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– (Gott! ich war noch nicht dreissig Jahr, als man mich in jene Tiefe hinabstiess) – du bist gegen mich alten Lehrling in der Unglücksschule noch ein Jüngling; manches in dem Leidenverzeichniss des armen Alf von Dülmen wird dir aufstossen, das dir zu Trost und Leitung für dein künftiges Leben dienen kann.

Doch nichts mehr von Verteurung meiner Gabe, sondern nun ohne weitere Umschweife den Anfang meines Versprechens!

Mein Vaterland ist Westphalen. Bis in mein zwanzigstes Jahr hielt ich mich für den Sohn eines gemeinen unbemittelten Edelmanns, ohne Rang und ohne Ansprüche, und war glücklich in diesem Wahn; o Gott, dass er mir ewig geblieben wär! –

An hohen Flügen schwärmender nach Ruhm und Grösse dürstender Phantasie, fehlte es mir von meinen ersten Jünglingsjahren an, nicht; Trieb, mich in einer höhern Sphäre zu zeigen, musste mir angebohren sein; ich tödete ihn nicht, sondern ich hing ihm mit geheimer Wohllust nach. Die Bahn, auf welcher ich das zu erlangen glaubte, was ich wünschte, lag, wie ich meinte, offen vor mir; schon mancher gemeine unbemittelte Jüngling, das sagte mir die geschichte, welche mein Lehrer, ein gelehrter Mönch aus dem benachbarten Kloster, fleissig mit mir traktirte, hatte sich durch sein Schwerdt und seine Tugend empor geschwungen. Ich hatte mir schon eine Reihe von Edeltaten vorgezeichnet, zu denen sich, wie ich meinte, nach meiner Vorschrift, die gelegenheit ganz genau finden musste, und die mich Zeit genug mit Ehre und Glück krönen mussten. O Schicksal, warum verleidetest du mir diesen sichern und anmutsvollen Weg zu Erreichung meiner Wünsche, indem du mir einen kürzern aber gefahrvollern zeigtest? Doch ich will nicht mit der Vorsicht rechten, sondern mich demütigen, mich als den allein Schuldigen bekennen.

Voll Ungeduld sah ich den Jahren entgegen, da mein Vater mir versprochen hatte, mich wehrhaft machen zu lassen, und an irgend einen Fürstenhof zu schicken; ich war geitzig nach jeder gelegenheit mich in den Waffen zu üben; ich fand sie in der Gesellschaft eines guten Jünglings aus unserer Nachbarschaft, dessen Namen ich mir nie ohne Schmerzen denken kann. Ach auch an ihm habe ich gesündigt! – Sein Name war Evert von Remen!

Nimmer müde, Arbeit für Schwerdt und Wurfpfeil zu suchen, ward ich ein wilder Jäger. Tag und Nacht lag ich in den Wäldern. Meine Faust ward stark, mein Wuchs ausserordentlich durch die unaufhörlichen Uebungen. Mein braver Vater, selbst in seinen Jünglingsjahren ein tapferer Krieger, hatte seine Freude an mir, und nannte mich oft gegen Konraden von Remen, Everts Vater, seinen jungen Helden. Lob und Beifall feuerten mich noch mehr an; ich dürstete nach immer neuen Beweisen meiner Stärke, und trauerte aufrichtig, dass es in den europäischen Gehölzen nicht Löwen und Tieger gebe, und dass Wölfe und Bären nur zuweilen in den unsrigen gefunden wurden. Hinfort kam ich nur selten in das Haus meines Vaters, um daselbst zu übernachten, und die Wälder wurden meine Heimat.

Ich hatte eine jüngere Schwester, ich zürnte mit ihr über die Schwäche ihres Geschlechts, die mich um ihre Begleitung bei meinem Herumschweifen brachte, zürnte mit ihrem und meinem Freunde, dem jungen Evert von Remen, der ganz an ihr hing, und der, da sich sein Gemüt mehr zu weiblicher Sanftmut neigte, lieber bei ihr zu haus blieb, als die Gefahren der Jagd mit mir teilte.

Ich war die mehresten mahle auf meinen Wanderungen ganz allein, und da mir die tausendmahl durchstreiften Gegenden in der Einsamkeit endlich lange Weile machten, so entfernte ich mich oft mehrere Tagereisen von meines Vaters wohnung, um neue Unterhaltung für mich, neue Beute für meine Waffen zu finden.

Weit nach Norden am Ausfluss der Weser, zwischen einer Gruppe von kahlen Gebürgen, liegt ein enges Tal, von welchem in unsrer Gegend zur Zeit meiner Jugend viel seltsame Sagen gingen. Die meisten machten es zu einem Eigentum böser Geister, welche zu gewissen zeiten daselbst ihre Zusammenkünfte halten sollten; man sprach viel von Personen, welche es betreten hätten, ohne wieder herauszukommen, von nächtlichem Getös, das sich daselbst hören liess, von quellendem Blut und blaulichen Flammen, und andern ungeheuren Dingen, welche ich mir alle auf meine Art deutete. Ich glaubte nämlich, gewisse weisse Bären, die sich zuweilen in unsern Waldungen spüren liessen, und davon ich einst einen erlegt hatte, hätten daselbst ihre Behausung und die Legende von übermenschlichen Wesen, welche dort regierten, diene der Furchtsamkeit nur zum Vorwand, sich nie dortin zu wagen. – Ich kannte keine Furcht; die Vorstellung neuer Gefahren war mir ein Gedankenfest; dass ich überall durch meine Faust unverletzt hindurch kommen würde, war mir gewiss, und die Reise dortin ward beschlossen. –

Man war in meines Vaters haus gewohnt, mich mehrere Tage nach einander nicht zu sehen, und die Ausführung meines Plans, welcher in der Tat Zeit brauchte, hatte also keine Schwierigkeit.

Es war einst gegen den Abend, da ich nach einer wirklich mühseligen Reise, das Ende meines weges vor mir sah; der letzte von mehrern grossen und kleinen Bergen, welche sich immer einer hinter dem andern erhuben, war erstiegen; ich sah ins Tal hinab, welches ich mir als eine schöne weite waldigte Gegend, die wohnung zahlreichen Wilds, vorgestellt hatte, und das sich mir nun ganz als das Gegenteil zeigte. Hier, das sagte mir mein erfahrner Waidmanns blick, hier möchten weder Wölfe noch Bären hausen. Vielleicht hatten