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Standes tun würde.

Niemand wusste das, worauf ich ziele so gut, als Beatrix, und doch liess sie sich von den Bischöfen verblenden, ihre Schwester zu einer Verbindung zu bereden, die ihr Glück nicht machen kann! Doch dies ist ihr Charakter! – O Beatrix! wie vortreflich würdest du sein, würden deine Vollkommenheiten nicht durch so viel Leichtsinn, Leichtgläubigkeit, und übereiltes Wesen befleckt!

Einen neuen Beweis ihrer Voreiligkeit, legte sie bei dem Auftritte ab, von welchem ich Euch jetzt unmittelbar unterhalte. Nach zweitägigem vergeblichen Streben, vor die nunmehrige prinzessin von Kastilien gelassen zu werden, erhielt ich endlich Zutritt. Elise kam eben vom Altar. Mir vergingen die Sinnen über den Schritt, den sie getan hatte, ungeachtet mir der Inhalt von dem Briefe der kaiserin, die der ganzen Sache ein noch bedenklicheres Ansehn gibt, noch nicht bekannt war! – Ich hatte indessen Besonnenheit genug mich zu fassen, und nicht mit der Trauerpost, welche mir auf dem Herzen lag, unzeitig heraus zu brechen. Die prinzessin Beatrix hatte man schon mit dem tod ihrer vortreflichen Mutter bekannt gemacht, und sie hatte Mittel gewusst, ihrer Schwester die Schreckenszeitung, die sie beide zu völligen Waisen machte, mit ziemlich guter Art beizubringen. Irenens Tod war es eben, worauf man die Beschleunigung des kastilischen Bundes gebaut hatte, Elise hatte niemand mehr, an dessen Einwilligung sie appelliren, mit dessen Nein sie sich schützen konnte, sie war sich selbst überlassen, und der Gedanke, von niemand mehr abzuhängen, führte die Vorstellung von Hülflosigkeit so natürlich herbei, machte die Ausschlagung einer königlichen Heirat zu so offenbarer Torheit, dass Elise Ja sagte, aus Bewegungsgründen Ja sagte, die wohl noch nie bei einer so edlen Seele, wie die ihrige, entschieden haben. – Doch, nein, ich tue dieser unvergleichlichen person Unrecht, nicht Rücksicht auf zeitlichen Vorteil, nur das Andenken an die letzten Worte ihres Vaters, konnte sie zu dem bestimmen, was sie tat; Sie hielt dieselben nach dem Absterben ihrer Mutter, für das einzige, an was sie sich nun zu binden hatte.

Ganz in Tränen gebadet, warf sich jetzt die Neuvermählte in meine arme. Keine Glückwünsche, Alverde, zu dem was jetzt geschehen ist! rief sie, jetzt kein anderes Gespräch als von meiner Mutter! – O wo bist du in diesen für mich so schrecklichen, so wichtigen Tagen gewesen? wie sehr habe ich meine Trösterinn, meine Ratgeberinn vermisst! – Warst du vielleicht gar bei dem Sterbebette jener verklärten Heiligen? – Hat sie nicht vor dem Scheiden noch unserer gedacht? hat sie nicht für ihre Elise gebetet? Hat sie nichts an ihre Töchter hinterlassen?

Urteile, Zyrill, was ich bei dieser Aufforderung fühlte. Schon war ich im Begriff, ihr Irenens Schreiben zu überreichen, doch bessere überlegung hielt mich zurück; es war Pflicht, jetzt die Zagende zu trösten, anstatt durch irgend etwas ihre Gefühle noch mehr zu erwecken. Der Brief der kaiserin kam aus meinen Händen zuerst vor die Augen der prinzessin Beatrix; fester und mutiger als ihre Schwester, brauchte sie wenige Schonung, auch konnte man von ihr erwarten, sie würde Elisen den Inhalt der traurigen Zeilen nicht ohne Prüfung, und erst gerade zu der Zeit mitteilen, da es ihr die wenigste Gefahr drohte. –

Wie konnte ich diese weise Vorsicht von Beatrix erwarten? Elise las das, was man ihre Jahre lang hätte vorentalten sollen, noch am nehmlichen Abende, und ward dadurch gerade in den Zustand gesetzt, den ihr Euch vorstellen könnt. – Sie fiel in ein hitziges Fieber, sie raste, wie ich höre, in ihren Paroxismen fürchterlich von Philipps Ermordung, Irenens tod und des Wittelsbachers Unschuld. – Ich, die man, weil man mich noch wegen der gräfin von Toulouse hasst, sehr freigebig die Ursacherin dieses Unglücks nennt, werde wie eine halb Gefangene gehalten, darf Elisen nicht sehen. Wohl gut! wie lang, so lege auch ich mich zu sterben. – Die Würkungen alle der Uebel, die ich seit einiger Zeit ausstand, werden sich doch endlich äussern, ich fühle Vorboten einer Krankheit, die mich schnell dahin führen kann, wo Alix voranging, und wohin Elise mir folgen wird!

Lebt wohl, Zyrill, vielleicht auf ewig! – Betet für die unglückliche Alverde; deren Herz durch eine heute aus ihrem vaterland erhaltene unglückliche Zeitung den letzten Stoss bekam! ach Evert von Remen! du entflohen? aus Verzweiflung über Alverdens Verlust entflohen, niemand weis wohin? – Und du, meine Mutter, meine Erzieherinn tod?, ich also ganz verwaist in der Welt zurück geblieben? Jede Hoffnung, jede Aussicht auf Glück mir verschlossen?

Alverde an den Pater Zyrill.

1208.

Nach einer langen Bewustlosigkeit erholte ich mich; mir war geschehen wie ich dachte. Von meinem letzten Schreiben an Euch war ich aufgestanden um mich zu langer Krankheit zu legen; dass ich krank gewesen war, hatte ich wenig gefühlt, ich erinnere mich nur zuweilen ein dunkles Gefühl von meiner Schwäche, von der Herannahung der Nacht des Todes, und die Vorstellung vom Erwachen in einer bessern Welt gehabt zu haben. Ich erwachte, aber noch diesseit des Grabes. Ich sah um mich her, und alles war einsam. – Ich fragte nach der prinzessin von Kastilien – "Sie werde nun wohl am hof ihres Gemahls angelangt sein." – Nach der prinzessin Beatrix. – "Man wollte Sie rufen, und Sie mit dem Anblick meiner