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mir habe, glücken oder sie glücken nicht, so empfehle ich euch meine Schwester, lasset sie in eurem haus wohnen, lasset sie eures Umgangs, eures Unterrichts geniessen, bis ich sehe, was das Schicksal aus mir machen wird.

Die Frau von Remen nahm mich zu sich, Adolf reiste, aber ich habe vergessen die Zeit seiner Abwesenheit zu messen, weil sich während derselben in dem haus wo ich als Kind aufgenommen wurde, Dinge zutrugen, die meine Tränen um meinen Vater wieder hervorriefen, und meine ganze Aufmerksamkeit an sich rissen. Der Vater Everts von Remen, der Busenfreund des meinigen starb, ich glaube Gram um den Verstorbenen war es, was ihn demselben so schnell folgen liess.

An meinem jungen Freunde lernte ich jene Art des Traurens kennen, die mit meinen Gefühlen harmonirte, und die ich an meinem Bruder so sehr vermisst hatte. Evert, immer sanft und gemässigt, äusserte bei dem Verlust seines Vaters, so tief er ihn fühlte, nichts von Adolfs stürmischem Ungestüm, wir weinten mit einander, wallfarteten zu den Gräbern unserer Verstorbenen, sprachen von ihnen, und fühlten unsere gegenseitige Zuneigung durch das harmonische unserer Empfindungen gestärkt; damals, glaube ich, fühlte ich es zuerst, dass Evert von Remen mir mehr war, als mir je ein Jüngling werden konnte, wir waren einander durch die letzten traurigen begebenheiten unsers Lebens näher gerückt, mich hatten sie um einige Jahre älter, und weniger leichtsinnig gemacht, und er war durch dieselben wo möglich noch sanfter und liebenswürdiger geworden, als er zuvor war.

Mein Bruder kehrte zurück, aber wer hätte die Art ahnden sollen, wie er zurück kehrte! Das Glück hatte ihn aus einem gemeinen Ritter zum grossen Herrn, aus einem unbegüterten Edelmann zum reichen Besitzer grosser Ländereien gemacht. Unsere Vorfahren, das war erwiesen, hatten Ansprüche auf diese Dinge gehabt; mein Vater hatte sein Leben zu Wiedererlangung derselben vergeblich verarbeitet und vertrauert, aber wer Adolfen zu Erlangung so lang unmöglich erfundener Dinge geholfen habe, das konnte niemand erraten.

Ich hielt meinen Freund für den Vertrauten meines Bruders, und befragte ihn um diese Dinge, er zuckte die Achseln und schwieg. über meine Unwissenheit in Ansehung des Grunds eures Glücks, fing er endlich an, wollte ich mich noch beruhigen, wär ich nur ihrer Folgen gewiss. – Wie versteht ihr das, Herr von Remen? erwiderte ich. Wird die Gräfin Alverde, sagte er, die Gesinnungen beibehalten, mit welchen sie mich in ihrem niedern stand beehrte? – Ich werde immer eure Freundin sein! sagte ich. Immer Freundin, und sonst nichts mehr? rief er, o Alverde! Euer Verstand übertrifft eure Jahre, ihr solltet wohl wissen, dass ich auf zärtlichere Gefühle hoffen darf. Ich errötete, und versprach zum Beweis, wie wert ich ihn schätze, jede andere Gesellschaft ausser der seinigen zu fliehen, und das Schloss meines Bruders, welches jetzt nie leer von Fremden wurde, nie zu besuchen, als wenn es ganz einsam wär.

Was ich gelobt hatte, das hielt ich eine Zeitlang treulich. Nur ein einziges mal traf sichs, dass ich einen jungen Herrn vom kaiserlichen hof bei meinen Bruder fand, als ich ihn ohne Gesellschaft glaubte, es war Peter von Kalatin, und ihr, meine Kaiserin, die ihr ihn kennt, werdet urteilen, ob es ihm gelang, mich fest zu halten. Anfangs blieb ich aus achtung gegen meinen Bruder, und aus Furcht durch schnelle Entfernung den Wohlstand zu beleidigen, in der Folge waren es seine gespräche, die mich fesselten. Hatte Peter von Kalatin die Absicht, meine Entfernung zu hindern, so hätte er den Gegenstand der Unterhaltung nicht glücklicher wählen können; er sprach von euch, gnädige Frau, und euren reizenden Töchtern; die wahren treffenden Züge, mit welchen er euch schilderte, hier beizubringen, verbietet mir Bescheidenheit und Ehrfurcht; aber so weit die Personen, die ich hier zum erstenmal gleichsam im Bilde sah, dieses Bild übertreffen, so war es doch reizend genug, den Wunsch nach persönlicher Kenntniss in mir zu erregen.

Ganz von euch erfüllt, kehrte ich zu der Frau von Remen zurück, und entüllte ihr alle meine Wünsche. Mein Kind, sagte sie, dein Verlangen ist nicht unbillig, dein Stand erfordert es überdem, dass du bei hof vorgestellt werdest. Gedulde dich noch einige Jahre, und ich will dich selbst dahin begleiten, wohin dein Herz drängt. Die Jahre, welche mein Sohn den ritterlichen Uebungen weihen muss, kannst du nicht besser, als in der Schule der Tugend, an dem Trone der Kaiserin Irene zubringen.

Diese Jahre vergingen. Das Verlangen von euch und den Prinzessinnen zu hören, trieb mich oft auf das Schloss meines Bruders, wenn ich Peter von Kalatin daselbst wusste. Evert von Remen, der ihn nicht leiden konnte, trauerte bald, bald zürnte er darüber. Das Lob der kaiserlichen Damen, sagte er eines Tages, wird bald mit dem Lobe der schönen Alverde abwechseln, und ihr müsstet kein fräulein sein, wenn ihr das letzte nicht weit lieber anhören solltet, als das erste.

Was mein Freund besorgt hatte, das geschah; ich hörte es nicht ungern, dass Kalatin mich versicherte, ich sei nicht weit hinter den vortreflichsten Frauen der Welt zurück, und ich würde sie dereinst ganz erreichen. Seine Schmeicheleien wurden immer süsser, und behagten mir um so vielmehr, da Evert von Remen in seinem Unwillen, den er wieder mich gefasst hatte, mir