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habe Alverden darüber auszuforschen gesucht, aber weder Gewalt noch Güte konnten sie besiegen. Ich würde noch strenger gegen sie verfahren sein, als ich getan habe, wenn es nicht offenbar wär, dass in vergangener Nacht wirklich ein Anschlag zur Entführung der Gräfin vorhanden war, der allein durch Alverdens Klugheit vernichtet wurdeIch glaube allenfalls, ich könnte sie beibehalten, ohne zu fürchten, dass ihre Ehrlichkeit irgend einem der rasenden Anschläge ihres Bruders die Hand bieten würde, aber ich habe sie entlassen, weil sie der Gräfin von Toulouse mit unverbrüchlicher Treue ergeben ist, und sich Dinge ereignen könnten, bei welchen wir sie nicht zur Zeugin zu haben wünschen würden. Eilet, mir Antwort auf meine fragen, Rat in meinen Verlegenheiten, und wenn ihr einen Entschluss gefasst habt, die nötigen Verhaltungsregeln zu schicken.

Alverde an den Pfalzgraf Otto von Wittelsbach.

1207.

Die fürchterliche Angst, in welcher ich mich befinde, entschuldige mich, dass ich mich an einen Mann wende, der mir, wenn ich die wenigen male ausnehme, da ich ihn als Kunigundens Bräutigam bei hof sah, ganz unbekannt ist. – Unbekannt? – kann man sagen, man kenne den Pfalzgrafen Otto nicht, wenn man seinen Namen auch nur gehört hatte? diesen Namen, der im ganzen römischen Reiche den edlen Charakter desjenigen bezeichnet, welcher ihn führt? – Ja, Otto, ich kenne euch, ich weiss, dass ihr gern helfen wollt, wo ihr könnt, und wer könnte es mehr in dem Falle, da ich eure hülfe anflehe.

Euer Freund, Alf von Dülmen, oder wenn ihr lieber so wollt, Graf Adolf von ***, mein Bruder, ist in Gefahr. Eine wütende leidenschaft zu der kastilischen Braut, eine Liebe, die man ihm, ich weiss nicht ob durch Zauberkünste beigebracht hat, hält ihn hier zu Pamiers fest, und lässt ihn Dinge begehen, welche ehe den Handlungen eines Rasenden, als dem Betragen ähnlich sind, das sich von einem so guten Kopf und Herzen, wie das seinige sonst war, vermuten lassen.

Da persönlicher Umgang mit ihm hier unter tausend Aufmerkern unmöglich ist, so suchte ich eine Zeitlang durch Briefe ihn auf den rechten Weg zu leiten; zweimal vernichtete ich seine tollkühnen Anschläge auf die Gräfin Alix, welche ihn zum Hochverräter und zum Jungfrauenräuber gemacht haben würden. Ob das, was ich für ihn tat, ihn zur erkenntnis und Besserung gebracht hat, weiss ich nicht, er befindet sich in einem fürchterlichen Rausch von leidenschaft, der ihn nichts beachten lässt; so viel ist gewiss, dass alle seine Plane zu unvorsichtig angelegt waren, um nicht entdeckt zu werden, sie haben nur allzuschnell Unglück über uns beide gebracht. Ich habe meine Entlassung aus der Hofstatt der Gräfin von Toulouse erhalten, und ihm stellt man auf eine Art nach Freiheit und Leben, die bei seiner gänzlichen Verblendung nicht wohl fehlschlagen kann.

Was ich in dieser schrecklichen Lage von euch getan wünsche? – O Otto, könntet ihr so fragen? Ich weiss die Verbindung nicht, in welcher ihr mit meinem Bruder steht, aber dass eine solche, dass die allergenauste zwischen euch statt findet, davon bin ich durch tausend Umstände überzeugt. Ich kann mich hierüber nicht genau erklären, aber ihr könnt wohl denken, dass eine person mit sehenden Augen, eine Schwester, die ihren Bruder und was ihn umgab, so lange wir noch in Westphalen waren, täglich sah, manches mutmassen musste, was sie zu furchtsam ist zu gestehen. Ich weiss, dass ihr, oder durch eure Vermittelung einer, der noch höher ist als ihr, nur ein Wort zu sagen braucht, eure Verbundenen aus allen Winkeln Deutschlands zusammen zu rufen; sprecht dieses Wort, und Adolf, der sonst auf nichts hört, wird gehorchen, oder gehorchen müssen; ruft ihn hinweg von diesem Orte, wo Lebensgefahr und gelegenheit zu neuen Vergehungen ihm drohen, gebt eurem Freunde Sicherheit und Tugend, und der unglücklichen Alverde das Leben wieder. Ihr kennt mich zwar wenig, und nichts ist, das euch für mich persönlich interessiren könnte, aber ihr würdet Mitleiden mit mir haben, wenn ihr meine Angst sehen könntet. Ich bin Schwester, ich bin Freundin, meine Lieben stehen am rand des Verderbens, dies ist alles was ich sagen kann, denkt euch das Uebrige.

Ach, Otto, ich habe euch einmal zum Vertrauten gewählt, mein Herz ist geöffnet, ich muss es vollends ausschütten. Die Lage meines Bruders ist es nicht allein, was mich ängstigt, ich leide noch um eine person, die mir wenigstens so lieb ist als er, leide um meine Freundin Alix. Ich bin von ihr getrennt, habe meine Entlassung trotz meiner Unschuld an Alf von Dülmens Händeln erhalten. Ihr, der ihr meinen Stand kennt, werdet wohl erraten, dass die Entbehrung einer armseligen Hofstelle, die ich meinen eigenen Jungfrauen besser geben kann, mich nicht beunruhigt; die Trennung von der Gräfin von Toulouse ist es, was mich quält, unter dem Namen ihrer Dienerin war ich ihre Freundin, sie kennt meinen Stand, so weit ich ihr ihn entdecken durfte, und lebte nie anders mit mir, als die Gleiche mit der Gleichen. Sie verlassen, sie in Händen verlassen zu müssen, die mir verdächtig sind, dies ist die ursache meiner Angst.

Die kastilische Heirat ist eine von den unseligsten Verbindungen, welche je in dem kopf eines Staatsmanns ausgeheckt worden sein mögen, bei den beiden Hauptpersonen findet sich nicht ein