Gerechtigkeit und Gericht, die daher in meiner Seele entglommen, sollen nimmer erlöschen; aber ob ich je der Mann sein werde, sie auszuführen, ob ich je Kaiser sein werde, oder ob ich es nur sein möchte, das ist eine Sache, die wir unentschieden lassen wollen. In allen diesen Blättern habe ich nichts gefunden, das Everten von Remen in meinen Augen das Ansehen eines Propheten geben könnte, und seine Weissagung nebst etwa einem seltsamen Traume ist es doch allein, was euch und mir die Gedanken an den Kaiserstuhl in den Sinn bringen könnte.
Wir wollen die Sache Gott und der Zeit überlassen, sagte Tomas, ihr aber gedenkt in eurer künftigen Hoheit der hier verlebten Tage, der hier gefassten Entschlüsse, und des alten Mannes, der euch jetzt nicht ohne eine Träne von sich lassen kann!
So gewiss werde ich seiner denken, erwiderte Ruprecht, dass ich denn kommen werde, ihn zu mir zu holen, damit er mein Freund und Ratgeber sei, und mir ausführen helfe, wozu jetzt mir Menschenkräfte zu schwach dünken.
Tomas schüttelte den Kopf und meinte, dies wär schlechter Lohn für die genossene gute Bewirtung, wenn er noch auf seine alten Tage der ruhigen Einsamkeit, die sein Glück machte, beraubt und in die Welt zurückgeschleudert werden sollte!
Der Pfalzgraf lachte des Eifers, mit welchen sein Freund sprach. O wie fern, rief er mit gefalteten Händen, wie unglaublich fern sind diese Dinge noch von mir und euch! mich dünkt, ihr könntet kühnlich versprechen, wozu ihr vielleicht nie in der Würklichkeit aufgefordert werden dürftet!
Und fern, sehr fern waren wirklich die Dinge noch, von welchen hier die Rede war. Mehr als zehn Jahre vergingen, und der Pfalzgraf blieb noch immer der er war, ohne an das Kaisertum zu denken, oder, wie so viele um und neben ihm taten, ängstlich darnach zu ringen. Die begebenheiten bei des von Dülmen Säule schien er ganz vergessen zu haben, wenigstens hat er sie nie gegen jemand erwehnt, und sie sind erst lang nach seinem tod, vielleicht, als wofür wir nicht stehen können, durch die Tradition ein wenig verfälscht ans Licht gekommen; aber was ihm das Schicksal beschieden hatte, erfolgte doch endlich. Nach Kaiser Wenzels Absetzung fielen alle Stimmen auf ihn; er erlangte die Würde, die ihm geweissagt worden war. Das Kriegsschwerd und andere Unruhen verhinderten ihn lange, die Verbesserungen und Beschränkungen im Gebiet der rächenden Gerechtigkeit vorzunehmen, die in den damaligen zeiten so nötig wurden, dass es keiner geschichte eines Alf von Dülmen bedurft hätte, um sie zu veranlassen; aber endlich begann1 er, was erst unter Kaiser Siegmunds Regierung, und doch nicht ganz so, wie er es geendet haben würde, zu stand gebracht wurde. Tomas Knebel ward sein Rat, so wie er bisher sein Freund gewesen war; er überlebte den edlen Mann, der es so wohl verdient hatte, Kaiser zu sein, der verdient hätte, es noch länger zu bleiben, und war einer von denen, welche Ruprecht verordnet hatte, das Erbe unter seine Kinder zu teilen; dann kehrte er in sein einsames Schloss zurück, froh an den grenzen eines Lebens zu stehen, das nach dem Verlust seines königlichen Freundes allen Reiz für ihn verlohren hatte.
geschichte Alfs von Dülmen
Evert von Kemen an die Nachwelt
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So nimm sie denn hin, Nachwelt, diese Blätter! und du, in dessen hände sie geraten, bedenke, dass sie dem Sammler teuer zu stehen kamen, und nutze sie, wie du urteilen kannst, dass er sie genutzt haben würde, hätte die Lage der Sachen es nicht gehindert.
Ich hatte im Frühling des Lebens einen Freund; ob er meiner Treue ganz so lohnte, wie er gesollt hätte, das gehört nicht an diese Stelle; von ihm, nicht von mir will ich die Folgezeit unterhalten! –
Ich hatte einen Freund, wir wurden getrennt, wie Menschen oft getrennt werden. Das Schicksal führte einen jeden seinen eigenen Weg, der meinige ging weit aus meinem vaterland, Abwesenheit brachte Vergessenheit, ich war ein Mensch, wie hätte nicht auch ich endlich vergessen sollen, den der mich vergass! Doch fragte ich, als ich im späten Herbst der Jahre mein Vaterland wieder sah: Wo ist der Freund meiner Jugend? wo ist Graf Adolf von ***? Jedermann schwieg! – Wo ist Alf von Dülmen? wiederholte ich, in der Meinung, die Nachwelt würde jenen Unglücksnamen, über dessen Annehmung wir zuerst uns entzweiten, besser kennen. – Man zuckte die Achseln! – Da ging ich hin, in irgend eine Einsamkeit, sein Andenken zu beweinen, welches der Anblick des himmels, unter dem er und ich gebohren waren, wieder neu machte. Ich suchte einen verlassenen Winkel meines Vaterlands, dem Andenken des Verlohrnen, Vergessenen, oder Verstorbenen, ihm und noch einer, deren Namen ich nie ohne Tränen nennen kann, meine letzten Tage zu widmen. – Ich suchte, und das Schicksal liess mich die Stelle finden, wo mir schreckliche Aufklärung all meiner Zweifel bevorstand. Ich kaufte ein Haus, und wusste nicht was ich mit ihm gekauft hatte; wusste nicht, dass ich durch den Besitz dieser verfallenen Burg Herr über Freiheit und Leben meines Verlohrnen geworden war. O warum wurde ich es nicht vierzig Jahre eher?
Länger als diese genannte Zeit hatte Alf von Dülmen in dieser Hölle die Ketten von Henkern getragen, die ich nicht nennen kann. Ich glaubte einem Unbekannten