rechnen konnte, da er mir ganz unbekannt war.
Wir hatten ungefähr die Hälfte unsers schmalen Pfads zurückgelegt, als uns ein bequemer Reisewagen, in Begleitung einiger Bewaffneten begegnete; ein alter ehrwürdiger Mann sass darin, und schien sehr andächtig mit Lesen beschäftigt zu sein. Der Weg war so, dass wir nicht ausweichen konnten, auch schienen meine Hüter es nicht für nötig zu halten, da die person, welche uns begegnete, ihnen wenig Furcht einflösste.
Mir flösste das Ansehen des ehrwürdigen Mannes Hoffnung ein, und mein Entschluss war kurz gefasst. Unser kleiner Trupp musste halten, um den Reisenden vorüber zu lassen; ich war ihm so nahe, dass die Räder seines Wagens meine Kleider berührten, er hub die Augen auf, und warf einen blick auf mich, in welchem ich Mitleid zu entdecken glaubte. O Rettung! schrie ich, ehrwürdiger Herr, Rettung für einen Unglücklichen, welcher unschuldig die Fesseln trägt!
Wer seid ihr, mein Sohn, fragte der Greis, indem er seinen Wagen halten liess, mich genauer zu betrachten.
Mein Herr, antwortete der Anführer meiner Feinde, indem er mich hinwegdrängte, und an meiner Stelle die Antwort tat, ich hoffe, ihr werdet euch nicht an die Lügen eines Böswichts kehren, welcher zur längst verdienten Strafe geführt wird.
Ihr waret es nicht, welchen ich fragte, antwortete der Alte mit einem gebietenden blick; ich verlange Antwort von dem jungen Menschen, welcher mir nicht ganz das Ansehen eines Verbrechers zu haben scheint. Noch einmal, mein Sohn, wie ist euer Name?
Herr! schrie mein Feind, hütet euch vor Ungelegenheit! Dieser Gefangene gehört dem Bischoff von ***, welcher gerechte Ansprüche auf ihn hat.
Dem Bischoff von ***? antwortete der Reisende. Ei so gehört die Sache ja gar unter meine Gerichtsbarkeit. Ich bin der Erzbischoff von Maynz, und verlange auf der Stelle nähere Erklärung von ihm oder von Euch.
Der Name des Erzbischoffs von Maynz, dessen man nach seiner Rückkehr aus Palästina, schon seit einigen Wochen in diesen Gegenden gewärtig war, verbreitete tödliches Schrecken unter dem ganzen Haufen, doch wusste sich der Anführer schnell zu helfen.
Gnädiger Herr, sagte er, wenn ihr die wahre ursache von der Gefangenschaft dieses Menschen entdecken wollt, so urteilt ihr sehr weislich, dass ihr die sicherste Auskunft über seine Verbrechen von uns nicht von ihm erfragen könnt.
Und was für Verbrechen kann man mir aufbürden? rief ich, indem ich mich losriss und näher trat. Rede Böswicht, rede vor den Ohren dieses Heiligen, den Gott mir zum Retter schickte.
Wie? schrie mein Gegner, kannst du es leugnen, Verworfener, dass du in vergangener Nacht ein Mädchen aus dem haus unsers Herrn entführen wolltest?
Also eine Mädchengeschichte? sagte der Erzbischoff mit spöttischem lachen. – Unsere Brüder in Europa haben, wie es scheint, sehr wichtige Sachen auszugleichen, indessen wir andern der Andacht am heiligen grab pflegen.
Ich bitte, erwiderte mein Ankläger, ich bitte nur dieses, dass der Mensch zum geständnis genötig werde, ob mein Vorgeben falsch sei?
Nun so redet, mein Sohn! fuhr der ehrwürdige Greis noch immer lächelnd fort, das Verhör auf ofner Landstrasse hat zwar ein wunderliches Ansehen, aber wem Macht zu Handhabung der Gerechtigkeit verliehen ist, der übe sie, wo er gelegenheit findet. Eben las ich in unsern heiligen Büchern die Stelle, dass die Obrigkeit ihren Scepter nicht umsonst, sondern zu schneller Entscheidung trage.
Auf die erste Anhörung der Anklage vom Mädchenraub, hatte Verneinung auf meiner Zunge geschwebt, jetzt während der Rede meines gnädigen Richters, besann ich mich erst, dass sie nicht ganz ungegründet war; und dass ich wirklich meiner Befreierin Anlass zur Flucht gegeben hatte, welches man erlauscht, oder aus ihrem eigenen mund erpresst haben mochte. – Ich hielt es für das Beste, die ganze geschichte zu erzehlen, und ich tat es auf so eine Art, dass der Erzbischoff ganz für mich gewonnen ward.
Hier ist offenbare Wahrheit, rief er mit Kopfschütteln, ich kenne die hiesigen Bischöffe ein wenig aus dem Gerücht, und werde die Sache näher untersuchen. Denn in der ursache, warum man diesen Ritter zuerst als einen Gefangenen hielt, finden sich noch viel Verborgenheiten, die ich ergründen muss. Schliesst den jungen Mann los, ich werde ihn mit mir nach Maynz führen, und sagt eurem Herrn, er möge dortin zu mir kommen, und das weitere aus meinem mund hören.
So war ich denn also frei, frei durch den Rechtsspruch eines Heiligen. Meine Feinde gingen beschämt davon, ich erhielt Befehl mich zu den Bedienten des Erzbischoffs zu gesellen, aber in der Betäubung, in welche mich die schnelle Wandelung meines Glücks gesetzt hatte, verstand ich nicht, was man mir sagte, vergass, dass man mich hier nicht als den kannte, der ich war, und schwang mich getrost in den Reisewagen des Erzbischoffs, die leere Stelle an seiner Seite einzunehmen.
Er hinderte mich nicht, machte mir so gar Platz, und begnügte sich, mich eine geraume Weile mit unverwandten Augen anzusehen, indessen ich, halb froh über meine Rettung, halb voll inneren Grimms über meine Beleidiger, vor mich hin sass, und schier des Danks vergass.
Es scheint, junger Mensch, sagte der Erzbischoff nach einer Weile, ihr kennt den Platz sehr gut, wohin ihr gehört. Noch einmal; fasst ein Zutrauen zu mir, und entdeckt euch mir ganz. –
Mein Herz war voll