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als irgend jemand verstehen würdest! lebe wohl! – Dort, wohin Alix voran gegangen ist, sehen wir uns wieder.

Ach dein letzter Brief an mich, entält manches in Rücksicht auf die gräfin von Toulouse, darüber ich gern dein Urteil berichtigen möchte! – Mein Trost ist, dass dort nicht Verirrungen des Verstandes, nur des Herzens gerügt werden, doch wehe denen die dich verabscheuen lehrten, was du ehemahls mit so heissem Eifer für wahr erkanntest! Wisse, du hast keine Stunde deines Lebens zu bereuen, die du mit Alix zubrachtest, und ich nenne mich um keiner Handlung willen eine Sünderinn, als um derjenigen, die mich jetzt zum grab befördert; noch mehr, ich würde gegenwärtig ganz ohne Trost sein, wüsste ich nicht, was ich zu Toulouse lernte.

Dies dir, meine Elise! und dir Beatrix nochmahlige Einladung zur Eile!

Beatrix an Elisen.

1209.

Alverdens Brief, den du nun erhalten haben wirst, und den ich besser verstand, als eine von euch denken mag, liess mir kaum Kraft übrig, die eilige Reise zu beginnen, die mir unsere Freundinn empfahl; aber den Entschluss, des Kaisers Bewerbung um meine Hand nicht zurück zu weisen, zu dem man mich schon halb überredet hatte, diesen fest zu machen, bewies er seine volle Kraft.

Ich weiss, ich werde auf kurze Zeit kaiserin sein, aber diese kurze Zeit sei angewandt Pflichten zu erfüllen, die ich nicht anders als auf dem Trone vollbringen könnte. Wollte Gott, ich wär schon Ottos gemahlin! wollte Gott, ich könnte schon jetzt vom Trone den Ausspruch tun: Ich Philipps Tochter, verzeihe seinem Mörder! ich will nichts von Rache hören, meine erste Bitte an die Gerechtigkeit, und an den Handhaber derselben, den Kaiser, ist Schonung! Schonung für die Schuldigen und Unschuldigen! – Meinst du nicht, Elise, dass der Kaiser Macht, Gerechtigkeit für die hat, allen Rächern, allen, du verstehst mich, allen sage ich, Einhalt zu tun?

arme, unglückliche Schwester! ich denke mir, wie seit den letzten Briefen aus Deutschland deine Tränen geflossen sein werden!

Sehr unvorsichtig hat man dir, wie ich höre, berichtet, dass auch über den Pfalzgrafen, so unschuldig er sein mag, die Reichsacht ergangen ist, und du beweinst also ungefähr, was ich beweine; nur ungefähr, nicht ganz. Verleumdete Tugend ist der Gegenstand deines Kummers, meine Tränen fliessen für das Verbrechen! Wer ist am meisten zu beklagen?

O Schwester! wär der Anteil, den wir an dem Verderben dieser Unglücklichen haben, nur nicht so gross! Himmel! wozu hat man uns verleitet! Man hat uns zu Anklägerinnen derjenigen gemacht, die wir gern mit einem teil unsers Blutes retten würden! Otto, der Kaiser, denkt, die Erklärung seiner Liebe gegen mich nicht besser einleiten zu können, als mit der Versicherung, dass Wittelsbach sterben solle. Wittelsbach der Unschuldige, mein ehemahliger Freund, mein gehofter Bruder: Auch um ihn fliessen meine Tränen, fliessen fast so häufig um ihn, als um den andern, den ich nicht nennen mag! Ich habe dem Kaiser um Schonung geschrieben, ich sehne mich nach dem Tage, da mir der Name gemahlin noch mehr Recht über sein Herz und seine Handlungen gibt, ach dass nur nicht denn alles schon zu spät sei! Die Rache hat Flügel, wer will sie einholen.

Ich hasse jetzt jeden, der mich an den Abgrund von Elend leitete, an welchem ich jetzt stehe; oft wenn ich über das ganze All unserer Unfälle nachdenke, so ist mir es, als herrschte durchaus eine verborgene feindseelige Macht, die alles zu unserm Verderben leitete, die uns selbst zu Werkzeugen desselben machte, die uns handeln lehrte, wie wir nicht handeln wollten, und uns gerade das vollbringen liess, was wir verabscheuten.

Hier sind Abgründe, die weder du noch ich jemahls durchschauen werden; hände haben hier gewürkt, Triebräder in die grosse Maschiene, die zu unserm Verderben in gang gesetzt wurde, eingegriffen, auf die wir wohl nie raten durften.

Die, welche uns sichtbar am Seil führten, waren Sutri, und der Bischoff von Speier. Den letzten entschuldige ich, ich kenne den alten Mann hinlänglich, um ihm zuzutrauen, dass überall Treue gegen seinen unglücklichen Kaiser, und Wünsche seine verlassenen Töchter zu beglücken der Grund seiner Handlungen war; aber was soll ich von Sutri denken? –

Wider meinen Willen ist er mir nach Regenspurg gefolgt. Er quält die schwache Alverde unablässig um Mitteilung verborgener Dinge, zu deren Augenzeuginn sie seine hämische Staatsklugheit zu machen wusste; er, der wohl von Männern Geheimnisse herauszulocken wusste, glaubte von einem schwachen Frauenzimmer alles erfahren, ihre Augen ganz wie die seinigen gebrauchen zu können; aber er irrte. Alverde musste, wie ihr Brief sagt, Geheimhaltung gewisser Dinge beschwören, und es fehlt ihr nicht an Festigkeit, ihren Eid zu halten. Auch sie scheint jetzt Sutri aus einem andern Lichte zu betrachten als vordem, da er sie mit seiner schlauen List sowohl als dich und mich eingenommen hatte; sie hasst und flieht ihn. Bei ihm will gleichfalls die Maske der Freundlichkeit gegen sie nicht mehr recht haften; er spielt oft auf ihren Irrglauben an, nennte sie jüngst öffentlich eine Waldenserinn, und sprach viel von den Verfolgungen, die diese unglücklichen Leute jetzt in Toulouse auszustehen haben, oder von dem Triumpf des Glaubens, wie er es zu nennen pflegt.

Meinst