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Worte laut! – Ist hier der Tron der Unfehlbarkeit? schrie ich, oder darf man noch von diesem, an den Richtstuhl des Ewigen appelliren?

Jedermann in dem grossen Cirkel war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um auf mich geachtet zu haben. Ich stand noch überdem auf ein kleines Gemäuer gelehnt, hinter den andern in halber Dunkelheit, so dass ich wohl hätte verborgen bleiben können, wenn ich der Vorsichtigkeit getreu geblieben wäre.

Meine sehr laut gesprochenen Worte, und die mit dem Ausdruck des höchsten Affekts in die Höhe gehobene Rechte, zogen die Augen all meiner Nachbaren auf mich. Ein leises Murmeln begann, das sich immer weiter ausbreitete, immer mehr verstärkte, und endlich wie ein brüllender Donner ertönte; was ich verstehen konnte, waren die Worte: Es habe sich ein Fremder zu ihren Geheimnissen eingeschlichen, und Tod müsse sein Lohn sein! – Die Tat schien hier unmittelbar den Worten folgen zu müssen, denn ich hatte kaum gehört, wusste kaum was ich gehört hatte, so bekam ich einen Schlag in den Nacken, der mich sinnlos zu Boden streckte.

Ob der Streich, den ich empfing, mich wirklich tödten oder nur meines Bewusstseins berauben sollte, weiss ich nicht; ich glaube das letzte; ich war in der Gewalt dieser Unbekannten, was hätte sie hindern sollen, da sich noch Leben in mir regte, mich vollends hinzurichten.

Als ich mich wieder erholte, war alles viel dunkler um mich her als zuvor, all die Leuchten, welche zuvor den weiten Platz mit schwachem phosphorischen Licht erhellten, waren ausgetan, und nur ein Mondstrahl beglänzte die Stelle, wo ich lag; sie war zu den Füssen des Trons, den ich zuvor in der Ferne wahrgenommen hatte. Der Richter befahl mir, mich so gut ich konnte zu erheben, und zu versuchen, ob ich durch Beantwortung der fragen, die man mir vorlegen würde, mein verwürktes Leben retten könnte.

Die erste derselben war: Wie ich an diesen geweihten Orte käme, ob Vorwitz oder Zufall mich hieher gebracht habe, und warum ich auf die Warnung, welche bei Hegung eines jeden dieser heimlichen Gerichte, an die Personen, welche sich eingeschlichen haben könnten, gleich anfangs zu ergehen pflegte, nicht augenblicks davon gegangen sei?

Ich konnte beteuren, von dieser Warnung, die ich vermutlich in meiner Weide verschlafen hatte, nichts gehört zu haben; auch die übrigen Teile der vorgemeldeten Frage konnte ich ziemlich zu Befriedigung des Richters beantworten, und man ging zu andern Untersuchungen fort, welche die Dinge, die ich hier gesehen und gehört hatte, nebst meiner Meinung davon betrafen, und die ich also hier mit Stillschweigen übergehen muss.

Und was, fuhr der Richter fort, der mir durch meine Antworten immer gewogner zu werden schien, was brachte euch zu der Kühnheit in jene Worte auszubrechen, welche uns eure Anwesenheit an diesem verbotenen Orte entdeckten?

Gefühl der Billigkeit!

Glaubt ihr nicht, dass hier der Stuhl der Unfehlbarkeit ist?

Ich denke, ich stehe vor einem menschlichen Gericht, welches Gott zum Oberrichter erkennen muss, dessen Urteil allein nicht trügen kann.

Habt ihr ursache zu zweifeln, dass wir in dem Fall, der euch aus eurer Fassung brachte, gerecht richteten?

Ich glaube sie zu haben.

Seid ihr in der Sache des Verurteilten interessirt?

Nein, ich habe bis diese Stunde nicht gewusst, dass ein solcher Mensch in der Welt ist.

Wünschtet ihr unser Urteil aufgeschoben oder geändert zu sehen?

Sobald ich es für unrecht halte, muss ich dies wünschen!

Noch eine Frage! Kennt ihr das Mittel, euer gegenwärtiges versehen oder Unglück, wie ihr es nennen wollt, euch in unserm verbotenen Kreise befunden zu haben, ungeschehen zu machen?

Nein.

Es heisst; Eintritt in unsern Bund!

Ich nehme es ohne Bedenken an, nicht aus Todesfurcht, welche ich nicht kenne, sondern weil ich diese Nacht viel von eurem Bunde kennen lernte, das mir gefällt.

Ihr habt diese Nacht viel von unserm Bunde kennen gelernt, und wisst also die verschiedenen Geschäfte, welche unsern Mitgliedern obliegen?

Ja, ich weis, dass ihr, ausser Richtern und Beisitzern auch Ausrichter des Urteils und Kundschafter unter euch habt.

Welche Stelle, meint ihr, wird die eurige sein, wenn es uns gefällt euch zu begnadigen und aufzunehmen?

Doch wohl die unterste, die mir sonst nicht sonderlich behagende Stelle eines Kundschafters.

Womit wünschet ihr euer Probestück zu machen?

Mit genauerer Erkundigung jener Sache, über welche vorhin, und wie ich meinte, falsch gesprochen wurde.

Jüngling, eure Erklärungen sind freimütig und zeugen von einem edlen und hohen geist. Wer seid ihr?

Ich nannte mich und – – doch das Uebrige zu melden wär zu weitläuftig, genug ich ward aufgenommen, meine Lippen wurden versiegelt, wie man hier die Beeidigung zur Teilnahme an den Geheimnissen der Gerechtigkeit nennt, und ich sah mich auf einmal das Mitglied eines grossen Bundes, von dessen Existenz ich zuvor nie gehört hatte. Ich, der vorher in der grössten Einsamkeit und Absonderung lebte, befand mich schnell in genauer Verbindung, wie ich meinte, mit dem halben Menschengeschlecht. Ich, der vorher niemand zu gehorchen hatte als einem Vater, bekam hier Oberherrn die ich zum teil nicht einmal kannte, und die so unumschränkt über mich herrschten, dass sie sich erkühnen durften, mich auf gewisse Art von der kindlichen Pflicht loszuzählen; wie ihr denn wohl denken könnt, dass mein Vater von den Vorgängen dieser Nacht und allem