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ich schwieg. Vor meinen Ohren wurden Dinge abgetan, die ich nicht nachsagen darf, denn man trug sorge, meine Lippen beim Eintritt in den geweihten Ort, mit einem Eide zu versiegeln. Aus allen Bezirken des Deutschen Reichs, auch noch aus fernern Gegenden, standen Zeugen auf und zeugten von ungeheuren Verbrechen. Kläger, die von andern Richtstühlen zurückgewiesen worden waren, suchten hier Genugtuung und fanden sie. Die ausgesendeten Diener der Rache, wurden aufgerufen, und empfingen durchs los Anweisung zu schrecklichen Geschäften; Andre traten auf, und legten Rechnung ab, wie sie das anvertraute Schwerd hie und da nach Befehl gehandhabt hatten; Ach das Blut des Freundes und des Bruders haftete an manchem, und die Tränen flossen in seine Erzehlung.

Mir ward das Blut zu Eis bei diesen Auftritten, o Elise, hättest du alle Schrecknisse des Auftrags gewusst, den du der armen Alverde gabst, du würdest ihrer geschont haben. Einige der Männer unter welchen ich stand, – (kein Weib war überall gegenwärtig) – hatten Mitleid mit der Bewegung, in welcher sie mich sahen, und unterstützten mich, dass ich nicht sank. Einer von ihnen wagte es, das heilige Stillschweigen, das hier ausser den Stimmen am Richterstuhle herrscht, zu brechen, und mir Verwundrung, eine person meines Geschlechts hier zu sehen, zuzuflüstern, ein anderer bewunderte meinen Mut mich an diesen Ort zu wagen. – Ich antwortete nicht; mein gerühmter Mut verminderte sich von Augenblick zu Augenblicke, und er war ganz hin, da man mich zum Sprechen aufforderte.

Ich ward an die Stufen des Trons geleitet, aber ich konnte nichts weiter tun als niederfallen, und die Hauptworte meines Gesuchs stammeln. Man fragte mich, ob ich Kaiser Philipps Tochter sei? ich verneinte und nannte den Namen der prinzessin, auf deren Befehl ich erschien. –

Eine grosse Untersuchung begann; Personen waren gegenwärtig, welche wohl um die Tat wussten, und mehr hierüber sagen konnten als ich selbst vermochte. Die Zeugen und Beisitzer des grossen Gerichts, sind die lebendigen Verzeichnisse von allem, was hier des Forschens bedarf. Kein Fall kann vorkommen, über welchen nicht einer aus der Versamlung bündige Auskunft zu geben wüsste.

Nachdem alles vorgebracht war, was zur Sache taugte, nannte man einmütig den Namen Pfalzgraf Ottos von Wittelsbach. Ich hatte indessen Mut genug gefasst, seine Verteidigung zu übernehmen, ich zog den Brief der kaiserin Irene vor, welcher den besten Beweis seiner Unschuld entielt, auch erhub sich einer aus der Versammlung, den ich schon vorher wohl bemerkt und gekannt hatte, den Wittelsbacher schuldlos zu erklären. Man forderte Beweise von ihm; die Stelle, antwortete er, die ich in diesem Gericht bekleide, berechtigt mich, mein blosses eidliches Wort, als beweisend anzugeben.

Wittelsbach war also entschuldigt, und nun erhub sich eine stimme, den Mörder Kaiser Philipps aus allen Gegenden der Welt zur Strafe herbei zu rufen; mir bebte das Herz, als wär ich die Verbrecherinn! – Eben wollte man weitere Verfügung zu Herbeibringung des Schuldigen auf den nächsten Gerichtstag treffen, da stand einer von den Höchsten aus der Versammlung auf und rief; Ich, Ich bin der Mörder! Verführung und halber Wahnsinn könnten mich entschuldigen, aber – –

Ein fürchterliches Getös erhub sich auf der ganzen12 Fläche, so weit des Sprechers Worte gehört worden waren. Es war etwas unerhörtes, einen Beisitzer des furchtbaren Gerichts, als Verbrecher aufstehen zu sehen, die ganze Versammlung erhub sich, alle Stühle wurden mit Geräusch umgekehrt, alle Lichter gelöscht, nur der Mond erhellte mit seinen Stralen die grauenvolle Scene.

Von Entsetzen übermocht, war ich zur Erde gesunken, der, welcher sich als Kaiser Philipps Mörder bekannte, der, wider welchen ich das Rachschwerd aufgerufen hatte, war eben derjenige, welcher zuvor nebst mir zu des Pfalzgrafen Verteidigung gesprochen hatte, es war – – – – O Elise! schenkt mir den Namen!

Gänzliche Bewustlosigkeit würde mir in meiner Lage Wohltat gewesen sein, der Himmel begnadigte mich nicht mit derselben, ich blieb bei mir selbst um zu hören, wie der, den ich liebte mit den fürchterlichsten Flüchen belastet, und hinaus gewiesen ward, aus der Versammlung, dass ihn töde wer ihn finde, weil dieser Ort zu heilig sei sein Blut zu vergiessen. Ich sprang auf, ihm zu folgen, man hielt mich zurück; man zog das los, über die bestimmten Henker des Unglücklichen wider den ich die Rache geweckt hatte, aber ich vernahm die Namen nicht; endlich besiegte die Verzweiflung die Kräfte der natur, und ich sank in einen Zustand des Nichtseins, aus welchem ich erst nach mehrerern Tagen hier in Regenspurg, in dem haus eines Verwandten, in welches man mich aus jenem Schreckensorte gebracht hat, erwachte.

Ich zürne mit der natur, dass sie sich aus dem gefahrvollen Zustande, in welchem ich dem tod nahe war, empor half; doch die Hoffnung zu sterben, bald zu sterben, ist noch nicht erloschen, wie wärs möglich, das, was ich im Stillen leide, lang auszuhalten?

Eilet, Beatrix, wenn ihr mir den Trost gönnet, euch diesseit des Grabes noch einmal zu umarmen, eilet zu mir nach Regenspurg! Von dort aus habt ihr kaum den halben Weg nach Frankfurt, und ihr könnt so gleich vom grab der Freundinn nach dem Traualtar gehen.

O Elise, könnte ich auch dich noch einmal umarmen! Doch wohl dir, dass du nicht hier bist meinen Jammer zu sehen, den du besser