zeiten; die Sache sei übrigens Wahrheit oder nicht, wir werden sie nicht ergründen; doch ist jenes Denkmal der Vorzeit wohl der Wichtigkeit von euch gesehen zu werden, ehe ihr diese Gegend verlasset, sollte es auch nur in seinen Trümmern sein. Tomas führte seinen erhabenen Gast, nachdem noch die späte Mitternacht in Gesprächen mancherlei Inhalts herangekommen war, in das beste Zimmer seines Schlosses, das den Pfalzgrafen zum Schlafgemach bereitet worden war; ein hohes schallendes Prachtgewölbe, mit Mahlereien mancher Art, Sarazenenschlachten und biblischen Geschichten, Familienbildern und allegorischen Gemälden ausgeziert. Ruprecht war noch nicht schläfrig, und brachte, nachdem sich der Schlossherr zurückgezogen hatte, noch eine gute Stunde mit Betrachtung dessen hin, was hier einige gute lombardische Meister geliefert, einige Stümper mit krellen Farben gepfuscht hatten.
drei Stücke zogen besonders seine Aufmerksamkeit auf sich, die er sich deutete, so gut er konnte. Das erste waren zwei Helden der Kleidung, dem gezogenen Schwerd und der Miene nach; beide hielten das entblösste Eisen mit der Linken und die Rechte des Freundes mit der Rechten, Freunde waren sie, dies sah man nicht allein aus den fast in einander gedrückten Händen, sondern noch mehr aus den Blicken voll Liebe, mit welchen beide an einander hingen. Das sind David und Jonatan, dachte der Pfalzgraf, der es mit der ziemlich modernen Rüstung der beiden Krieger und dem Kreuz auf dem Brustschild nicht so genau nahm. Der arme David! wie bleich! wie verfallen! er scheint eben erst aus der Höhle Asel hervorgegangen zu sein, um mit Sauls Sohne den Todesbund der Freundschaft zu beschwören.
Ruprecht, der sich seiner Meinung nach das erste von seinen Lieblingsgemälden so wohl gedeutet hatte, war schnell fertig, aus den andern ebenfalls eine biblische geschichte zu machen. Dieser Kerker, sagte er zu sich selbst, dieser Mann in Fesseln, und diese freundliche Gestalt, die ihm die wunden hände lossschliesst, stellen nichts anders vor, als Sankt Peters Befreiung durch den Engel; sonderbar, dass dieser Engel ohne Flügel und kein Jüngling, sondern ein bärtiger Mann ist; vermutlich eine Grille des Mahlers, welcher etwa wähnte, die Erscheinung einer himmlischen Gestalt möchte den heiligen Apostel zu sehr geschreckt haben. Aber hier, dieses dritte Bild, das, so hässlich es gesudelt ist, meine Aufmerksamkeit doch so sehr reitzt? – Die Schöpfungsgeschichte kann es nicht sein, denn ich sehe hier zwei Menschengestalten, die aus den Händen zweier Schöpfer hervorgehen; das, was Geschaffen wird, ist kein Adam, sondern eine gewappnete Gerechtigkeit mit Wage und Schwerd! – Die Bildner tragen einer das kaiserliche Diadem, der andre die dreifache Krone. – Sankt Peters Nachfolger scheint dem ersten die Künste abzusehen! – aber was er fertigt, wird keine Göttin, wird ein feierspeiendes Ungeheuer, dessen Missgestalt die Binde nur schlecht verbirgt. – Gott und alle Heilige, was mag das bedeuten! – In meiner Kindheit erzählte mir mein Lehrer eine heidnische Fabel von Epimeteus, der seinem Bruder das Bildnerhandwerk übel nachahmte, passte hier nur eine der Gestalten, ich würde raten – – doch raten hilft hier nichts, und – setzte er gähnend hinzu, ist unnütz! was gehen mich die seltsamen Phantasien der Vorwelt an!
Noch ein blick, auf das letzte Bild, der den Pfalzgrafen unter der einen Hauptfigur den Namen Carolus M. lesen liess; und die Kerze wurde ausgelöscht, welche den schlaftrunkenen Forscher nicht behülflich sein wollte, auch den andern Namen zu erkennen.
Ruprecht legte sich zur Ruhe, aber so müde er auch war, verzog doch der Pfalzgraf, seine Augen zuzudrücken. An die gesehenen Bilder dachte er zwar nicht mehr, aber andre Ideen durchkreuzten sein Gehirn, und verscheuchten den Schlummer. Die alte geschichte dieses Schlosses, von welcher ihm der gegenwärtige Besitzer nur so unvollkommene Fragmente geliefert hatte, Alf von Dülmen, und vor allen Evert von Remen, welcher, wie Tomas Knebel ihm gesagt hatte, unter päbstlichem Bann ohne Einsegnung und Sacrament gestorben war, schwebten ihm im Sinn, und er tat sich tausend fragen hierüber, deren Beantwortung er an eben den Ort gestellt sein lassen musste, von welchem er die Enträtselung jenes Bilds von Epimeteus und seinem Bruder stellen musste.
So befiel ihn endlich weit gegen den Morgen der Schlaf, welcher ihm ein Gewühl von Träumen brachte, so bunt und verworren als seine Ideen vor dem Einschlafen gewesen waren; bis zuletzt folgendes Gesicht so hell und deutlich vor ihm aufstieg, als wär es etwas mehr, als nächtliches Schattenwerk gewesen.
Eine männliche Gestalt voll Majestät und Würde, stand vor ihm. Kennst du mich? fragte sie, nachdem sie ihn eine Weile mit festem blick angesehen hatte.
Du bist eine von den Figuren, die ich gestern sah, erwiderte Ruprecht, bist der David jenes Jonatans!
Mein Name ist Adolf, Graf von *** oder Alf von Dülmen, wie jene Unglücksbenennung lautet, unter welcher ich den Weg zu Tod und Elend ging. Ruprecht! Ruprecht! du wirst einst Kaiser sein! Siehe das Blut, das an meinen Händen haftet, es ist Kaiser- es ist Freundesblut! steure der blinden Gerechtigkeit, die mich mit demselben besudelte, steure ihr, dass sie nicht ganz jenem feuerspeienden Ungeheuer ähnlich werde, das du im Bilde gesehen hast! – Was sie in meinen Tagen im Verborgenen übte, das wagt sie in den deinigen kühner, noch einmal steure ihr, so wahr du einst Kaiser sein wirst!
Ruprecht schauerte in sich zusammen und erwachte. Er lag