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Schwester und unsere Freunde, die von Remen, trostlos an seinem Lager weinten. Wenig Stunden vor seinem tod, verlangte er mit mir allein zu sein, und wandte sich mit folgender Rede an mich, deren ich mich noch fast wörtlich erinnern werde.

"Mein Sohn, sagte er, ich kann und darf die Welt nicht verlassen, ohne ein Familiengeheimniss in deinem Busen niederzulegen, das auch mir mein Vater sterbend anvertraute. Mir ist es von keinem Nutzen gewesen, dagegen hat es meine Seele mit einem unruhigen Streben, nach einem unerreichbaren Gute erfüllt, welches mein Leben verbitterte, und vielleicht meinen Tod früher herbeirief, als er sonst gekommen sein würde. Wüsste ich, dass dieses auch dein los sein würde, ich würde den Eid verwünschen, der mich nötigt zu reden, wo ich gern schweigen möchte. Wisse, du bist nicht der namen- und anspruchlose Jüngling, für den du dich hältst; du stammst aus dem haus der Grafen von ***. Die Güter und Titel dieses Hauses, in welche sich jetzt die Bischöffe von Bremen und Münster nebst andern geteilt haben, sind dein; man entriss sie deinen Vätern, und brachte uns fast bis zur Niedrigkeit des bürgerlichen Standes herab. Mein Vater, der erste, auf welchen dieses traurige los ganz fiel, fand Sicherheit und Ruhe in der Verbergung seines grossen Namens, doch wollte er nicht eher sterben, bis er mir unsere Ansprüche und die Mittel sie geltend zu machen, entdeckt hatte. Er beschwur mich, mich dieser Mittel als der einigen würksamen, die er selbst nur aus Furchtsamkeit versäumt hatte, zu bedienen, oder sie wenigstens seinen Enkeln zu empfehlen, welche vielleicht besser Glück haben möchten als ihre Väter."

Fast atemlos vor Erstaunen kniete ich an dem Bette meines Vaters; mein Herz, das von je her nach Grösse dürstete, fühlte ein Entzücken über diese Entdeckung, welches die traurigen Umstände, die dieselbe begleiteten, nicht ganz tilgen konnten. Wie? rief ich, wie mein Vater? ihr seid Graf von ***, und dieses muss ich in diesen betrübten Augenblicken zuerst erfahren?

Unglücklicher Jüngling! erwiderte er, die Sucht nach Ehre muss dein ganzes Herz besessen haben; wie könntest du sonst jetzt auf die Entdeckung deiner Herkunft einen so hohen Wert legen! Jetzt, da die Nichtigkeit aller irdischen Dinge dir in meinem Bilde so lebhaft vor Augen liegt.

Ich errötete über den Verweis, den ich so wohl verdient hatte, ich fühlte die Wahrheit in den Worten meines Vaters, und doch konnte ich mich nicht entalten, begierig nach den Wegen zu fragen, auf welchen sich das verlorne wieder erlangen liess.

"Die Wege, die ich gegangen hin, antwortete er, führten mich irre; ich suchte Gerechtigkeit an den Tronen der Fürsten, und fand sie nicht; es gibt noch einen Tron, vor welchem ich wie dein Grossvater mir sagte, unausbleibliche hülfe gefunden haben würde, aber er scheute sich, vor denselben zu treten, ich fühlte die nehmliche Abneigung und ich hoffe, du wirst mit deinen Vätern übereindenken, wenn du das Ganze übersehen kannst. Es gibt im deutschen Reiche eine heimliche Macht, welche dem Unrecht zu steuern, den Bedrückten zum Recht zu helfen weiss, wenn man ihre hülfe gehörig sucht."

Und warum suchtet ihr sie nicht? rief ich mit Eil, indem mein ganzes Gesicht glühte, denn ich verstand vollkommen, welche Macht er meinte.

Sie sind furchtbar, jene Unbekannten, sagte mein Vater mit schwacher stimme, ich kann dir nicht raten, dich an sie zu wenden. Forsche, was das gemeine Gerücht von ihnen sagt, und glaube mir, dass es gefährlich ist, mit ihnen in Verbindung zu treten!

Gott! mein Vater! was habt ihr wider die heimlichen Richter? ist nicht der Herzog von Sachsen ihr Oberhaupt?

Der Herzog von Sachsen ist gut, aber was sagst du zu dem Herzog von **, seinem Stellvertreter? Dergleichen Männer gab es auch zu deines Grossvaters zeiten im heimlichen Gericht; sie müssen bei der fast gränzenlosen Macht zu schaden, der Unschuld, die an ihrem Trone fleht, immer fürchterlich sein.

Ich wollte meinem Vater Einwürfe machen, welche mehr von meinen Geheimnissen verraten haben würden, als ich wollte; aber es war hier keine Zeit zu weitläuftigen Erörterungen; das viele Sprechen hatte meinem Vater eine Ohnmacht zugezogen, aus welcher er sich nur erholte, mir gewisse Documente über unsere Ansprüche anzuweisen, und denn in meinen Armen zu sterben.

Wer misst meinen Schmerz, als ich denjenigen tod vor mir sah, welcher nun erst ein glückliches Leben hätte führen können? Warum erfuhr ich diese Dinge nicht eher! Mein Vater hatte sich lange traurige Jahre um eine Sache gequält, die ich ihm nun mit einem Worte hätte erlangen können. Ich wusste, dass ich seinen Namen nun vor unserm Gericht nennen, seine Ansprüche nur beweisen durfte, so mussten alle Hindernisse, mit welchen er Zeitlebens gekämpft hatte, weichen. Denn ich, ein Einverleibter des grossen Bundes, wusste die kürzesten und leichtesten Mittel, zum Zweck zu gelangen, ich vermochte vielleicht noch mehr, als irgend ein anderer, durch die Gewogenheit mit welcher mich der Herzog von Sachsen, und sein Sohn, der junge Bernhard, sein Nachfolgen in der höchsten Würde des heimlichen Gerichts beehrten, durch die treuen nicht unbeträchtlichen Dienste, welche ich bereits meinen Obern in einige Jahren geleistet, und durch die Vergunst zu einer freien Bitte, welche ich zum Lohn für mein Wohlverhalten erlangt