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Ach sie werden mich für eine Verbrecherin halten, und Gott weiss, wann ich das zeugnis von meiner Unschuld, das ich in die hände meiner Kaiserin niederlege, ihnen mitteilen kann, da Wort und Eid mich binden, mein Vaterland nicht ohne Bewilligung meines Bruders wieder zu sehen. – Eben dieser Eid versiegelte jenes Abends, da ich mich mit der Frau von Remen letzte, meine Lippen. Zwanzigmal schwebte das geheimnis, dass ich mich von ihr trennen müsse, auf meinen Lippen, aber ich hatte geschworen, und musste schweigen.

Peter von Kalatin kam diese Nacht; er legitimirte sich durch das Beglaubigungsschreiben meines Bruders, ich musste ihm trauen, und er führte mich davon. Das Ganze musste vor jedermanns Augen das Ansehen einer gesetzlosen Entweihung haben, denn Kalatin nützte auch nicht den kleinsten Vorschlag, den ich tat, unserer Reise das Verdächtige zu benehmen.

Noch hatte ich keinen bösen Verdacht auf meinen Begleiter, noch argwohnte ich nicht, er könnte bei meiner Abholung ausser dem Befehl meines Bruders Nebenabsichten haben. Er führte zwar oft Reden gegen mich, welche Liebeserklärungen ähnlich lauteten, aber ich war zu einfältig, sie zu verstehen, und sie für etwas anders zu halten, als für den Unsinn, den, wie die Frau von Remen mir gesagt hatte, die jungen Männer in der Welt den Jungfrauen vorzuschwatzen pflegen, es war einer höhern Hand, die für mich sorgte, ohne dass ich es dachte, vorbehalten, mir hierüber die Augen zu öffnen. Dass Kalatin mich liebte, war gewiss, und Gott weiss, wo er mich hingebracht haben würde, wenn nicht der Zufall ihn genötigt hätte, mich in eure Residenz zu führen. Ein Sturz vom Pferde machte mir die hülfe eines Wundarztes nötig, Kalatin war zu besorgt um mich, zu sehr um meine Heilung bekümmert, als dass er alle die Vorsicht hätte brauchen sollen, die er sich vielleicht vorgesetzt hatte, wir mussten nicht allein in der Hauptstadt liegen bleiben, sondern man sah und kannte ihn auch, und seine Bedienung als Reichsmarschall nötigte ihn, da einmal seine Anwesenheit nicht zu verbergen war, nach hof zu gehen. Dieses ward das Mittel, auch mich der edelsten aller Fürstinnen bekannt zu machen. Ihr, vortrefliche Kaiserin, hörtet nicht sobald, dass Kalatin ein fremdes fräulein mit sich gebracht habe, als ihr euch um mich bekümmertet. Ich genoss während meiner Krankheit eine Pflege, die von eurer Hand geleitet wurde, und nach meiner Genesung eures Schutzes; dass ich dieses Schutzes gegen Kalatin bedürfe, erfuhr ich erst des Tages, da ich von euch die Einladung erhalten hatte, mich unter eure Hofstatt zu begeben; an diesem Tage hielt er zuerst erst ein Gespräch mit mir, das mir ihn verdächtig machen musste. Mein Bruder war der Gegenstand desselben. Ich hatte diesen meinen einigen Verwandten, den Liebsten, den ich auf der Welt kannte, so lang nicht gesehen; so lang nicht von ihm gehört, was war natürlicher als dass ich sehnsucht und Besorgniss um ihn äusserte.

Möchte doch Graf Adolf dieser zärtlichen anhänglichkeit des schönsten und truglosesten Herzens würdig sein! erwiderte der hämische Kalatin.

Was wollt ihr mit diesen seltsamen Wunsche sagen? fragte ich voll Befremdung. Wisst ihr etwas nachteiliges von meinen Bruder?

Nachteiliges eben nicht, aber unendlich viel rätselhaftes, und es müsste Wunder sein, wenn die kluge Alverde nicht schon längst das nehmliche gefunden hätte.

Ihr zielt auf seine Reisen, seine Gesellschaften, seine arbeiten? O Evert von Remen hat schon mit seine Mutter und mir über diese Dinge zu sprechen.

Evert von Remen? – Nun wahrhaftig, wenn diese Dinge jenem Schwachkopfe in die Sinne fielen, so muss Graf Adolfs Schuld wohl erwiesen sein.

Welche Schuld, Kalatin?

Graf Adolf ist, damit ich nur einmal aufrichtig mit euch rede, aller Wahrscheinlichkeit nach, Mitglied einer verdächtigen im Finstern schleichenden Gesellschaft, welche sich Richter Gottes nennen, aber im grund nichts sind als eine Bande von Henkern, die sich unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit die grössten Kränkungen der Menschheit erlauben, Vater, Mutter, Bruder, Schwester, keine Verbindung, kein Name ist ihnen zu heilig. –

Behüte Gott, schrie ich, Kalatin was redet ihr!

Er fühlte, dass er sich zu harter Ausdrücke bedient hatte, fühlte, dass er einlenken musste, und begnügte sich, mir nur nochmals zu verstehen zu geben, was er vermutlich durch die ganze Tirade hatte einleiten wollen, dass ich meinem Bruder nicht zu trauen habe, und weit besser tun würde, mich seiner Leitung zu überlassen, als Geschäfte auszuführen, die Adolf mir aufgetragen hätte, die sich gar nicht für ein junges fräulein schickten, und deren Bedenklichkeit zu beurteilen ich nicht im stand sei. Ueberlegt es selbst, sagte er, ihr sollt eurem Bruder in Anspinnung einer Intrigue mit einer person behülflich sein, die eigentlich gar nicht für ihn existirt. Die Dame, welche Adolf anbetet, lebt im Kloster, ist die Verlobte eines andern, und ist noch obendrein mit den Gift einer verabscheuungswürdigen Ketzerei angesteckt, das sich Zeit genug auch seiner bemächtigen und Bann und Fluch über ihn herab ziehen wird.

Ich entsetzte mich über die Dinge, welche ich hören musste, sie würden vielleicht ihre Würkung nicht ganz verfehlt haben, wenn nicht einige Reden aus eurem mund, gnädige Kaiserin, mir die Reinigkeit der Absichten Kalatins verdächtig gemacht hätten, ein förmliches geständnis der glühendsten leidenschaft, welches das ganze Gespräch beschloss, vollendete meinen Argwohn, ich verliess ihn ohne Antwort,