die mich zu endloser Qual rettete! – Ja wohl endlos! Ich ward müde die Jahre zu zählen, die man mich hier schmachten liess, und doch finde ich, da ich nun auf einer Art von Ruhepunkt stehe, und rückwärts blicke, auch sie sind wie ein Traum verschwunden! – Die erste Epoche meines Elends, da ich ganz unwissend war warum man mich hier einkerkerte, war kurz, ihr folgte eine andre, da ich heller sehen lernte, da man mir die Möglichkeit zeigte, Freiheit und Glück durch Treubrüchigkeit zu erkaufen; sie war schrecklich; die Kämpfe zwischen der stimme der Menschheit und den Forderungen der Tugend waren nicht leicht; ich seufzte nach Ruhe, aber die Ruhe, welche ich endlich fand, war noch schrecklicher, sie hiess Vergessenheit. Meinen Verfolgern hatte entweder der Tod die Schlangengeissel aus den Händen gewunden, oder sie waren müde geworden, immer vergebens gegen einen Fels zu wüten, und ich blieb ungestört in langer, langer Nacht, deren grauenvolle Einförmigkeit mir nach und nach fast Empfindung und Bewusstsein raubte, und mich mein Dasein in einer Art von Schlummer hinbringen liess, dessen Ende, bei den allmählich sinkenden Kräften der natur, wahrscheinlich der Tod sein musste.
Ein wohltätiger Schlag erweckte mich zu einem neuen Leben! Wer misst die Empfindungen eines Menschen, der schon mehr als halb dem grab anheimgefallen ist, wenn eine mächtige Erschütterung ihn gewaltsam empor reisst, und ihn fühlen lässt, dass er noch lebt? Wer misst die Empfindung jener Nacht, da ich im Donner Gottes die letzte Posaune zu hören glaubte, die mich Toden zur Auferstehung rief, da die Fesseln von meinen Händen sprangen, und die einstürzenden Gewölbe um mich her die kaum erlangte Freiheit, von der ich keinen Gebrauch zu machen wusste, schnell zu endigen drohten? –
Frommer, mildherziger Ademar, du warst der erste Gegenstand, den ich nach meiner Betäubung erblickte; es war mir wohl zu verzeihen, dass ich dich für einen Engel, den schönen Ort, an den du mich gebracht hattest, für den Wohnplatz der Seeligen hielt! Einen Menschen der gelitten hat, wie ich, scheint jede kleine Besserung seines Schicksals überirrdisch, jeder lindernde Helfer eine Gotteit zu sein.
Guter Ademar! dir danke ich Erleichterung meines Schicksals, du musst dich nicht entschuldigen, dass du mir dieselbe nicht ehr gabst; du warst Hüter meines Kerkers, du hattest geschworen meine Ketten nicht zu brechen, du kanntest deinen unglücklichen Gefangenen nicht einmal, ein Blitz vom Himmel musste mich dir kenntlich machen, ein Blitz vom Himmel musste dir zeigen, was du für mich tun solltest; wie konntest du ohne höhere Führung dich zu mir finden? Keiner deiner Vorgänger hatte ja in langen dreissig Jahren daran gedacht, dass es Pflicht für ihn sei, zu mir in mein Grab hinabzusteigen, wie hätte dir, der mit ihnen nach einerlei grundsätzen zu handeln verpflichtet war, dieses einfallen sollen? Was würde dir der Anblick eines Elends geholfen haben, das du, durch Eid gebunden, nicht lindern durftest?
Jetzt, da der Himmel selbst dich zu mir führte, da der Himmel selbst meine Bande brach, jetzt hast du freiere Hand zu handeln. Niemand beeidigte dich mir neue Fesseln anzulegen, und diese wunden hände, diese steifgewordenen Füsse bleiben also frei; mein altes Grab ist zusammen gestürzt, warum solltest du mir ein neues bauen? du gönnst mir ja gern diese hellere geräumigere und reinere wohnung, und die Aussicht den Schlossberg hinab, die mir beim ersten Anblick so elisisch dünkte. Etwas bessere Pflege kann vielleicht mir einen teil der verlornen Kräfte wieder erstatten; dann und wann eine Stunde in deiner Gesellschaft wird mir das Leben zum Himmel machen, und die Beschäftigung mit Büchern, und mit der Feder, die du mir gönnst, vertreibt die ärgste Quälerin des Gefangenen, die Langeweile, mit allen Schrecknissen, die sie in ihrem Gefolge hat; nur zuweilen in meinen schwärzesten Stunden kehren jetzt jene Furien, die Gefärtinnen meiner Einsamkeit zurück. Nur zuweilen ist mir es, als läg ich noch in jener Nacht begraben; aber ein blick von dir, ein Gedanke an dich, kann diese Phantasien immer verjagen!
O Ademar! Ademar! Gott seegne dich, und erhalte dich mir! Sollte dich ein feindliches Geschick mir entreissen, was würde aus mir werden? Töde mich lieber, ehe du mich in fremde hände kommen lässest; du weisst wohl, es war ein teil deines Eides, den du jenen Unerbittlichen schwören musstest, als sie dich zum Hüter dieses alten Steinhaufens und zu dem Meinigen machten, mich hinzurichten, wenn der Zufall mich und die Geheimnisse ihrer Grausamkeit, die in meinem Gedächtniss verwahrt sind, unter fremde Gewalt zu bringen drohte!
Ademar, ich habe gedacht, wie ich dir deine Treue gegen mich Hülflosen belohnen wollte; und schnell fiel mir ein, da ich sonst nichts habe, dir ein treues geständnis vergangener Dinge, so weit ich das darf, zu schenken; Du musst dies Geschenk nicht gering schätzen, es hat gewiss seinen Wert, und wird mir hier und da viel schmerzhafte Aufopferung kosten. Zeit und Kräfte, die ich zum Niederschreiben meiner traurigen geschichte brauche, bringe ich nicht in Rechnung; ich kann sie nicht besser anwenden als für dich und die Nachwelt, wenn du ihr die Mitwissenschaft dieser Dinge gönnen willst.
O mein Freund, du musst hier auch auf den Nutzen rechnen, den du aus der Kenntniss dieser Dinge schöpfen kannst. Du bist gegen mich sechzigjährigen Alten