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lange, um dem Traum nachzudenken, der ihn erweckt hatte, Gedanken stiegen in ihm auf, die seiner Deutung ziemlich nahe kommen mochten, aber immer blieb es noch dunkel vor ihm. heller zu sehen, hätte er Alfs von Dülmen geschichte wissen müssen, deren Entüllung, wie vorigen Abends Tomas Knebel sagte, nur für jenen grossen Tag, den Erklärer aller Geheimnisse, aufbehalten zu sein schien.

Der Mond schien hell durch die Fenster des Schlafgemachs, der Pfalzgraf, misstrauisch auf sein Gedächtniss, verzeichnete alle Worte seines Traums auf eine Tafel, die er bei sich zu tragen pflegte, und stand denn auf, um das Bild der beiden Freunde noch einmal zu betrachten, die er des vorigen Abends für Jonatan und David gehalten hatte. Es ward hinlänglich von dem einfallenden Mondstrahl beleuchtet, um ihm in dem letzten die volle Aehnlichkeit Alfs von Dülmen zu zeigen, so wie er ihn eben im Traum gesehen hatte; jener Petrus im gefängnis zeigte das nehmliche.

Noch war ihm alles ein Rätsel. Ein Schauer, wie man ihn nur da fühlen soll, wo Geister uns umschweben, befiel ihn; er eilte auf sein Lager zurück, und verhüllte sich in die Decken; wo sich bald darauf ein Schlummer seiner bemächtigte, welcher so tief war, so völlige Vergessenheit alles Vergangenen mit sich brachte, dass der Pfalzgraf in der Folge mehrmal versichert hat, er habe kein anderes Denkzeichen desselben für sein Gedächtniss, als was er davon in der Nacht in sein Taschenbuch geschrieben habe.

Es war heller Tag, als der Schlossbesitzer vor sein Bette trat, und ihn zu erwecken suchte. Ruprecht fragte, indem er sich die Augen rieb, ob sein Pferd gesattelt sei, und er seine Reise weiter fortsetzen könne?

Erhebet euch, Herr Pfalzgraf, war die Antwort, um die Entscheidung eurer Frage selbst zu sehen. Ruprecht richtete sich auf, Tomas schlug den Vorhang zurück, und deutete auf die hohen Fenster, durch welche man ins Tal hinab, wie in eine wallende See sah. Was ist das? schrie der Pfalzgraf. – Nichts, antwortete Tomas Knebel, als die Gewissheit, dass ihr heute und morgen nicht reisen könnt: der anhaltende Regen hatte schon gestern den Fluss, der bei seinen hohen Ufern doch so leicht überströmt, dermassen angeschwellt, dass euch das Fortkommen ziemlich erschwert worden sein möchte; gegen Morgen hat ein Sturm – (Ich glaube, dass ihr einst den jüngsten Tag verschlafen werdet, weil ihr diesen verschlafen habt) – ein Felsenstück am Eingang des Tals losgerissen, und in den Fluss gestürzt, welches uns die völlige Ueberschwemmung gebracht hat. Die Leute aus dem jenseitigen dorf, welche mein Haus versorgen, sind vor einer Stunde auf Kähnen angekommen, und haben diese Nachricht mitgebracht. Seid indessen ruhig, Herr Pfalzgraf, auf unserm Berge sind wir sicher, die Flut steht noch mehrere Ellen tiefer als Dülmens Säule, und wie hoch wir über denselben wohnen, ist euch bekannt.

Ruprecht stand auf, und ging bald darauf mit seinem gastfreien Wirte hinaus, die Verheerung anzusehen, welche das wasser angerichtet hatte; es war ein schauerlicher Anblick, den sie von ihrer Höhe hatten. Der Schlossberg und seine Nachbarn, die sich ringsum noch höher als er, Himmelan türmten, standen wie einzelne unter sich nicht verbundene Inseln in der allgemeinen Flut, der Strom, dessen Bette in der grossen Wasserfläche, durch den reissenden Zug seiner Wellen noch kenntlich war, führte Felsstücke, ausgewurzelte Bäume und Trümmer von Häusern und Fahrzeugen mit sich fort, ein schnell vorübergehendes, immer änderndes Schauspiel des Schreckens. Der Pfalzgraf und sein Freund tronten wie Götter über der allgemeinen Verheerung, aber über ihnen hing noch ein ganzer Himmel voll Ungewitter, und unter ihnen zeigte die vom Donner zerschmetterte Säule von Dülmens, wie wenig auf die Sicherheit dieses Gebürgs zu trauen sei.

Herr Pfalzgraf, sagte Tomas, nach einer gedankenvollen Pause, gefällt es euch, so wollen wir hier hinabsteigen, und sehen, was der Stral des himmels von jenem Denkmal unversehrt gelassen hat, das mir jetzt merkwürdiger als jemals ist. –

Und warum heute mehr als sonst? fragte Ruprecht. – Nicht darum, erwiderte er, weil, wie ihr vielleicht wähnen möchtet, mir der Arm des himmels genauere Untersuchung dessen nunmehr erschwert hat, was ich all die Zeit über, da ich hier wohne, mit so leichter Mühe hätte betrachten können, ehemals zu tun, nein, weil ich heute, eben erst heute, oder vielmehr schon gestern erfahren habe, dass das, was hier in einen Steinhaufen zusammengestürzt liegt, mehrere Betrachtung würdig ist, als die meisten Monumente, die ein Freund dem Andenken des andern weiht. Diese Steine decken nicht nur die Asche eines Menschen, der bei seinem Leben denen die ihn liebten, wichtig sein mochte, nein, wahrscheinlich verschliessen sie Dinge, an welchen noch der Nachwelt gelegen ist, und die euch, der einst Kaiser sein wird, besonders wichtig sein müssen.

Ruprecht sah seinen Begleiter bei diesen Worten mit starren Augen an, er hatte ähnliche diese Nacht im Traume gehört, dieser Traum, welcher fast gänzlich aus seinem Gedächtniss verwischt war, schwebte wie ein dunkles Bild schnell vor ihm über, dicht an denselben kettete sich die idee, von dem was er diese Nacht niedergeschrieben hatte, auch dieses schien ihm Traum zu sein, doch griff seine Hand maschienenmässig nach der Tafel, die er bei sich trug, und die den Beweis entalten musste, was von der ganzen Sache zu