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vollen Aufschluss zu geben, trachtete ich noch des Abends vor unserer Abreise, mich zweier Briefe zu bemächtigen, davon die Prinzessin den einen selbst geschrieben, und ihn Alverden endlich nach einigem Streit überlassen hatte; den andern brachte an einem der vorigen Tage ein Unbekannter, den ich nicht selbst gesehen habe; auch von dem Briefe weiss ich nichts weiter zu sagen, als dass er, ob er gleich an die Prinzessinnen Elise und Beatrix gerichtet war, dennoch von meinem Fräuleim erbrochen, und unter tausend Tränen gelesen wurde.

Ihr sehet wohl, dass sich aus diesen Schreiben viel aufgeklärt haben würde, aber sie sind mir unter den Händen verschwunden, und ich muss glauben, dass sie nebst andern Schriften zusammen gepackt, und nach einem Kloster zur Verwahrung geschickt worden sind, dessen Namen ich, als Alverde den Boten abfertigte, nicht verstehen konnte.

Ob diese Dinge einen Zusammenhang mit dem haben, was ich nun melden werde, mögt ihr entscheiden; ich gehe weiter.

Der Gram der Prinzessin und meines Fräuleins ward durch das Geräusch der glänzenden Heimführung der ersten nicht getilgt. Unser Führer, der Herr von Kalatin, den ich wohl ehe bei hof als den muntersten unter allen Rittern gesehen habe, schien von der nehmlichen Seuche angesteckt zu sein. Er nahte sich Alverden nie, ungeachtet ich wohl weis, wie er ehedem um einen blick, um ein Wort von ihr gerungen hat. Mag wohl sein, dass die Verminderung ihrer Schönheit seine Liebe tödtete, denn gewiss der heimliche Gram hat sie ganz zu einer andern gemacht, als sie vormals war.

Der Herr von Kalatin schränkte, ungeachtet ich weis, dass er von euch bei der Abreise andere Einschläge erhielt, unsere Freiheit auf keine Art ein; in Gedanken verloren ging er meistens seinen einsamen Weg für sich, und liess uns den unsrigen nach Gefallen suchen. Die Reisigen, welche zu unserer Hut bestellt waren, mogten wohl die wenigste Zeit wissen, wo ihr Führer und wo die ihnen Anbefohlnen waren. Ihn fanden sie etwa des Abends oder auch wohl erst des Morgens im Feld und Wald mit der Miene eines Verzweifelnden umher irren, indessen unsere Damen zu der Zeit, wenn Ablager gehalten werden sollte, immer auch gesucht, und dann ebenfalls in irgend einer Einöde, von ihren Tieren abgestiegen, weinend und seufzend gefunden wurden; in Summa, eine trübseligere und unordentlichere Heimführung einer königlichen Braut, als die unsrige, mag wohl, seit die Welt steht, nicht gesehen worden sein.

Ich war nur selten die Begleiterinn meines Fräuleins auf ihren einsamen Wanderungen; die Gnade, mit welcher sie mich ehemals beehrte, scheint seit dem Vertrauen, das ihr, ehrwürdiger Herr, auf mich warfet, merklich gemindert zu sein; doch wollte es das Schicksal, dass ich mich gerade in den merkwürdigen Augenblicken an ihrer Seite fand, welche den vornehmsten Gegenstand meiner Erzählung ausmachen.

Es war eine der schönsten mondhellen Nächte, die wir in diesem Sommer gehabt haben. Unser Reisegefolge ruhte unter den Zelten, welche man, um einmal zu rasten, auf der grossen Ebene an der Donau aufgeschlagen hatte, aber dass wir nicht rasteten, brauche ich euch nicht erst zu sagen. Die Prinzessin und ihre Vertraute wurden von ihrem ruhlosen Gram vom Lager aufgescheucht, und mich bewog die Hitze unter den Gezelten, vielleicht auch Neugier und Wunsch, euch zu dienen, meinem fräulein nachzuschleichen, und Erfrischung im Freien zu suchen. Ich folgte nur von weiten, weil ich nicht zur Begleitung aufgefordert war. Ich sah, dass die Damen ihren Weg nach dem Strome nahmen, der, wie er seine Fluten im Mondglanz dahin wälzte, wirklich ein hinreissend schönes Schauspiel gab. Der Ort, wohin sich unsere Schritte lenkten, war einsam. Der ausgetretene Strom hatte sich in einer der lieblichsten Gegenden ein Bette gemacht, das in niedrigen Ufern die klare Flut umschloss, und von alten Weiden beschattet wurde. Man liess sich an denselben nieder, man sprach, man weinte; ich hätte die Welt darum gegeben, ein Wort zu verstehen, aber die Entfernung, in welcher ich mich halten musste, war meiner Neugier nicht günstig, und nur einigemale kamen mir die Namen, Otto von Wittelsbach, und Alf von Dülmen zu Ohren; war es nicht schon Verbrechen für Kaiser Philipps Tochter, für Kaiser Ottos Braut, diese Namen in ihren Mund zu nehmen? – Doch ihr sollt noch mehr hören!

über der vergeblichen Bemühung, etwas zu vernehmen, das ich euch melden könnte, war ich entschlummert. – Mit Schrecken erwachte ich; Waffengeräusch war es, was mich weckte. Ich sprang auf, mein erster blick war nach den Damen, mein erster Gedanke Besorgniss um sie. Ich sah sie nicht mehr auf der Stelle, wo sie gesessen hatten, aber die klagende stimme der Prinzessin, lenkte meine Schritte nach dem Orte, wo ich sie finden sollte. Weiter ins Tal hinein ist eine Stelle von dichten Bäumen umschattet, die sie meinen Augen verbarg. Das Geklirr der Schwerdter und die unaufhörlich von der Prinzessin ausgesprochenen Namen, Otto von Wittelsbach und Alf von Dülmen liessen mich dortin eilen, ich sah zwei gerüstete Ritter im vollen Kampfe, ich sah Beatrix, wie sie bald sich mit Gefahr ihres eigenen Lebens zwischen sie warf, um ihren Streit zu hindern, bald auf den Boden neben einem Verwundeten, den ich noch nicht wahrgenommen hatte, hinkniete, um ihm das quellende Blut zu stillen; mein fräulein sah ich gar nicht, und man hat sie erst ziemlich spät