1791_Naubert_079_80.txt

hatte.

Ich war ausser mir! ich schlug mich vor die Stirn, und schrie tausendmal: warum wollte er, und warum durfte ich nicht reden? – O der unglücklichen Vorurteile! – O zu spät, zu spät kommt alles Glück, da ich es nun nicht mehr mit dem teilen kann, der mir auf der Welt der liebste war! O Vater! welch Entzücken, dich die letzten Jahre deines Lebens noch in dem Glanz und der Grösse zubringen zu sehen, die dir zukam! das alles soll ich nun allein geniessen? ach schämen, schämen werde ich mich des Ranges, der meiner wartet, da du in Dunkelheit und Armut leben und sterben musstest!

So wütete ich fort, meine Freunde mussten aus meinem Bezeugen glauben, dass ich den Verstand verlohren hätte, und dieser Wahn bestättigte sich, da ich den Verstorbenen auf eine Art beerdigen liess, die ganz seinem wahren, nicht seinem vermeinten stand gemäss war; fast alles was ich besass, wurde daran gewendet, seinem Leichnam eine Begräbnissstelle im benachbarten Kloster unter den Fürsten, die es gestiftet hatten, zu erkaufen.

Ich hatte in den nachgelassenen Schriften indessen noch einiges gefunden, welches mir Bedenklichkeiten erregte, ob mein Gesuch bei unsern Richtern so ganz gewiss glücken würde, als ich im ersten Feuer wähnte; der Hass des Herzogs von ** und seine grosse Macht schreckte mich, das Urteil über ihn, und einige andere Mitglieder des geheimen Bundes, das ich in meines Vaters Schriften gelesen hatte, war richtig; ich warf die Frage auf, die er aufgeworfen hatte. Warum werden solche Leute im Bunde der Heiligen geduldet, und fand das, was er von den Gefahren mit der Gesellschaft der Unbegreiflichen in Verbindung zu stehen, fast auf jedem Blatt äusserte, das er über diesen Gegenstand geschrieben hatte, so wichtig, dass mich ein heimlicher Schauer anwandelte; vielleicht Ahndung dessen, was mir in der Zukunft begegnen sollte.

Meine Reise zu dem sogenannten Tron der Unfehlbarkeit war indessen beschlossen; ich empfahl meine Schwester der Sorgfalt der Frau von Remen, nicht ganz gewiss, auf was für Art ich wiederkehren würde.

Wie ich meine Sache anbrachte, welche Verwunderung sie erregte, wie sie aufgenommen ward, welche Hindernisse mir in den Weg gelegt wurden, und auf was Art ich meinen Feinden zum Trotz dennoch siegte, dies sind Dinge, welche nicht hieher gehören, und die dem, der unsere Geheimnisse nicht kennt, grösstenteils unverständlich sein würden. Genug, der grosse Urteilsspruch geschahe zu meinem Besten, und hatte die Folgen, die sich bei der grossen Macht meiner Beschützer denken lassen. Es half den Besitzern meiner Güter nicht, dass sie Freunde und Verwandten in unserm Kreise hatten, es half dem Erzbischof von Bremen nichts, dass er der Bruder des Herzogs von ** war, und ich kehrte als allgemein anerkannter Erbe der Grafen von ***, als rechtmässiger, festbestättigter Eigner all ihrer Titel und Güter zu den Meinigen zurück. Man denke sich das Erstaunen, das diese Erscheinung bei einigen, und die Freude, die sie bei andern erregte!

Unter all meinen Freunden war keiner, der sich über meine erlangte Grösse weniger freute, als Evert von Remen; meine Schwester Alverde ward ihm bereits in ihrer Kindheit zur Gemahlin versprochen. Diese Vermählung würde in ihrem ehemaligen stand ein glänzendes Glück für sie gewesen sein, und in ihrem gegenwärtigen musste Evert nun zweifeln, ob er seine Augen zu ihr erheben dürfe. Ich liebte Evert von Remen, und suchte ihn bald hierüber zu beruhigen; er war ein edler Jüngling, nicht allein dem Charakter, sondern auch der Geburt nach, und ich war jetzt in einem stand, der mir es möglich machte, ihn höher zu heben, und sein Glück ganz den Ansprüchen meiner Schwester gemäss zu machen.

Ein Unglück für ihn, – (ach sollte ich nicht sagen ein weit grösseres für mich?) – war es, dass unsere Charaktere nicht ganz zusammen passten; er war sanft, ich feurig, er liebte, ungeachtet des unerschrockenen Muts und der tafern Faust, deren er sich rühmen konnte, die Ruhe; ich liebte kriegerische Tätigkeit, und hätte es gern gesehen, wenn der Urteilsspruch der heimlichen Richter mir etwas mehr Arbeit für mein Schwerd übergelassen hätte. Evert hatte einen entschiedenen Abscheu vor allen Geheimnissen, und ich hatte nur gar zu viel, das ich vor ihm verbergen musste. Er predigte mir täglich, dass unter Freunden, wie wir, keine Zurückhaltung statt haben dürfe. Er war klug genug, manches Verborgene bei mir zu ahnden. Er forschte, wo er nicht hätte forschen sollen, schlich mir nach, wo ich allein sein wollte und musste, verfocht Dinge gegen mich, die er nicht verstand, leugnete andere, die ich besser wusste, ohne ihn überführen zu dürfen, und so war die Fehde zwischen uns erklärt; tausendfache Zwistigkeiten entsponnen sich, und ob wir uns gleich immer wieder versöhnt in die arme schlossen, ob wir uns gleich am Ende beteuerten, es sei Torheit für solche Freunde, wie wir sich zu entzweien, und uns zuschwuren, jede ursache zu neuem Streit von beiden Seiten zu vermeiden, so war doch der Grund unserer Freundschaft schon insgeheim untergraben, und es brauchte nur Veranlassung von aussen, uns völlig zu trennen.

Mein neuer Stand, und der Rang, den ich als Graf von *** im Reiche der Unsichtbaren behauptete, zog viel neue Verbindungen nach sich. Freunde und Feinde wurden teils, durch Geschäfte zu meinem genauern Umgang