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; und was von ihr die Kindespflicht fordert, das möchte vielleicht von mir schwesterliche Liebe und die sorge für die Ehre meines Bruders heischen. Ach der Geliebte! der Verlorene! was mag aus ihm geworden sein! vielleicht ist er bereits nicht mehr, darum wagt es die Schmähsucht desto kühnlicher, seine Asche zu besudeln! soll ich dieses dulden? Soll ich nicht vielmehr jeden Schritt gehen, den man mir vorzeichnet, seine Ehre zu retten?

Elise, prinzessin von Kastilien an ihre

Freundinn Alverde.

1209.

Die Rache schläft, soll ich sie wecken? Otto von Wittelsbach ist unschuldig, an wessen Händen mag das Blut meines Vaters haften? Diese Gedanken verfolgen mich ohne Unterlass, verfolgen mich doppelt heftig seit einem Schritte, zu welchen mich Reue über begangene Fehler bewog.

Alverde, du und ich sind grosse Sünderinnen, auch Alix war es, Gott sei ihrer Seele gnädig! Der fromme und gelehrte Bischof von Kastilien hat während der Reise zu meiner Bestimmung oft mit solchen Ermahnungen an mein Herz geklopft, als wüsste er, welche Irrtümer ich zu Toulouse eingesogen habe, eine Predigt des Dominikus Guzman, der, wie man versichert, dereinst ein grosses Licht der Kirche werden wird, vollendete meine Bekehrung. Ich nützte die erste ruhige Zeit nach den Festen, welche meine Vermählung nach sich zog, mir erlaubnis zu einer achttägigen Andacht im Kloster S. Maria zu erbitten; ich erhielt sie, und säumte nicht, mich zu den Füssen der Heiligen zu werfen. Ach Alverde, mein Herz war voll, noch lebte der Wittelsbacher in demselben, da ich es doch nur allein meinem Gemahl schuldig bin, dem mich der Himmel so augenscheinlich in die arme geführt hat, dass ich seine Hand nicht verkennen, dass ich nicht murren darf. Gleichwohl blieb die Erinnerung vergangener Dinge unaustilgbar, und der Gram um Unmöglichkeiten unsterblich. Sprich, Alverde, sollte ich beim Gefühl meiner Schwäche nicht nach übernatürlicher hülfe schmachten? Ich suchte sie bei den Altären, ich schwur, um mir sie vom Himmel zu erringen, den Glauben an alles ab, was ich von Alix erlernte, und was man mir mit dem Glauben der Kirche weiland geschildert hat; Gott, was hätte ich nicht getan, um mir Ruhe zu erkaufen!

Ich denke, ich habe sie erlangt, das Andenken des Wittelsbachers ist in meinem Herzen ertödet, oder es schlummert wenigstens; Gott gebe, dass es nie erwache! – Aber ein anderes peinigendes mit meinem ganzen Charakter streitendes Gefühl ist in mir erwacht, der Trieb nach Rache! Trieb? Wunsch? – nein, so kann ich das nicht nennen, wovor ich zittre; es ist bloss der Gedanke, der in mir rege ward, Rache des unschuldig vergossnen Blutes meines Vaters sei nötig, und ich, die Tochter, müsse sie fordern; denke selbst: Keine Nacht im Kloster verging, dass mir nicht der blutige Schatten des ermordeten Kaisers in Nebelduft gehüllt vor die halb wachenden Augen kam, und Worte an mich ertönten, die mir wohl ewig unvergesslich bleiben werden. Ich wiederhole sie nicht; Geistersprache, sagt man, darf die Zunge der Sterblichen nicht nachlallen; meinem Beichtvater habe ich davon entdeckt, was ich musste, und höre hier den Plan, der mehr aus fremden Ratschlägen, als aus eigenem Nachdenken zu Wiedererlangung meiner Ruhe entstand, und zu dessen Ausführung du mir die Hand bieten musst.

Kaiser Philipps Blut muss von der Hand seines Mörders, so gern mein leidendes Herz ihm auch die Strafe schenkte, blutig zurückgefordert werden, meine Schwester Beatrix hat, wie ich vernehme, am Trone des neuen Kaisers vergebens um Recht und Rache gefleht, sie ward gnädig, mehr als gnädig aufgenommen, aber ihr Gesuch schlug man ihr unter dem Vorwand ab, dass bei einer so verborgenen Sache niemand als Gott richten könne. Nun wohlan, so muss man sich an Gottes Stellvertreter, an jene furchtbaren Richter wenden, die an seiner Statt im Verborgenen richten. Wisse, durch das ganze deutsche Reich herrscht eine heimliche Macht, nur durch ihre Würkungen sichtbar; sie weis jedes Verbrechen aus der Verborgenheit zu ziehen, jede Untat nach Gebühr zu strafen. Mache dich auf, Alverde! klage in meinem Namen an den Stufen des furchtbaren Richterstuhls! die Mittel, zu demselben zu gelangen, findest du auf diesem Blatte verzeichnet, ich dachte nicht, dass diese Dinge, welche ich einst von Einem erfuhr, welcher mir nichts verschweigen konnte, mir nutzbar werden würden. Nutzbar? – wird Rache mir Nutzen oder Ruhe bringen? – Man versichert es mich, aber mein Herz spricht nein! – Wenn nun die Tochter die Rache über den Mörder des Vaters herabgerufen hat, und das Gerücht erschallt, dieser oder ein anderer, den ich kenne, oder nicht kenne, ist durch den Stahl heimlicher Henker gefallen, weil er Kaiser Philipps Blut vergoss; wird da nicht mein Herz beben, und mich selbst eine Mörderinn nennen? – Ist auch das Urteil jener Unbekannten unfehlbar? – und da ich dieses durch viel Beispiele gelehrt glauben muss, darf auch der Mensch richten, wo Gott Nachsicht hat? Wer weis, zu welchen grossen Absichten der ewige Richter dem Kaisermörder seine Verborgenheit gründe, die ich nun zerstöre! –

O Alverde, ich weis nicht, was ich beginne, richte du selbst über die Rechtmässigkeit meines Verlangens, und gehe, so viel die Geheimhaltung der Sache verstattet, mit Verständigen darüber zu Rate. Ich nenne dir besonders den Bischof von Sutri, zu welchem