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Hand, und ach! er entielt das nehmliche.

Niemand misst mein Entsetzen und meine Wut. Jede Empfindung, welche jetzt in meiner Seele aufging, war Raserei; Rudger vermochte sie nicht zu bändigen, und da er unaufhörlich nach Beweisen von Dingen fragte, die ich nach der Leichtgläubigkeit, welche dem Wahnsinnigen eigen ist, für schon erwiesen annahm, und ich also wenig Nahrung für meine Phantasien bei ihm fand, so eilte ich zu einem Bekannten, der sich während meines Aufentalts zu Pamiers mir fast aufgedrungen hatte, und der durch tausendfache schlaue List, schon mehr als zu viel mein Vertrauter geworden war.

Er nannte sich Sutrino; und Rudger, welcher ihn hasste, und ihn ungern an meiner Seite sah, quälte sich täglich, mich zu überreden, er sei eine Kreatur eines gewissen Bischoffs von Sutri, dessen Wittelsbach oft in seinen Briefen gedachte, und der uns aus verschiedenen Umständen, als ein gefährlicher Mann bekannt war, ungeachtet Wittelsbach ganz das Gegenteil von ihm hielt.

Sutrino war allen Warnungen Rudgers zum Trotz, diesen Abend bis tief in die Nacht, mein Gesellschafter; er erfuhr den neuen Kummer meines Herzens, die Vergiftung meines Freundes des Erzbischoffs von Maynz, erfuhr den angegebenen Täter, und alles was mir die Rache gegen ihn in den Sinn gab. Beschuldigungen gegen Kaiser Philippen, schienen das Kapitel zu sein, in welchem Sutrino unerschöpflich war; er erzehlte mir tausend schreckliche und unerweisliche Dinge von dem Oberhaupt des deutschen Reichs, mich in meinem Verdacht zu bestärken, und endigte mit dem Schrecklichsten, was er mir sagen konnte, um mich vollends ganz rasend zu machen.

Kaiser Philipp, sagte er, denkt auf nichts, als auf die Vergrösserung seines Hauses, und die Unterdrükkung anderer. Was für Schmach die heilige Kirche schon von ihm erfahren hat, das gehört nicht hieher; den grössten Schaden tat er ihr gewiss, durch die Ermordung des frommen Erzbischoffs, welche ganz auf seine Rechnung fällt. Ach wo schläft die Rache, dass sie ihn nicht hinwegreisst, damit er seine hände nicht auch nach den Engeln des himmels ausstrecke, sie von ihren Tronen zu reissen, um seine angebeteten Kinder darauf zu setzen? – Wisst, Philipp neidet jedermann, der über die Seinen empor kommt, er neidet auch der unschuldigen gräfin von Toulouse die kastilische Krone, und wünscht eine seiner Töchter damit zu zieren; und gebet acht, nicht lange, so werden wir die göttliche Alix verstossen, oder im grab sehen, damit die Prinzessin Elise ihre Stelle einnehmen könne.

Verstossen? schrie ich, Alix, verstossen oder im grab? – Ja, das erste wär wohl gut, aber das andere? – O Entsetzen! – – Redet, redet Sutrino! endeckt mir, welchen Grund euer Vorgeben hat. Verstossen immerhin, nur nicht getödet!

Das letzte wohl noch wahrscheinlicher als das erste! Philipp pflegt nichts halb zu tun.

Aber er in Teutschland, Alix in Frankreich?

O die hände der Könige reichen weit, und die Streiche, welche sie in der Ferne führen, sind die sichersten und unverdächtigsten. Glaubt mir, Alf von Dülmen, wir können mit jedem Morgen auf die Nachricht vom tod der kastilischen Braut rechnen.

Und will niemand, niemand die Unglückliche retten? Sprecht, Sutrino, was könnte man tun? was könnte ich tun? ich will mein Leben daran setzen.

Kühne Entführung freilich! aber wer wird diese wagen?

Wagen? ich wage alles! – O Entzücken! Alix wird frei, diese Nacht frei durch mich! ich führe sie in die arme ihres Bruders, und mein Lohnnun mein Lohn, der lässt sich erraten! O Sutrino, Sutrino! ihr seid der Schöpfer meines Glücks!

Sutrinos Einwendungen gegen meine ungeheuren Einfälle waren sehr schwach, meine Entschlüsse waren gefasst und blieben unveränderlich. Ein doppelter Versuch, die prinzessin davon zu bringen, ward gemacht, und er verunglückte beidemahl, ach, wie ich glauben durch Alverdens grausame Vorsicht, welche es sich zum Gesetz gemacht zu haben schien, ihrem unglücklichen Bruder in allem entgegen zu handeln. Doch darf ich auch mit ihr zürnen, dass sie dieses tat? Ach ich bin ja nicht mehr der damahlige Alf von Dülmen! Meine Leidenschaften sind jetzt abgekühlt und meine Urteile berichtigt. Alverde handelte recht, dass sie meinen rasenden Einfällen entgegen arbeitete, mochten auch die Folgen für mich und die unglückliche Alix sein, welche sie wollten.

Dass ich nach der letzten fehlgeschlagenen Unternehmung fest genommen und in die Verwahrung des Bischoffs von Kastilien gebracht wurde, war wohl so wenig Alverdens Absicht, als dass sie selbst um die Gesellschaft der himmlischen Alix kam. An dem Tage, da man mich ins gefängnis brachte, erhielt sie ihre Entlassung, weil man unsern heimlichen Briefwechsel entdeckt hatte; und Alix blieb also den Angriffen ihrer Feinde, welche sie auch sein mochten, ganz ohne Freund und Schützer blosgestellt. Es ist entsetzlich, unbegreiflich, dass auch die Engel des himmels Feinde haben, aber dass es der unglücklichen gräfin von Toulouse nicht an dergleichen fehlte, hat der Erfolg ausgewiesen.

So war ich also zum zweitenmahl der Gefangene eines Bischoffs, und das Verbrechen, welches mich in dieselbe gebracht hatte, Anschläge zu Entführung einer königlichen Braut, entschuldigte jedes strenge Verfahren, welches man sich gegen mich erlaubte. Ewiges Stillschweigen über die damahligen Scenen! man hat sorge getragen meine Zange durch Eide zu binden, welche so unauflöslich sind, als die Beeidigungen des heimlichen Gerichts.

Die Absichten, welche man