1791_Naubert_079_3.txt

sie sind nicht unsterblich. Ich dachte mir die Möglichkeit, keinen von ihnen mehr am Leben, oder mich durch jahrelange Mühe und Abwesenheit so unkenntlich gemacht zu sehen, dass ich nun mit Sicherheit in dem land leben könnte, aus welchen mich einst zu hochgespannte und übelverstandene Gerechtigkeit vertrieb. Meine Hoffnung ward erfüllt, niemand kannte meinen Namen mehr, wie hätte man sich meiner Gestalt noch erinnern sollen! Verwandte hatte ich von jeher wenig, Freunde noch weniger; die ich hatte waren gestorben, ich war allein auf der Welt. Da nahm ich die Denkmale der sarazenischen Siege, meine mühsam zu rat gehaltene, nicht mit unnötig vergossenem Blut besudelte Beute zusammen, und kaufte mir von denen von Reinen dieses verfallene Schloss. Die Gegend, in welcher es liegt, passte zu meiner Laune, es fehlt mir nicht an Mitteln, es auf die wenigen Jahre, die ich noch zu leben habe, für mich bewohnbar zu machen; Arbeiter zu diesem Entzweck sind auf künftigen Frühling schon bestellt; da ich nur für mich, nicht für Nachkommen zu bauen habe, so wird ihr Werk bald geendigt sein, ich werde noch einige Jahre hier ruhig leben, und dann eben so ruhig sterben. – Wär ich nicht ein Feind auch jedes Anscheins von Augendienerei, so würde ich sagen, (und wahrhaftig, ich könnte es ohne Nachteil der Wahrheit tun,) mir sei es Freude, euch, teurer Pfalzgraf, hier gesehen und bewirtet, und die Hoffnung zu haben, euch öfter hier zu sehen und zu bewirten, da, wie aus euren Reden erhellt, eure Geschäfte euch oft in diese Feldmark treiben. –

Meine Geschäfte beiseite gesetzt, unterbrach ihn Ruprecht, was konnte euch bei eurer langen Abwesenheit aus dem Abendland zu so viel Vorliebe bewegen, als ihr gegen mich, einen Mann beweisst, von dem ihr nicht viel mehr kennt, als den Namen?

Eure Taten, Herr Pfalzgraf.

Meine Taten sind sehr unbedeutend und glanzlos.

Ich habe in meinen Leben sehr glänzende Taten gesehen, deren Ruhm ich nicht in meinen Mund nehmen, noch vielweniger den, der sie vollbrachte, einiger Vorliebe würdigen werde. Was aber euch anbelangt, so gebe Gott dem deutschen Reiche einmal einen solchen Kaiser, wie euch, er wird ihm mehr Frommen bringen, als all die da gewesen sind, und deren glänzende Taten zwanzig Seiten der Geschichtbücher erfüllen.

Ich weiss nicht, Tomas, wie ihr auf diesen seltsamen Wunsch kommt. Kaiser zu werden, ist mir wohl nie eingefallen, ungeachtet ich wohl oft gedacht habe, wenn ich es wär, so sollte manches anders werden.

Sahet ihr etwa auch Stätte der Gerechtigkeit, wo Gewissenlosigkeit und Uebermut den Scepter führte, und Tränen der Unterdrückten an der Stufe des richtenden Trons? – Was ihr gesehen habt, das habe ich gefühlt und erfahren, und noch einmal, Gott gebe seinem Reiche, anstatt des trägen schwelgerischen Wenzels, einen Fürsten, wie euch, der so wenig in die Fehler dieses unwürdigen Menschen als in die seiner streitbaren und ruhmsüchtigen Vorfahren fällt, der, indem er keinen Anspruch auf glänzende Taten macht, das Schwerd gegen den Reichsfeind nur zieht, wo er muss, und dafür lieber darauf sieht, das Schwerd der Gerechtigkeit in seinen Landen so zu lenken, dass es strafe und schone, wie es recht ist, dass es nicht, indem es sich rühmt, der Allgewalt Gottes nachzuahmen, Rechte an sich reisse, die keiner sterblichen Macht gebühren.

Ruprecht verstand den eifernden Tomas wohl. Im deutschen Reiche hatte damals die Macht jener heimlichen Rächer, welche meine Leser nicht erst aus diesen Blättern kennen lernen werden, fürchterlich überhand genommen. Alles wurde vor ihren Richterstuhl gezogen, nichts konnte ihrer Gewalt entgehen, sie richteten meistens recht, aber sie richteten zu streng, und waren oft durch einen blossen Anschein von Schuld nur allzuleicht zu täuschen. Ruprecht hatte bei dem scharfen Beobachtungsgeist, der ihn beseelte, oft gelegenheit gehabt, Dinge wahrzunehmen, die sein Innerstes erschütterten, und deren Abschaffung einer höhern Gewalt als der seinigen vorbehalten zu sein schien. Er seufzte zu der Aeusserung seines Wirts und schwieg, aber zum erstenmal regte sich vielleicht in seinem Herzen der Wunsch, einst auf der Stelle zu stehen, die ihm Tomas wünschte, um alles Gute ausrichten zu können, das er wollte.

Während der Pause, welche das Nachdenken des Wirts und des Gasts machte, öffnete sich die Tür, und Vincent trat herein, um seinem Herrn anzumelden, wie Kurd von der Jagd zurückgekommen sei, und keinen Schaden von dem Ungewitter gelitten habe, von welchem er übereilt worden sei. Lebhafte Freude glänzte in den Augen des Herrn und des Dieners über die Nachricht. Kurd erhielt Befehl, so durchnässt als er war, einzutreten, und der Pfalzgraf ward nicht einmal um erlaubnis gebeten; ein Zug, der ihn so wenig beleidigte, dass er ihm vielmehr ein neuer Beitrag zu der Treflichkeit des Mannes schien, den er vor sich hatte. Tomas trug kein Bedenken, seinen Diener vor den Augen des Fürsten zu ehren, den er vor einem Augenblicke noch im vollen Ernst einen der höchsten Trone gewünscht, und ihn schon im prophetischen Geist darauf gesehen hatte. Ruprecht ward eine Viertelstunde lang ganz aus den Augen gelassen, und der alte Konrad spielte die Hauptrolle beim Tischgespräch, er wurde um die wahrscheinliche Gefahr beim Ungewitter und beim schnellen Austreten des Flusses gefragt, und erhielt denn die Weisung, sich sogleich zu entfernen, ein Maass Wein zu trinken, und