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in dem niedrigen Gestände einige Hasen ihr Lager, die ich aber in unsern Wäldern besser finden konnte, und deren Nachstellung überhaupt meine Sache nicht war, wenn ich mir nicht etwa zuweilen die Lust machte, einen in vollem Lauf mit der Hand zu ergreifen, und mir selbst dadurch einen Beweis meiner Schnelligkeit zu geben.

Misvergnügt, dass ich hier das so wenig fund, was ich suchte, wollte ich schon unverrichteter Sache zurückkehren, als ich ein Volk Rebhühner vor mir aufsteigen sah; ich schenkte ihnen einige Pfeile, hub mein gefälltes Wildpret auf und trat den Rückweg an, entschlossen, diese Gegend nie wieder zu betreten, die ich in der Folge noch so oft sehen sollte.

Ich entdeckte einen kürzern Weg als den, welcher mich zuerst hieher geführt hatte. Man fand zu haus mein Wildpret köstlich; die Damen vornehmlich wollten nie etwas ähnliches gekostet haben, und der Frau von Remen zu Liebe, verging keine Woche, da ich nicht ausging, in jenen Gegenden Beute zu machen.

Sie wurden jetzt genauer untersucht, ich stieg hinab, ich durchspähte alle Winkel, die sich zwischen den zerstreuten Gebürgen verbargen, und fand endlich eines Tages eine Stelle, die zwar dem Auge des Jägers nicht eben merkwürdig war, die aber doch auf andere Art meine Aufmerksamkeit reizte.

Ich hatte die alte geschichte der Römer gut studirt, ich wusste viel Wahres und Unwahres, das mir mein Lehrer von Spuren ihrer Anwesenheit gesagt hatte, die sie in Deutschland zurückgelassen haben sollten, und glaubte hier sehr kenntliche Ueberbleibsel eines römischen Amphiteaters zu finden. Dies war etwas, das meiner Phantasie schmeichelte, und ich beschloss, hier das Andenken der grauen Vorzeit oft zu feiern. In der Folge war allemahl ein Fragment aus der römischen geschichte, dergleichen mir aus der Klosterbibliotek nicht versagt wurde, ein notwendiges Stück meiner Jagdbagage. Halbe und ganze Tage wurden hier in Gesellschaft der Alten verträumt, Vergangenheit vergegenwärtigt, Zukunft herbeigerufen, Plane und Vergleichungen gemacht, und all der phantastische Unfug getrieben, welchen eine junge Seele gemeiniglich in dem Gebiet des Wissens oder Empfindens zu treiben pflegt, das sie sich vor andern ausgesehen hat.

Die Gegend, auf eine halbe Meile umher, war ganz öde; ein heftiger Regen, der mich einst aus meinen Träumen aufschreckte, fand mich ganz ohne Obdach; alle Ueberbleibsel von Gemäuer, die man hier fand, waren gegen den Himmel zu offen, und meine Zuflucht war ein holer Baum, in welchem ich gemeiniglich meine mitgebrachten Gerätschaften zu bergen pflegte, es war eine ungeheure Weide, welche ausser mir wohl noch eine person hätte beherbergen können, und deren überhangende Zweige mich vollkommen schützten. Ich sass warm und reinlich; der Regen hielt an, sein monotonisches Rauschen schläferte mich ein; der weite Weg hatte mich ermüdet, und die hereinbrechende Nacht führte die Zeit des Schlummers herbei.

Nach Mitternacht, wie mir der Stand des Mondes sagte, der jetzt rein und voll am Himmel leuchtete, erwachte ich. Ich wusste nicht was mich erweckte; es war Geräusch, desgleichen ich in der ewigen Stille, die hier herrschte, nie vernommen hatte. Ich schlug die Augen auf und sah die Gegend rund umher von Menschen belebt. Ich schauderte in mich selbst zusammen, und alle ehedem vernommene und für Märchen gehaltene Geistersagen kamen mir vor die Seele. – Mein innres Beben dauerte indessen nur kurze Zeit; gewohnt, mich vor nichts zu fürchten, erhub ich mich, verliess meine enge wohnung und trat ohne besondere Vorsicht näher hinzu, um Dinge zu sehen und zu hören, zu deren genauer Schilderung mir Zunge und Feder gebunden ist. Euch sei genug, zu wissen, dass ich mich hier auf einmal ohne es zu wissen zuerst in einer Versammlung befand, die man wohl mit recht unter die furchtbarsten und ehrwürdigsten rechnet, welche unsere zeiten kennen, oder vielmehr, welche, von dem grösseren teil der Menschen ungekannt, ihr zur Geissel und zum Seegen im Verborgenen bestehen.

Dass ich unter Menschen nicht unter Geistern war, das sagte mir mein gesunder Verstand, obgleich wirklich hier alles das Gepräg des übermenschlichen, des ausserordentlichen trug. Ich starrte in eine zahllose Versammlung hin, die durch einen gewissen traurigen Ernst, in der Kleidung so wohl als im Betragen, die Wichtigkeit der Dinge bezeichnete, warum sie hier zusammen gekommen war. Ich sah in der Mitte des grossen Kreises einen Mann auf einer Art von Trone, welcher durch die Würde, die in seinem ganzen All herrschte, und durch die Urteile der Weisheit, welche aus seinem mund gingen, Anspruch auf den Namen eines Richters des ganzen Menschengeschlechts zu haben schien. Auch war es, als wenn bei den Dingen, welche hier in Vortrag kamen, die ganze Menschheit interessirt wär. – Meine Aufmerksamkeit wuchs von Minute zu Minute, die Vorgänge wurden immer wichtiger. Ich Furchtloser schauerte mehr als einmal zusammen; mir, dem Jüngling mit den gestählten Nerven, wandelte mehr als einmal gänzliche Machtlosigkeit an. Was ich sah, was ich hörte, das ist Gott bekannt, auch wird es wohl durch keine Zeit aus meinem Gedächtniss verlöscht werden, aber euch mehr davon zu sagen, als ihr bereits vernommen habt, ist unmöglich.

Ganz im stummen Staunen verloren, kaum atmend vor Wissbegier, wie das alles enden würde, stand ich da. Ich nahm Partie bei allem was verhandelt wurde, und als jetzt der Richter vom Trone in einer Sache einen Ausspruch tat, der nicht ganz zu meinen Einsichten passte, so ward meine Befremdung durch einige