichkeit gab. – Für Köpfe von schweren Begriffen, wie der meinige, ist das immer eine gefundene Sache. –

"Sie kennen doch gewiss," fragte er mich, nach dem vorläufigen Eingange seiner Rede, der mir noch immer zu generell war, "den berühmten Pater M a b i l l o n ? " – Wie gut ihm diese Frage in seiner Küchenschürze stand, magst Du selbst urteilen.

"So, so," antwortete ich – "Man hält ihn, glaube ich, für den ersten klassischen Autor in der Diplomatik" –

"Recht!" sagte der Wirt, "der nehmliche! Was denken Sie nun, mein Herr? – Dieser Mann war in seinen Jünglingsjahren der einfältigste Tropf unter der Sonne; hatte kaum Verstand genug den Katechismus zu begreifen. – Aber hören Sie! Eines Tages fiel er, aus natürlicher Ungeschicklichkeit, die Treppe herunter, und gerade auf den Kopf. – Nun das hat noch gefehlt! sagte seine Mutter, als sie ihn aufhob. – Man brachte ihn betäubt in das Bette, und erwartete nun mit Zittern den ersten Ausbruch seiner Narrheit. – Wie betrog man sich! Der natur seines Falles nach, musste der Junge zwar irre