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zu seinem Besten; mich für ihn einzunehmen, lobte sie ihn oft in Gegenwart verdächtiger Personen, und als endlich seine rasenden Versuche auf sie, die nur sie nicht kannte, ihn um die Freiheit und in Lebensgefahr brachten, da verwendete sie sich mit solchem Eifer für ihn, dass sie jedem Verdacht, den man auf sie hatte, oder zu haben affektirte, volle Nahrung gab. Meine Warnungen, sich zu mässigen, fruchteten nichts, ich hätte ihr die ganze Sache entdekken müssen, wenn ich ihr hätte die Augen öffnen wollen, und wie konnte ich das, ohne die Pflichten der schwesterlichen Liebe und der Klugheit zu beleidigen?

Es fragt sich, ob mein Betragen verantwortlich war? ich hielt es damals für das einige rechtmässige, obgleich jetzt tausend Gewissensbisse mich foltern, und die Reue mir tausend andere Wege zeigt, welche ich hätte gehen sollen.

Man hasste die Gräfin von Toulouse schon längst, und beneidete ihr den kastilischen Tron. – Himmel, war es möglich, dass man einen Engel hassen, dass man der Tugend eine Stelle beneiden konnte, die sie mit so vieler Würde erfüllt haben würde? – Doch nichts ist der Bosheit zu viel! – Immer bedacht, irgend etwas ausfindig zu machen, das man an der selbstständigen Vollkommenheit tadeln könne, geriet man auf die Spur ihrer Meinungen in Religionssachen; ich schweige hiervon; was ich sagen könnte, möchte parteiisch ausfallen, da ich bekenne, von ihr auf den Weg geleitet worden zu sein, den sie selbst ging.

Ihre anhänglichkeit an die Lehren des Waldus musste, wie man glaubte, sie schnell von dem Trone verdrängen, den man ihr misgönnte, nur wünschte man, sprechende Beweise von ihren Gesinnungen zu haben. Eine Unvorsichtigkeit meines Bruders bot hierzu die Hand, einige im Namen des Grafen von Toulouse der unglücklichen Dame auf unbehutsame Art überreichte Bücher veranlassten eine strenge Untersuchung, man fand in ihrem Kabinet wenigstens etwas von dem, was man finden wollte, und eilte, es zu ihrem Nachteil nach Kastilien zu schicken; König Alphons, der für seine künftige Tochter fast noch mehr eingenommen war, als ihr bestimmter Bräutigam, schrieb dem Bischof von Kastilien nach Pamiers zurück: er wolle die fromme Alix über diese Dinge selbst hören, sie trügen den Stempel der Wahrheit, und er sei zu gewohnt, die himmlische Wahrheit überall zu verehren, wo er sie fänd, als dass er ihre schöne Anhängerinn ungehört verdammen sollte.

Dies war zu viel für den altgläubigen Bischof von Kastilien, welcher eben neue Verhaltungsbefehle zu Verfolgung und Ausrottung jeder Ketzerei, wo er sie nur immer finden möchte, von Rom erhalten hatte. Hier war nach seinen Gedanken Gefahr für den Glauben seines Herrn, Gefahr für das ganze Königreich vorhanden. Die, welche die Fackel der Wahrheit in entfernte Gegenden hätte tragen können, musste aus dem Wage geräumt werden, und es kam hier nur darauf an, wie man die Unschuldige von einer andern Seite verdächtig machen, oder glückte dieses nicht, sie ohne weitere Rücksprache verderben wollte.

Die Rasereien meines unglücklichen Bruders gaben Anlass genug zu dem, was man wünschte; man nahm die unschuldige gräfin als Teilhaberinn seiner leidenschaft an, weil man diese zu verborgenen Absichten tauglich fand; es zeigte sich in ihrem Betragen, wie ich vorhin erwehnte, unterschiedliches, welches das, was man für erwiesen annehmen wollte, begünstigte, man griff begierig zu, und ich glaube, von diesem Augenblicke an war ihr der Tod geschworen.

Mich hatte man von ihr verbannt, um sie desto gewisser zu fällen; was hätte sonst die ursache meiner Entfernung sein sollen, da man vor Augen sah, dass ich keinen Anteil an den Dingen hatte, welche man zur ursache meiner Entlassung machte, dass ich Alf von Dülmens Anschlägen entgegen gearbeitet hatte, anstatt sie zu befördern? Dass Alix vielleicht längst in seine hände geraten wär, wenn ich nicht gesteuert hätte. – Ach Gott! dass ich dieses tat, ist jetzt die heftigste Pein meines Gewissens. Hätte Alf sie doch entführen mögen, so wär sie nun aus den Händen ihrer grausamen Henker gerettet, lebte in den Armen ihres Bruders, des Grafen von Toulouse, (denn dortin und an keinen andern Ort würde ihr Entführer sie gebracht haben,) in Ruhe, und ich müsste nicht nur glauben, dass ich in dem Augenblicke, da ich der Tugend ein Opfer zu bringen glaubte, die Unschuld eines Rettungsmittels beraubte, das ihr vielleicht vom Himmel zugesandt worden war. – O meine Freundinnen, meine Gedanken verwirren sich, wenn ich hierüber nachsinne, doch wird zuweilen die tröstende überzeugung in mir lebendig, dass ich nach meiner besten Kenntniss von Recht und Unrecht handelte, und also nicht straffällig sein kann.

Ich hatte auf die Bitte meiner unglücklichen Freundinn bei meiner Entlassung Pamiers nicht gänzlich verlassen, sondern mich zu den Cölestinernonnen begeben, in deren Kirche Alix oft ihre Andacht hatte, dies ward das Mittel, mir öfters Briefe und zweimal eine geheime Unterredung mit ihr zu verschaffen. Das letztemal, da ich sie sah, – Himmel, es war den Tag vor ihrem tod! – Prinzessinnen, ich muss die Feder niederlegen, muss Luft schöpfen, ehe ich fortfahre; die Erinnerung an die letzte Unterhaltung mit ihr drückt mich zu Boden. Es war am heiligen Osterabend; die Nonnen waren nach geendigter Vesperandacht mit Ausschmückung ihrer Kirche beschäftigt, ich hatte die betende Alix in einem mir in ihrem letzten Briefe kenntlich gemachten Schleier gehüllt längst in einem stuhl knien gesehen; das unter uns