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er keinen Fremden von stand unbewirtet vor seiner Burg überziehen lasse, und allen seinen Leuten ungemessenen Befehl erteilt habe, wen sie in seinen Bezirken fänden, der des Ansehens wär, sich an seinem Tisch zu zeigen, mit geziemender achtung an denselben zu erbitten.

Das Ansehen des Redners gefiel mir so wenig, als seine Sprache, ich kannte weder ihn noch seinen Herrn; Erfahrung hatte mich Behutsamkeit gelehrt, und eine abschlägige Antwort war auf meiner Zunge; ich zog die Herberge unter dem armseeligen dach meines ehrlichen Kriegers, dem schloss jenes Unbekannten vor. Ich wandte mich nach ihm umund sah mit Erstaunen seine Krücken zu meinen Füssen liegen und ihn, mein Pferd am Zügel davon führend, mit der Schnelligkeit eines Vogels über ein Stoppelfeld eilen.

Gnädiger Herr! stammelte mein undeutscher Unbekannter, ihr erstaunt über das, was ihr hier seht? Vermutlich wisset ihr nicht, dass ihr euch in sehr bösen Händen befandet; dieser Mann ist der Anführer einer berufenen Räuberbande, dessen Geschäft es ist, unglückliche Reisende unter mancherlei Verkleidung ins Netz zu locken; er scheut hier nichts als die Macht meines Herrn, der seiner Bosheit schon mehr Opfer entrückte; und ihr habt eurem Heiligen zu danken, der mich euch gerade zu eurer Rettung entgegen schickte.

Starr vor Erstaunen sah ich den Unbekannten an; dass jener Alte ein Betrüger war, dies fiel mir in die Augen; aber ob ich mir bei dem, der ihn vertrieben zu haben schien, und doch vielleicht ingeheim mit ihm einverstanden war, etwas besseres zu versehen hatte, das konnte ich nicht erraten.

Er schien die Meinung meines durchdringenden Blicks nicht zu verstehen, er ging vor mir gelassen dahin, als wenn es die notwendigkeit erforderte, dass ich ihm folgen müsse, redete von der Nähe des Schlosses, von der Gesellschaft, die ich daselbst finden würde, und von einer Menge anderer Dinge, mit der grössten Unbefangenheit; ich verstand ihn nur halb, weil er sehr schlecht sprach, und eine Menge fremde mir ganz unverständliche Worte einmischte.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte, mir kam vor dem Orte, wohin er mich führen konnte, ein Grauen an, und gleichwohl sah ich mich hier in einer ganz fremden Gegend, wo ich nicht wusste, ob mir nicht vielleicht noch grösseres Unglück drohen möchte.

Mein Führer wandte sich, als er mein Zögern merkte, nach einer Weile ganz gelassen nach mir um, und sah, dass ich mein Schwerd gezogen hatte, und es bloss in den Händen trug. Ich glaube, ihr fürchtet euch vor mir, sagte er mit einem widrigen lachen, seht ihr nicht, dass ich unbewehrt bin? Gebt euch doch zufrieden!

Er schlug den Mantel zurück, und zeigte mir, dass er weder Schwerd im Wehrgehäng noch Dolch im Gürtel hatte. Ich schämte mich des Verdachts der Furchtsamkeit, und schlenderte mit etwas festerm Schritt an seiner Seite her. Wir schwiegen beide, wie Leute, welche nicht ganz wissen, was sie von einander zu halten haben. Ich fragte nach dem Namen seines Herrn, und bekam keine Antwort; zwischen den Zähnen murmelte er etwas in seiner Sprache, davon ich nur die Worte, Gehen oder Bleiben verstehen konnte; dies schien mir der Trotz eines redlichen Mannes zu sein, der sich durch falschen Verdacht beleidiget fühlt, ich steckte mein Schwerd ein, und überredete mich, dass ich ohne ursache bange gewesen sei.

Dort ist das Schloss, sagte er nach einer langen Weile, als wir hinter einem Hügel hervor, auf eine weite Ebene kamen; ihr könnt euch nun entschliessen, ob ihr dort oder hier unter freiem Himmel übernachten wollt.

Ich gehe mit euch, erwiderte ich, und verzeiht, wenn ich, durch viel traurige Erfahrungen gewitzigt, euch Unrecht tat.

Wir traten jetzt in einen grossen Vorhof ein, wo verschiedene Bedienten mit fackeln um uns her kamen. Ist die Gesellschaft heute gross? fragte mein Begleiter. Wir haben, war die Antwort, heute keinen Fremden, als den ihr uns bringet; er wird dem Herrn und seinen Freunden willkommen sein.

Meine Furcht war jetzt ganz verschwunden; ich sah wohl, dass ich mich in keiner Räuberhöhle, wohin ich geführt zu werden besorgt hatte, sondern wirklich in dem Pallast eines grossen Herrn befand, wo alles Pracht und Reichtum atmete. Man öffnete einen grossen erleuchteten Speisesaal, wo ich eine sehr zahlreiche Gesellschaft bei gefüllten Bechern sitzen sah, welche mir noch besser und unverdächtiger geschienen haben würde, wenn mir nicht ihre Kleidung auf den ersten blick gezeigt hätte, dass sie grösstenteils Geistliche wären; ein Stand, bei welchem ich, wie ich wusste, in keiner sonderlichen Gunst stand, und vor welchem auch ich immer noch mehr Furcht als Ehrerbietung gehegt hatte, weil ich wusste, dass ich mächtige Feinde in demselben hatte.

Der Herr des Hauses, ein freundlicher fetter Mann, mit der Miene der Intrigue in den scharfblickenden Augen, trat mir entgegen, er trug ein elegantes geistliches Negligee, ohne Abzeichen einer hohen kirchlichen Würde, als das goldne Prälatenkreuz, das mir ihn als einen Bischof vorstellte. Ich ward bewillkommt, freundlich zur Tafel geladen, an eine der Oberstellen gesetzt, und durch Freundlichkeit, Trunk und zutrauliches Wesen, damit man mir von allen Seiten entgegen kam, bald völlig über meine Lage beruhiget.

Dem frohen Mahle, welches weit nach Mitternacht noch nicht zu Ende war, und das durch Witz und frohe Laune eins der unterhaltendsten ward, dabei ich mich je