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die Pflicht gemeiner Menschlichkeit zu leisten, indem ich seine lang getragnen Fesseln lösste, und der Freund meiner Jugend lag in meinen Armen. O Alf von Dülmen! wie gern hätte ich deinem Leben die Hälfte des Rests meiner Tage zugesetzt, um nur noch eine kurze, ganz kurze Zeit die Freude gehabt zu haben, dich gerettet, getröstet, erfreut, dem grab zuwandeln zu sehen! aber diese Freude sollte mir nicht werden. Vierzigjähriges Elend konntest du ertragen, aber die Wiederkehr besserer Tage, das Wiedersehen der Sonne, die Wiedervereinigung mit deinem Freunde tödtete dich.

Mein Wiedergefundener, mein Alf von Dülmen, starb in den ersten Tagen des Wiedersehens in meinen Armen; ich grub ihm dieses Grab, türmte über seiner Asche diese Marmorsäule auf, grub Worte darauf, ihm zum Gedächtniss; ihm und seiner Schwester Alverde, deren Gebeine nicht hier ruhen, die einst in andern Gegenden zur ewigen Wiedervereinigung erwachen wird. Sie war mir unvergesslich wie er, siedoch genug von dem was sie betrifft!

Mein Freund hatte mir ein Erbteil hinterlassen, die traurige, verhängnissvolle geschichte seines Lebens. Nachwelt, ich bin dir sie schuldig! Leiden, wie die seinigen, dürfen nicht der Vergessenheit überlassen werden! Aber soll ich dir sie geben, wie er mir sie gab? Sie war mit der Feder des düstersten Selbstasses geschrieben; ohne Erklärung würde sie dir einen Begriff von ihm beibringen, welcher der Wahrheit Gewalt antät! – Alf von Dülmen war nicht unschuldig, aber er war auch der Verbrecher nicht, für den er sich selbst hielt: andere brauchten ihn zum Werkzeug ihrer finstern Entwürfe, die Schuld ihrer Verbrechen sei über ihnen! –

Die Rechtfertigung meines Freunds zu bewürken, seine Entschuldigung und anderer Bosheit aufzudekken, überwand ich die Unmöglichkeit. Ich spähte die schriftlichen Beglaubigungen beider aus, und entriss sie der Dunkelheit, in welcher sie begraben lagen. Die Kabineter der Könige, die Archive der Klöster, selbst St. Peters Heiligtum öffneten sich mir, und gaben ihre Heimlichkeiten heraus, mir folgte Fluch und Bannstrahl, man schrie mir nach: ich sei getäuscht worden; was ich gesammelt habe, seien Lügen! man sei unschuldig an dem, was ich nur auf meine Gefahr wagen dürfe, ans Licht zu bringen!

Gut, dem sei so! Wer kann hier über Menschen Schuld und Unschuld entscheiden! – Nicht ihre Drohungen, sondern das Gefühl weniger Macht, und die Möglichkeit, dass ich auch Ihnen unrecht tun könne, bewogen mich, das zu unterdrücken, was ich gern gegen alle vier Winde des himmels ausschreien möchte. Nimm es auf, heiliges Denkmal, in deine Schatten! Lieferst du es einst in die hände eines Weisen oder Mächtigen, so nütze er es mit Klugheit. Vielleicht sind denn schon Jahrhunderte über meine und meines Freundes Asche hingeflogen, und es kümmert niemand mehr, ob Alf von Dülmen schuldig oder unschuldig war, aber seine geschichte ist nicht ohne gute Lehre, und nachdem die Zeit ist, in welcher sie sich aus der Dunkelheit hervorwindet, nachdem wird ihr Nutzen sein. Vielleicht gross, wenn sie Zeit genug kommt, dem Uebel zu steuern, das jetzt unter dem Namen der Gerechtigkeit Unheil stiftet, vielleicht klein, wenn sie erst in Jahrhunderten erscheint, in welchen Dinge, unter deren Druck jetzt die Welt seufzt, längst vernichtet und zur Fabel geworden sind.

Der Kardinal Lotar an den Bischof

von Kastilien.

1198.

Ich schreibe euch noch unter meinen alten Namen, ungeachtet ich schon eines neuen und glorreichern gewiss bin. Bald wird die ganze christliche Welt mich als ihr sichtbares Oberhaupt verehren, aber dem ehrwürdigen Hirten der kastilischen Heerde werde ich nie etwas anders als Freund sein.

Noch würde ich nicht gesiegt haben, wär nicht der alte Nebenbuhler meiner Grösse, der alte Feind all meiner Anschläge, wär nicht Philipp von Tuscien schnell nach Deutschland gefordert worden, daselbst seine eigenen Angelegenheiten zu betreiben; und wisst ihr, worin dieselben bestehen? in nichts geringern, als in der Erlangung des Kaisertums. O mein Freund, bekennt die Uebermacht meiner Einsichten gegen die eurigen! – Als Kaiser Henrich Philippen die Vormundschaft über den unmündigen Friedrich auftrug, da waret ihr bereit zu wetten, der treuherzige Schwabe, wie ihr den Tuscier nanntet, würde Blut und Leben für das Wohl seines Mündels aufopfern, würde ehe sterben, als diesem kind die römische Krone entreissen lassen; ihr wisst was ich euch damals sagte, jetzt liegt der Erfolg meiner Behauptung am Tage. Die deutschen Fürsten mögen kein Kind zu ihrem Herrscher haben, und der ehrgeizige Philipp vergisst seine Vormundschaft so ganz, dass er sehr geneigt ist, sich in ihren Eigensinn zu fügen.

Ob es ihm gelingen, ob es meinem alten Hasser gelingen wird! – Ihm ward am nehmlichen Tage der Kaiserstuhl geweissagt, da mir jener Mönch die dreifache Krone prophezeihte, die letzte ist mir gewiss, wird es ihm auch der erste sein? Er hat mächtige Nebenbuhler, mir darf sich niemand entgegen setzen. Zwar dem geizigen Herzog von Zähringen könnte er wohl seine Ansprüche mit Gelde abkaufen, aber was will er gegen den weisen uneigennützigen Bernhard von Sachsen beginnen, welcher zum Kaiser gebohren zu sein scheint? Mir wärda doch nun einmal das Schicksal die Päbste und die Kaiser in seine Wagschalen gesetzt hat, einander das Gegengewicht zu halten, – mir wär ein solcher Gegenmann, wie Bernhard fürchterlich, und wenn ich alles betrachte, so wollte ich fast Philippen noch lieber als ihm das Diadem gönnen! – Auf