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; überdieses dachte ich Herzog Bernharden von Sachsen daselbst zu finden, und über alles, was mich hätte befremden können, von ihm Aufklärung zu erhalten. Ach ich wusste nicht, dass dieser edle Fürst damahls krank lag, und den feindseeligen Herzog von ** als seinen Stellvertreter hatte nach Frankreich abgeben lassen müssen.

Meine Anstalten zur Reise wurden ernstlich. Liebe und Pflicht riefen mich, wie hätte ich säumen sollen! Ich dachte zuerst einen Besuch bei dem Grafen von Toulouse zu machen, seine schöne Schwester zu sehen und um sie zu werben, (alles Dinge, welche mir Kalatin, der es doch besser wissen musste, ausnehmend leicht machte,) und dann hofte ich noch übrige Zeit zu haben, mich bei der Versammlung zu Pamiers einzufinden, da von der Zeit, in welcher ich meine Herzensangelegenheiten zu endigen meinte, bis auf den von meinen Obern bestimmten Tag noch ein ganzer monat zu rechnen war.

Meine Absicht war, meinem Freund von Remen, den ich immer noch schätzte, ob ich ihn gleich nicht mehr lieben konnte, die Hut meines Landes, und seiner edlen Mutter meine Schwester anzuvertrauen, die ohnedem fast beständig in ihrem haus lebte. Plane, welche wohl für uns alle die sichersten gewesen sein würden, aber sie standen Kalatin nicht an, er misbilligte sie, und wusste sie zu hintertreiben.

Ein Gewebe von Umständen zeigte sich, die mir die Treue meines Freundes, und selbst die Redlichkeit seiner Mutter verdächtig machen mussten, ich würde sagen, sie wären von Kalatin herbeigeführt worden, wenn er nur den geringsten Anteil daran zu haben geschienen hätte, und doch weis ich wiederum nicht, welche andere Hand, als die seinige, hier gewürkt haben könnte, da mir des unglücklichen Everts von Remen Unschuld in der Folge fast ganz erwiesen und sein Nebenbuhler, Kalatin, immer verdächtiger ward.

Damahls war ich verblendet gegen die Schuld und die Unschuld des einen und des andern, ich sah nichts als die Unwiderleglichkeit des Schlusses, welchen Kalatin aus den Entdeckungen zog, die ich eben von der vermeinten Treulosigkeit derer von Remen gemacht zu haben glaubte.

Eure Schwester, Herr Graf, sagte er, ist an keinem Orte unsicherer, als im haus derer von Remen, ihr dürft sie nicht in demselben zuzücklassen; auch diesen Abend muss sie in das Eurige abgefordert werden; ihr könnt sie euch nach Frankreich folgen lassen, ich selbst will ihr Begleiter sein. Ihre Unterhandlung kann euch bei der gräfin von Toulouse sehr nötig werden, sie lebt zu Lion in einem Kloster, wir wollen Alverden in eben dasselbe bringen, die schöne Alix lerne durch die Schwester den Bruder kennen, damit ihr Herz für euch eingenommen werde, ehe sie den Befehl erhält die eurige zu werden, und ihr Besitz nicht die Frucht des Gehorsams gegen ihre Anverwandten, nein, freiwillige Ergebung, eigene Wahl sei.

So redete Kalatin, und Gott weis, ob er eines dieser Worte im Ernst und ohne Nebenabsichten sprach; mich hatten Liebe und Vorurteil verblendet, und ich glaubte ihm. – – Ich bedachte weder die Ungewissheit, auf welcher noch das Glück meiner Liebe beruhte, noch die Undankbarkeit gegen die von Remen, indem ich Alverden aus dem haus zurückforderte, in welchem sie fast erzogen worden war, noch die schwankenden Beweise, welche mir gegen die Treue meiner alten Freunde beigebracht wurden, noch die Unschicklichkeit, meine Schwester einem Menschen anzuvertrauen, welcher sie ehemahls geliebt hatte. Jede Erwegung wurde von dem Vertrauen auf Kalatin und von den Anschlägen auf den Besitz der schönen gräfin von Toulouse verschlungen.

Ich tat meiner Schwester einige vorläufige Anträge, welche zu Ausführung unserer Plane leiten sollten, ich liess ihr das Bild der gräfin von Toulouse sehen, sagte ihr von der notwendigkeit, das Haus der Frau von Remen zu verlassen und mir zu folgen; aber ich fand mehr Einwendung bei dem jungen Mädchen, als ich vermutet hatte. Ihr Herz war frei von leidenschaft, ihr Verstand nicht von den Täuschungen der Liebe umnebelt, sie sah also freilich heller, und urteilte richtiger als ich. Sie musste indessen nachgeben; sie erfuhr von unserm ganzen Plan und seinen Bewegungsgründen nur so viel ihr zu wissen nötig war; man empfahl ihr Geheimhaltung, und ihre Bedenklichkeiten, welche doch noch etwa überblieben, wurden durch die fast kindliche Ehrfurcht, welche sie gegen mich, ihren Bruder, hegte, und durch die überzeugung gehoben: sie tue recht, wenn sie mir gehorche.

Noch jetzt weis ich nicht, wie ich – (angenommen, dass Kalatin ein Verräter war) – mich so von ihm konnte verblenden lassen. Alle meine Verfügungen, auch in Ansehung meiner land, wurden bloss so getroffen, wie er es für gut hielt. Erst lang nachher habe ich erfahren, dass alles schon damals verloren gewesen wäre, wenn der redliche Evert von Remen sich an meine Einrichtungen gekehrt, und mir nicht wider Willen gedient hätte. – Der Erzbischoff von Bremen, welcher kaum meine Entfernung abwarten konnte, um einen Einfall in meine land zu tun, wurde bloss durch Everts Klugheit und Tapferkeit zurück getrieben, indessen ich mich von seinem Feinde verleiten liess, verräterisch an ihm zu handeln, ihm die Treue zu brechen, und ihm seine Geliebte entführen zu lassen.

Meine Entfernung aus meinem land schienso hat mich erst spätes Nachdenken gelehrt, – eine Sache zu sein, auf welche man viel gebaut hatte; darf ich meinen Mutmassungen trauen, so trieb man sie durch Kalatin, auf den immer all mein Verdacht zurück kehrt,