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machen!

Otto, ich weiss, dass du verschiednes nicht verstehst, was ich hier geschrieben habe, meine geschichte ist dir noch bei weitem nicht ganz bekannt, du weisst nicht, welch einen Verbrecher du bisher an deiner Seite duldetest. – Verbrecher? kann es wohl einen grösseren geben, als einen Kaisermörder? und doch fänd auch dieser seine Entschuldigung: Philipp hatte Blutschulden genug auf sich, es war billig, dass er einmal bezahlte. O Alix, Alix von Toulouse!

Mir ist, seit ich Personen wiedersah, die mir einst in glücklichern zeiten teuer waren, seit ich aus der Einsamkeit unter Menschen kam, der Kopf ganz schwindelnd, die alten Anfälle kehren wieder! – Du sollst dereinst schon alles erfahren, aber nicht ehe, bis ich an heiliger Stelle mich entsündigt habe, und mich dir ganz rein von den Schulden darstellen kann, die jetzt noch auf mir haften. – Einst wär ich der schönen Alix von Toulouse zu Liebe bald ein Albigenser geworden, aber diese Leute halten nichts von den Entsündigungen, die jetzt mein einiger Trost sind!

Nein, Otto, es bleibt dabei, wir ziehen zum heiligen grab, dort findet sich Ruhe für unsere Seele, und Arbeit für unser Schwerd. Meine Reise nach Regenspurg war nicht fruchtlos, ich hoffe, dir übermorgen Mittel genug zu unserer Ausrüstung und Zehrung auf dem weitern Wege zu bringen; das alte Gemäuer, wo du auf deiner ersten Flucht vor des Kaisers Bann deine Schätze bargst, habe ich gefunden; die Nacht wird mir zu dem Uebrigen helfen. Dir nur einige Kunde von meinen Expeditionen zu geben, schrieb ich dieses, du wirst es in der holen Weide an der Donau, die du mir zu diesem Behuf bezeichnetest, schon zu finden wissen. O dass die Begierde nach Nachricht von mir, dich nur nicht bewege, dich unvorsichtig zu wagen! Bedenke, dass die Hand der Rache in deinem Nacken, und der, welcher dir schwur, für dich zu sterben, fern ist. Nur bei Nacht darfst du die Weide besuchen.

Otto, du wirst finden, dass ich am Ende dieses briefes ganz vernünftig geschrieben habe. Nur zuweilen, nur wenn ich auf gewisse Punkte komme, schwankt mein Verstand. Habe Geduld mit mir, es wird sich alles aufklären!

Sei morgen meiner auf der Stelle gewärtig, wo du diesen Brief finden wirst, doch darfst du mich nicht ehe als um Mitternacht erwarten. Wir setzen denn bis an den Morgen die Reise durch den Wald fort, ruhen des Tages, erheben uns wiederum bei Nacht, und fahren so fort, bis wir in Gegenden kommen, wo wir mit mehrerer Sicherheit unsere Reise beschleunigen, und das Meer erreichen können, das uns unter einen friedlicheren Himmel tragen wird.

Blutschulden, sagt man, folgen dem Menschen nicht aufs Meer, sie bleiben auf der Erde zurück, die das Blut von seinen Händen trank. Und ob sie uns auch folgten; Busse am heiligen grab tilgt alles.

Jutta, Alverdens Kammerfrau, an den Bischof

von Sutri.

1210.

Ich fand so wenig bedenkliches an eurem Auftrag, euch alles zu melden, was auf unserer Reise nach Frankfurt vorfallen möchte, dass ich ihn erfüllt haben würde, auch wenn unsere Begegnisse von anderer Art gewesen wären, als die, welche uns leider betroffen haben; Begegnisse, welche mich in die notwendigkeit gesetzt haben würden, euch zu schreiben, auch wenn ich den Befehl dazu, nicht unter dem Siegel der beichte erhalten hätte. Höret das ganze All unsers Unglücks; die königliche Braut ist krank, der Reichsmarschall, der Herr von Kalatin, welchen der Kaiser der Prinzessin zum Führer zuschickte, ist ermordet, und mein armes fräulein befindet sich an den Pforten des Todes!

Dass die letzte euren geistlichen Zuspruch wünschen oder fordern solle, kann ich eben nicht sagen, auch ist sie zu schwach, zu wissen, was ihr gut ist, mir aber, als einer getreuen Dienerin, liegt ob, für ihr ewiges Heil zu sorgen, und euch, hochwürdiger Herr, zu ihrem geistlichen Beistand herbei zu rufen; und dieses um so viel mehr, da ihr mir oft sagtet, dass ihr Glaube mangelhaft, ihr Hang zu Ketzereien stark sei; Dinge, welche meine anhänglichkeit an sie zwar merklich schwächten, aber jetzt den Wunsch, sie gerettet zu sehen, nur desto mehr anfachen.

Mit halber Nachricht, ehrwürdiger Herr, wär euch, wie ich überzeugt bin, nicht gedient, und ich nütze also die Stunden der Nacht, die mir bis zu Abgang des Boten übrig sind, euch alles zu melden, was uns zugestossen ist; es sind schreckliche Dinge, von welchen ich das wenigste verstehe; doch ich erhielt Befehl von euch, auch das mir unverständliche, und eben dieses mit der meisten Sorgfalt zu verzeichnen, damit es eurer Weisheit nicht an Mitteln fehle, sich aus Irrgängen zu finden, wo mein schwacher Verstand still steht.

Die Schwermut, mit welcher mein fräulein seit einiger Zeit befallen war, kennt ihr, und ich behaupte nochmals, was ich euch oft sagte, wenn ihr euch herabliesst, mit mir über diesen Punkt zu sprechen, dass dieselbe etwas mehr als aufgeregten Gewissenszweifel zum grund haben müsse. So heiter die Prinzessin sich äusserlich erzeigte, mit so viel Freude sie ihrer erhabenen Bestimmung entgegen zu gehen schien, so ward sie doch so wohl als ihre Freundin in der Stille von einem Gram gefoltert, welcher keine grenzen hatte. Euch über den Grund dieser Dinge