Rechtfertigung sonderlich zu wünschen, oder sie in diesem vernachlässigten Schreiben zu ahnden.
Alle meine Gedanken, all meine Wünsche erstreckten sich nach Pamiers, und es war in einem halben Rausche, dass ich daselbst anlangte. Ohne die mindeste Vorsicht, ohne alle Vorbereitung, die mir so nötig gewesen wär, ward meine Audienz bei der kastilischen Braut eingeleitet, und ich hätte an meiner Schwester eine so gute Führerin meiner Angelegenheiten haben können! Diese gute, liebevolle Seele war meinen Planen, um deren willen ich sie ehedem aus ihrem vaterland riss, so treu geblieben, dass sie nicht geruht hatte, bis die Geliebte meines Herzens von ihr gefunden war, und bis sie eine Stelle in ihrem Frauenzimmer erhalten hatte. Zwar meiner Liebe bei ihr zu dienen, da Alix schon so fest gebunden war, dazu hätte es Alverden gewiss so sehr an Willen als an Möglichkeit gefehlt, aber sie hätte mir doch raten, hätte mich doch vor dem völligen Verderben warnen können, das meiner im Anschauen der Schönheit wartete, die mich schon in der Ferne verblendet hatte. –
Ich sah sie, ich sah Alix, sah sie mit der Gewissheit, sie sei die Braut eines andern, sei für mich völlig verloren; und das wenige, was ich noch von Besonnenheit übrig hatte, war ganz hin. Ich erinnere mich keiner besonderen Umstände von dieser merkwürdigen Audienz, die mein Unglück vollendete, erinnere mich nur des Ganzen. Ich sah die göttliche Alix, und wär lieber anbetend zu ihren Füssen gesunken, sah Alverden, meine Schwester, die sich gern mit Entzücken in meine arme gestürzt hätte, und mein blick verbot ihr, mich Bruder zu nennen. Ich weiss nicht, warum ich diese Entdeckung vermied, da der Name des Bruders der vornehmsten Hofdame der Prinzessin mir vielleicht ihren Anblick öfter hätte verschaffen können; aber all mein Betragen war damals widersprechend und unzusammenhängend, ich vermag nicht, Rechenschaft von demselben zu geben.
Meine Aufträge von dem Grafen von Toulouse waren mit der äussersten Unordnung und Unvorsichtigkeit ausgerichtet worden; ach ich zittre, wenn ich bedenke, dass die Fehler, welche ich damals beging, vielleicht das Signal zu dem Untergang meiner Geliebten gegeben haben können! Dies ist ein Punkt, über welchen ich nicht ohne Nachteil für mein Gehirn nachdenken kann; er sei auf ewig bei Seite gesetzt!
Ich suchte des andern Tages zum zweitenmal vorgelassen zu werden, und – ward abgewiesen, der dritte und vierte Versuch verunglückten ebenfalls, ich nannte den Namen des Grafen von Toulouse, man sagte mir, die Prinzessin gehöre nun ganz dem kastilischen hof, und ihr Bruder habe nicht mehr das Recht, so oft, und durch wen er wolle, Botschaften an sie gelangen zu lassen.
Ich sah mich genötigt, den Anblick der himmlischen Alix in Kirchen und auf Spaziergängen zu suchen; auch da ward ich durch die finstern Gesichter der Hofdamen und durch die Leibwache zurück gescheucht. Selbst Alverde, meine Schwester, schien sich wider mein Glück verschworen zu haben, sie sagte mir einst auf öffentlichem Spaziergange einige empfindliche Worte, und drückte mir heimlich einen Brief in die Hand, welcher noch ernstlichere Weisungen entielt. Ein heimlicher Briefwechsel, vermittelst eines holen Baums, in dem unsere beiderseitigen Schreiben niedergelegt werden sollten, ward zwischen mir und meiner Schwester verabredet; er gab mir sonderliches Vergnügen, weil er mir gelegenheit verschafte, meinen Empfindungen Luft zu machen, auch ich ahndete nicht, dass auch hierin Gefahr für mich, und die, welche ich liebte verborgen lag.
Während ich mich mit diesen Kleinigkeiten beschäftigte, vergass ich ganz, mich um Dinge zu bekümmern, welche mir besser geziemt hätten. Erst von Rudger erfuhr ich, dass wir die Ankunft Herzog Bernhards von Sachsen hier vergeblich erwarteten, welcher krank sei, und dessen Stelle der Herzog von ***, mein alter Feind, unter verdecktem Namen antreten würde. Von dieser Zeitung, die ich wohl mit recht für böse hielt, bekam ich in kurzer Zeit noch sprechendere Beweise. Der Herzog von *** schrieb an mich in bedraulichen Ton, und gab mir Verweise über das, worüber ich hier wohl nimmermehr zur Rede gesetzt zu werden gedacht hätte, über meine Anwesenheit zu Pamiers, zu welcher ich mich doch, so wie zu Veränderung meines Namens, durch Befehl meiner Obern, berechtiget geglaubt hatte. Ich erstaunte, meine volle überlegung kehrte zurück, Rudger half mir zu recht, wo sich mein geschwächter Verstand nicht helfen konnte, und aller Verdacht fiel auf Kalatin, welcher mich durch eine falsche Ladung getäuscht haben musste. Ich antwortete dem Herzog trotzig, denn ich war gerade nicht auf der Laune, viel von irgend jemand zu vertragen; aber ach, sein Brief liess scharfe Stacheln in meiner Seele zurück. Er berührte am Ende desselben eine Sache, von welcher ich bisher nur noch dunkle Nachrichten gehört hatte, und die er mir auf einer Seite vorstellte, welche ihren Eindruck noch empfindlicher machte. Ich sollte in diesen Augenblikken erfahren, dass die höchste leidenschaftlichste Liebe, mich doch nicht für die Regungen der Freundschaft und Dankbarkeit ganz gleichgültig gemacht hatte.
Ich hatte Nachricht vom kaiserlichen hof; mein Freund, mein Lehrer, mein geistlicher Vater, der trefliche Erzbischoff von Maynz, von welchem ich noch kürzlich warnende Briefe erhalten hatte, sei jähes Todes gestorben. Der Brief des Herzogs von ***, bestättigte diese Nachricht mit dem schrecklichen Zusatz, er sei vergiftet, von Kaiser Philipp vergiftet worden. Einer von Wittelsbachs, nur hab gelesenen und betrachteten Briefen fiel mir diesen Tag wieder in die