, sich eine Zeitlang aller Briefe, welche an mich einlaufen, bemächtigen zu dürfen, nun wird sie mir auch die Feder rauben; das Schreiben von vergangenen Dingen, behauptet sie, sei mir so nachteilig, als wenn ich durch Briefe von meinen Freunden an dieselben erinnert würde. Was könnte ich eben für Briefe dieser Art erhalten, als etwa von dir oder Kunigunden? doch nahm gestern Alverde ein Schreiben zu sich, das an dich und mich zugleich überschrieben war, und das ihr verdächtig vorkam, weil es das wittelsbachsche Wappen trug. Ein Unbekannter hat es gebracht. Also ein Brief von dem unglücklichen Pfalzgrafen. –
Sie nehme es hin, und berichte uns daraus, was uns zu wissen gut ist. Ich zweifle, ob man dir bei deiner gegenwärtigen Lage, die du mir ziemlich zwangvoll beschreibst, gestatten würde, Schreiben von einer ehemaligen Verlobten anzunehmen. Möchte doch dieses, welches ich Alverden überliess, Nachricht von seiner Sicherheit entalten, Sicherheit nur so lang, bis die Urheberin seines Unglücks, die arme Beatrix, mehr für ihn tun kann!
Tröste dich, Wittelsbach! deine Schlösser sollen wieder aufgebaut, du und deine durchächteten Verwandten losgesprochen werden, sobald nur meine stimme das Ohr des Kaisers erreichen kann. Mein erster Fussfall soll, was meine schriftliche Vorbitte nicht vermochte, euch Gnade erwerben! Mein künftiger Gemahl schrieb mir ja nur noch neulich: bittende Schönheit sei unwiderstehlich, die knieende Beatrix habe zuerst sein Herz gerührt! – Und um was kniete, um was bat ich da? – Um Rache! Sollte ich nicht noch mehr vermögen, wenn ich bei einem guten, gnadevollen Monarchen um Schonung flehte?
Ich fragte Alverden um den Inhalt jenes Schreibens; sie schwieg, aber ich sah wohl, dass sie, als sie aus ihren Kabinet, in welches sie sich um zu lesen verschlossen hatte, hervorging, heftig geweint hatte. –
Auf meine nochmalige Frage, ob sie Erschwerung unseres Leidens gelesen habe, antwortete sie: Nein! ehe das Gegenteil! Wittelsbach hat einen Freund, einen Tröster gefunden, ein Ort der Sicherheit birgt ihn; dies ist, denke ich, genug, euch zu beruhigen!
Es ist es, Alverde! aber was mag aus deinem unglücklichen Bruder geworden sein? – Gern hätte ich so gefragt, aber um sie zu schonen, darf ich Alf von Dülmens nicht gedenken.
Sie ist noch sehr schwach! Nur überwiegende Liebe für mich bewegt sie, mir nach Frankfurt zu folgen, so wie mich nichts veranlasst, sie aus ihrer Ruhe und Einsamkeit zu reissen, als die Hoffnung, das Geräusch des Hofs werde ihren inneren Gram über Dinge, die sie sich ohn ursache zur Last legt, erst betäuben, denn seinen Stachel abstumpfen, und so nach und nach ihr Gemüt zu völliger Heilung vorbereiten, die mir gelingen muss, wenn alles so geht, wie ich es wünsche, und wie ich es eingeleitet habe.
lebe wohl, Elise! Denkst du gar nicht mehr an unsere Freunde in Toulouse? Man verfährt grausam mit ihnen, einiger Lehren wegen, die sie annehmen, und die man irrig nennt? – Die Klugheit verbietet mir, mich hierüber deutlicher zu erklären, eine Frage glaube ich tun zu können, und ich dächte, auch dir würde sie erlaubt sein: Ob Feuer und Schwerd Mittel sei, Irrende zu bekehren? – O Elise! bittende Schönheit ist unwiderstehlich! Knie auch du vor deinem Gemahl, um Schonung, wie ich für dem meinigen knien werde. Sein Einfluss, in das Schicksal der unglücklichen Anhänger des Waldus ist gross. Der Bischof von Kastilien ist einer ihrer vornehmsten Verfolger, er soll einer der ersten Richter in dem Tribunal sein, welches der Pabst zu Ausrottung der Ketzer neulich errichtet hat; bitte auch ihn, knie auch vor ihm, wenn es sein muss, keine Demütigung zu Rettung der Unschuldigen wird deiner Hoheit schaden.
Alverde schüttelt den Kopf über das, was ich geschrieben habe, sie meint, es könne dir Nachteil bringen; auf vieles Bitten überlasse ich ihr den Brief, sie mag ihn in deine hände befördern, wenn es ihre Klugheit am sichersten hält; ach freilich hat sie Recht, dass ein mündliches Gespräch, alles was ich dir hier sagte und sagen könnte, besser und gefahrloser berichtigen würde, als zwanzig Briefe; aber wird mir das Glück, dich wieder zu sehen, auch diesseit des Grabes beschieden sein? – Ich zweifle! In dem Augenblicke, da man mich zum Traualtar führen will, umschatten mich Todesgedanken, und schwarze Ahndungen steigen in meiner Seele auf! lebe wohl, lebe wohl, Elise!
Alf von Dülmen an Otto von Wittelsbach.
1210.
Dein Brief an die Prinzessinnen ist überliefert, ich selbst war der Ueberbringer; ich achte mein Leben so wenig, dass ich mich kühnlich dahin wagte, wo meine Entdeckung mein Todesurteil gewesen wär, obgleich die Botschaft, wie ich dir wohl glaube, nicht von der Wichtigkeit war, ein solches Opfer zu fordern; deinen Hasserinnen Nachricht von deinem Elend zu geben, war in Wahrheit, wie du selbst gestehst, eine undankbare Mühe! – Ach Schicksal! dass du die, welche uns sonst die liebsten waren, zu unsern Feinden machtest! –
Dein Brief kam aus meinen in Alverdens hände, ich sah sie, meine ehemalige Schwester, jetzt meine Verfolgerin und Anklägerin, ohne von ihr gekannt zu werden, das Geräusch von der Heimführung der königlichen Braut, verhinderte die Aufmerksamkeit, auch mag das Elend wohl unkenntlich