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Vorabend vor dem Feste der Auferstehung, hier unter Gräbern, welche der Frühling alle neu bekleidet, unter Gräbern welche einst alle die Schlummernden wieder herausgeben werden – –

Sie wollte weiter reden, aber ein grässliches Gepolter hinter uns im Kreuzgange unterbrach sie, wir sprangen beide auf und starrten einander an. – Ich besorge, sagte sie, welche sich am ersten fasste, uns ist das verdrüsslichste Abenteuer begegnet, das uns zustossen konnte! Ganz gewiss ist eins von jenen überhangenden Gewölbern, durch welche wir hieher gekommen sind, eingestürzt, und hat uns den Rückweg versperrt. Was soll ich nun beginnen? An der Pforte warten meine Leute, welche mich in der Kirche noch betend glauben, es wird Nacht, was wird man denken, wenn ich nicht zurückkehre, und man nirgend mich findet?

O schrie ich, möchtest du nie in jene Hölle zurückkehren dürfen! möchtest du hier bleiben! In meinen Armen, durch meine Pflege sollte dir Gesundheit und Leben erhalten werden.

Das sind vergebliche Wünsche, sagte sie, ich muss zurück, wenn mit mir nicht auch du unglücklich werden sollst; glaube mir, ich kenne die Wut dieser Leute besser als du, ich mag dich ihr nicht aufopfern.

Mit diesen Worten sah ich sie von mir eilen, die Stufen zum Kreuzgange hinaufsteigen, und in das Gewölbe eindringen, das von der kürzlich erlittenen Erschütterung noch zu schwanken schien. – Ich rief ihr nach, lieber alles als dieses zu wagen, sie hörte mich nicht! –

Ihr Mut erweckte den meinigen; ich konnte sie nicht verlassen, ich folgte ihren Fusstapfen, und wir traten bei halbem Dämmerlichte einen Weg an, auf welchem sich bei jedem Schritte neue Schrecknisse unsern Augen darboten; hier wadeten wir in Schutt und Steinen, dort versperrten die herabgestürzten Quader uns den Weg, auf einer andern Seite hatte sich ein Grab geöfnet, und zeigte uns zerfallene Totenleichen und morsche Gebeine; wir mussten hinüberschreiten, und uns bücken um unter dem zusammengesunkenen Gemäuer durch zu kommen; aber nun war auch der gefährlichste teil unserer Reise überstanden, der Weg krümmte sich, die Gewölber wurden fester, und wir erreichten die Kirche.

Wir sahen sie mit Leuten erfüllt, welche die prinzessin mit fackeln suchten. Dies machte unsern Abschied kurz, sie umarmte mich noch einmal, und drückte mir einen Brief in die Hand. Er ist an meinen Bruder, den Grafen von Toulouse, sagte sie heimlich, du wirst ihn zu gehöriger Zeit zu bestellen wissen.

Not bereichert auch die truglosesten Seelen mit Einfällen zu anderer Täuschung. Während ich mich in einer Nische hinter einem heiligen Bilde verbarg, sah ich die gräfin in einen Kirchenstuhl schlüpfen, und sich schlafend stellen. Hier ward sie gefunden, dem Anschein nach erweckt, und trat den Rückweg mit ihren Leuten an, welche ihr ihre sorge über ihr langes Ausbleiben, und die Angst bei der vergeblichen Nachsuchung nicht genug beschreiben konnten.

Der Schlaf, sagte Alix, der mich jetzt überall beschleicht, überraschte mich auch hier; ich danke euch, das ihr mich erweckt habt, und verlange, dass die fürstin von Kastelmoro nichts von diesem Vorgang erfahre.

Zitternd stand ich in meiner Nische. Nicht die Furcht, von denen noch im Kirchgewölbe verweilenden Klosterleuten entdeckt zu werden, machte mich beben, es war eine andere Empfindung; ich glaube, es war Vorgefühl, dass ich jetzt die geliebte Alix zum letztenmahl gesehen hatte, die sich in der Kirchtür noch einmal umwandte, und einen blick auf den Ort warf, wo sie mich verborgen wusste; es war der letzte Abschiedsblick, alles lag in demselben, was sich liebende Seelen so kurz vor Trennung am grab sagen können. –

Die Kirche war jetzt leer, ich konnte hervorgehen, aber ich fand alle Türen verschlossen, und musste mich entschliessen hier zu übernachten, wenn ich es nicht etwa für bequemer hielt, durch den Kreuzgang, den Weg auf dem Gottesacker noch einmal zu machen. – Um Mitternacht hörte ich das Geräusch einstürzender Gewölber noch einmal, ich zog mich auf den Altarstufen, auf welchen ich jetzt sass, dichter zusammen, und Gedanken von Vernichtung und Untergang erfüllten meine ganze Seele. Ach nichts schwebte mir lebhafter vor Augen, als die Vernichtung des schönsten Werks Gottes, das allmählige Hinsterben meiner Alix; doch hielt ich sie noch nicht ganz rettungslos, ich machte Plane zu ihrem Besten, zu deren Ausführung ich am künftigen Morgen den ersten Schritt dadurch tun wollte, dass ich mich dem Kaplan der Nonnen, der zugleich unser Arzt war, entdeckte, ihm den Zustand der gräfin schilderte, ihm unsere Besorgnisse mitteilte, und seine hülfe für sie forderte; er war ein so kluger als frommer Mann, alles liess sich von ihm erwarten.

Unter der Metten, welche nun anging, fand ich gelegenheit aus der Kirche zu entschlüpfen, und nach meiner Zelle zu kommen. Erstarrt und bis zum tod von den letzten Vorgängen, und von dem Kampf im inneren meiner Seele ermattet, verhüllte ich mich in mein Bette. – Ich läutete der dienenden Nonne, die wie gewöhnlich diesesmahl vom Gottesdienst hatte zurück bleiben müssen; es ward mir leicht, Krankheit zu erdichten, und dadurch den Besuch unsers Kapellans, des Pater Cyrill, zu erlangen, da ich mich wirklich krank fühlte. – Man sagte mir, ich müsse mich gedulden, weil er zu einem Krankenbesuch bei der fürstin von Kastelmoro gefordert worden wäre. –

Bei der fürstin von Kastelmoro der kastilischen Oberhofmeisterinn? wiederholt ich. – Die Antwort war ja