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mehr. Der Zustand, in dem ich war, machte es unmöglich, mich, (wie ich es sehnlich wünschte, um nur etwas zu sehen, das Beziehung auf sie hätte) bei dem Grafen vorstellen zu lassen. Ich wär ohne Zweifel ein Raub des gräulichsten Mangels geworden, hätte ich nicht noch vor meiner Reise aus Westphalen an meine Bedürfnisse hier zu Toulouse, und auf die Zufälle gedacht, welche einen Pilger auf einer so weiten Reise aller Mittel berauben können.

Einer meiner ältesten und treuen Diener, Rudger Ahlden genannt, war schon längst mit ansehnlichen Summen voraus, mich hier zu erwarten, er hatte so lang und mit so viel gegründeten Besorgnissen nach mir ausgesehen, forschte so unablässig bei allen interessanten Reisenden nach meiner Gestalt und meinem erborgten Namen, dass er mich nicht verfehlen konnte.

Ich hatte seiner Unterstützung auf alle Art nötig, er brachte mich endlich so weit, dass ich bei hof mit Anstand erscheinen und in dem Bruder meiner Alix einen Mann kennen lernen konnte, der den süssen Namen völlig verdiente, den ihm die natur in Rücksicht auf sie gegönnt hatte.

Wenig Tage machten uns zu Freunden, er war der liebenswürdigste Fürst, den ich je gesehen habe, und ich trug so viel von der Liebe zu der Schwester auf den Bruder über, strebte so unablässig, mich ihm gefällig zu machen, dass wir wohl für einander eingenommen werden mussten.

Der Graf von Toulouse war öffentlicher Beschützer und heimlicher Anhänger einer gewissen Seckte, welche damals in Ruf zu kommen begunnte; er sagte mir, sobald wir ein wenig vertraut geworden waren, unaufhörlich von ihren Lehrsätzen vor, welche ich ihm zu Liebe billigte und himmelan erhub; auch mochten sie wohl ihre Vorzüge haben, die ich aber in meinem damaligen Zustande genau zu beurteilen ganz unfähig war; ich gab ihnen nur darum Beifall, weil der Bruder meiner Geliebten sie für richtig hielt, und als ich vollends erfuhr, dass Alix mit ihm hierin überein denke, dass sie, die ehemalige Bilderretterin, jetzt ganz an der Lehre der waldensischen Bilderhasser hänge, so war ich so vollkommen überzeugt, dass Waldus in allen seinen Behauptungen recht habe, dass ich für dieselben des Märtyrertodes würde gestorben sein.

Der Graf von Toulouse liebte mich sehr, und ich glaube, hätte er mich vor den kastilischen Heiratsverträgen kennen gelernt, ich hätte es ohne Furcht vor Abschlag wagen dürfen, um die Hand seiner Schwester zu bitten; jetzt nur auf die entfernteste Art etwas von meiner leidenschaft gegen ihn zu gedenken, würde Torheit gewesen sein, und ich war noch hinlänglich bei mir selbst, mich hierin nicht zu verraten; ich dachte indessen doch darauf, seine Freundschaft zum Besten meiner Liebe zu nützen. Die weisen Ratschläge des Erzbischofs von Maynz wurden ganz vergessen, ungeachtet er sie oft in wahren Hirtenbriefen an mich wiederholte; ich bedachte nicht, dass Alix für mich ein unerreichbares Gut war und blieb, und dass jede Nahrung, die ich meiner leidenschaft gab, nichts tat, als mich dem Abgrund des Verderbens noch näher zu bringen. Bisher kannte ich Alix nur aus Bildern und Beschreibungen, persönlich kennen wollte ich sie, um ja unwiederbringlich elend zu werden. Ich erhielt mit leichter Mühe Briefe und Aufträge von dem Grafen an seine Schwester nach Pamiers, wo sie sich einige Zeitlang aufhalten sollte, die er keinem schlimmern Boten als mir hätte anvertrauen können; es waren Dinge, welche der äussersten Geheimhaltung bedurften, Bücher mit neuen verbotenen Meinungen angefüllt, welche vor den rechtgläubigen Kastilianern verborgen gehalten werden mussten, aber so sehr mir auch dieses eingeschärft wurde, so ging es doch schnelle in meinem Gedächtniss verloren, und nichts blieb zurück, als der Gedanke, dass ich Alix sehen, mit ihr sprechen, und vielleicht auch einige gütige Worte aus ihrem mund hören sollte.

Mein alter Diener, der getreue Rudger, der bei meinem gegenwärtigen Zustande mehr die Rolle meines Ratgebers und Aufsehers spielte, hatte noch keinen meiner ausschweifenden Einfälle so sehr gebilligt als den, nach Pamiers zu gehen. Die Reise nach der damaligen Versammlung, die in dieser Stadt von Geistlichen und Weltlichen gehalten wurde, war eigentlich die Hauptveranlassung der Entfernung aus meinem vaterland gewesen, oder vielmehr, sie hätte es nach dem Rufe, den ich von meinen Obern durch Kalatin erhalten hatte, sein sollen. Aber über andere Dinge war dieses ganz vergessen worden, ich ging gegenwärtig nach Pamiers, um der schönen Alix, nicht um meiner geheimen Geschäfte willen, und Rudger, gleichfalls ein Einverleibter des heimlichen Gerichts, musste mich erst daran erinnern, er, einer der Untersten dieses Bundes, mich den Beisitzer und Richter. O in was für Händen waren damals die wichtigsten Angelegenheiten! ich erröte, wenn ich mir es lebhaft vorstelle.

Ich erhielt um selbige Zeit verschiedene Briefe von dem Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach, welche ich nicht sonderlich beachtete, so wie mir alles gleichgültig war, was keine Beziehung auf die Hauptangelegenheiten meines Herzens hatte! Ottos Schreiben entielt unter andern auch Einladungen, an den kaiserlichen Hof zu kommen, um daselbst mit einem gewissen Bischof von Sutri bekannt gemacht zu werden; ich hatte Bekanntschaft genug mit Bischöfen gehabt, um nichts mehr davon zu begehren.

Auch von Evert von Remen bekam ich ein Schreiben durch Wittelsbachs Vermittelung; es wurde noch unachtsamer auf die Seite geworfen als jene, wurde nicht einmal eröffnet; der nachteilige Wahn, den Kalatin mir ehedem von dem Freunde meiner Jugend beibrachte, war noch nicht getilgt, und ich war damals zu sehr mit andern Dingen beschäftiget, um seine