wenig angenehmes vorsagte, und mir es ein wenig zu oft zu verstehen gab, dass ich durch das väterliche Wort für ihn bestimmt sei, und dass es meine Pflicht erfordere für niemand Augen und Ohren zu haben, als für ihn.
Ich war töricht genug, hierüber gegen meinen Bruder zu klagen, Kalatin erfuhr davon, und wusste meinen armen Freund mit seinem beissenden Witze auf so eine unbarmherzige Art lächerlich zu machen, dass der eine bei mir dadurch soviel gewann, als der andre verlohr. Kalatin spottete, so geistreich Evert von Remen war, so steif wurde er durch das wachsende Missverständniss, in welchem wir lebten, noch so viel mehr, dass ich kein zwölf oder dreizehnjähriges Mädchen hätte sein müssen, um nicht den ersten liebenswürdiger als den andern zu finden.
Mein Bruder liebte Everten wirklich noch immer, aber auch bei ihm wusste sich Kalatin durch seine Spöttereien Eingang zu verschaffen. Es fand ohnedem schon seit langer Zeit, ich weiss nicht warum, keine rechte Vertraulichkeit unter ihnen mehr Platz: Evert von Remen fühlte dieses, forschte nach, wo er nicht sollte, gab Ermahnungen, wo sie nicht verlangt wurden, und sein heimlicher Widersacher, Kalatin, bekam dadurch den Vorteil in die hände, ihn um die Neigung des Freundes zu betrügen, so wie er ihm das Herz der Freundin entfremdet hatte.
Evert von Remen, mein Bruder und ich lebten von nun an in einer Art von heimlichen Missverständniss, welches keins dem andern, und noch vielweniger unserer gemeinschaftlichen Freundin und Mutter der Frau von Remen gestehen wollte, und das eben dadurch unheilbar ward.
Kalatin und mein Bruder hatten öftere geheime Konferenzen, in welchen wohl nicht allemal, wie sie vorgaben, von Geschäften die Rede sein mochte. Ich überraschte einst meinen Bruder halb ausser sich bei dem Bild einer schönen person, das er, wie ich nachher erfuhr, aus den Händen Kalatins erhalten hatte; er konnte es meinen Augen nicht mehr entziehen, liess mich es bewundern, liess mich es küssen, und den Namen lesen, den ich in der Folge so oft mit dem höchsten Gefühl der Zuneigung ausgesprochen habe, und den ich hier nennen würde, wenn ich nicht so wie über verschiedene andere Dinge hierüber eidlich Stillschweigen hätte angeloben müssen.
Mein Bruder sah das Entzücken, mit welchem ich das Bild dieses irdischen Engels betrachtete, es war etwas mehr als Schönheit, womit es sich auszeichnete, ich habe schönere Personen gesehen, aber keine, die so ganz den Abdruck einer himmlischen Seele im Auge trug, keine, die als Sterbliche schon die Bürgerin einer bessern Welt zu sein schien.
Ich muss sie sehen, rief mein Bruder, als er mein Entzücken bemerkte, muss sie persönlich kennen lernen, und du sollst mir den Weg zu ihr bahnen. Höhere Befehle werden mich bald nötigen von hinnen zu scheiden, halte dich fertig, mir zu folgen; Peter von Kalatin wird dich wenig Tage nach meiner Abreise nachholen, und dich dahin führen, wo ich deine Dienste brauchen kann, aber diese Reise muss ein unverbrüchliches geheimnis decken, weder die Frau von Remen noch ihr Sohn müssen etwas von derselben erfahren, sie zu erleichtern, werde ich dich aus ihrem haus abfordern, und in das meinige bringen, das übrige wird die gelegenheit geben, nur vergiss nicht, dass, du kommst hin, wohin du wollest, unser Name verborgen bleiben muss; die natur meiner Reise fordert diese Vorsicht von mir.
Ich fand Bedenklichkeit, hinter dem rücken meiner Wohltäterin und meines Freundes zu scheiden, fand es unschicklich, an der Hand eines unbekannten Mannes mein Vaterland zu verlassen, und dadurch den Verdacht einer Entführung auf mich zu ziehen, aber mein Bruder wollte es, und ich gehorchte; nicht allein gränzenlose Liebe fesselte mich an ihn, sondern auch eine gewisse Art von scheuer Ehrfurcht. Seit meines Vaters tod hatte er die Stelle desselben bei mir eingenommen, und ich hielt es für Hochverrat, ihm hartnäckig entgegen zu sein.
Was er beschlossen hatte, geschahe; den nächsten Tag, nachdem ich das Haus der Frau von Remen mit dem seinigen verwechselt hatte, trat er seine Reise an, und ich machte alle Anstalten, ihm, sobald Peter von Kalatin mich in seinen Namen abfordern würde, zu folgen. O Gott, noch gedenke ich mit Kummer des letzten Abends vor diesem Schritte! Ich hatte ihn bei der Frau von Remen zugebracht. Ihr Sohn, dem ich jetzt geneigter war als zuvor, gegen den ich ein innerliches Mitleiden wegen des Streichs fühlte, den ich ihm bald versetzen sollte, ihr Sohn, der grossmütige, ganz unserm Dienst geweihte Evert von Remen, war diesen Tag ausgezogen gegen den Bischof von Bremen, dessen Leute in einem entlegenen teil der Besitzungen meines Bruders eingefallen waren. Unsre Trennung war so zärtlich gewesen, als die gespräche, die ich nach seinem Abschiede mit seiner Mutter hielt. Sie nannte mich tausendmal ihre Tochter, ihre einige Trösterin in der Abwesenheit ihres Sohnes, sie beschwur mich, wenn ich, so lang mein Bruder ausser Landes wär, mich nicht getraute sein Haus gänzlich zu verlassen, doch nur täglich das ihrige zu besuchen, weil sie ohne mich nicht leben könne; – und diese Frau sollte ich täuschen? sollte ich hinterlistig verlassen, und ihr dadurch den Dolch in die Brust stossen? ich weiss nicht, wie sie meinen Abschied empfunden hat, weiss nicht was Evert von Remen bei demselben gefühlt haben mag, aber ich zittre, wenn ich nur an diese geliebten Seelen denke.