sich bloss auf Tugend und gute Aufführung gründeten; ich fragte, als ich über das, was man mir vorsagte, nachdenken lernte, was Tugend sei, und mein Vater führte mich in das Haus einer benachbarten Edeldame, die, wie er mich versicherte, mir meine Frage besser beantworten könne, als irgend jemand. Sie ist die Tugend in sichtbarer Gestalt, sprach er, suche ihr gleich zu werden, so wirst du tugendhaft sein. – Ich warf mich in die arme der Frau von Remen, so hiess die Dame, welcher ich vorgestellt wurde, und bat sie, mich doch geschwind zu lehren, wie ich ihr ähnlich werden könnte, weil ich nichts liebenswürdigers kennte als sie, und weil man durch ihre Nachahmung, wie mein Vater versicherte, glücklich würde; Tränen standen der edlen Frau bei meiner kindischen Aeusserung im Auge, vielleicht dass die ungesuchte Schmeichelei, die ich ihr sagte, sie rührte, vielleicht, dass die überzeugung, mit welcher ich Tugend und Glück in meinen Vorstellungen paarte, ihr Erfahrungen vom Gegenteil in den Sinn brachte. –
Ich kannte die Frau von Remen schon lange, sie war die vertraute Freundin meiner Mutter gewesen, und hatte, als diese starb, eine Art von Vorsorge für ihre Hinterlassenen übernommen: meine Mutter hatte es ihr sterbend empfohlen, ihrem Gemahl und ihren Kindern ihren Verlust so viel es möglich zu ersetzen.
Ich war bisher schon oft in dem haus der guten Dame gewesen, jetzt, da mich ihr mein Vater auf so eine besonders feierliche Art empfohlen hatte, verliess ich es fast nie. Ich hatte noch einen Bruder, welcher einige Jahre älter war als ich, er liess sich zuweilen herab, teil an meinen Spielen zu nehmen, und ich misste seinen Umgang, den ich von nun an sparsamer genoss, ungern; doch was ich in ihm verlohr, das fand ich in dem Sohne meiner zweiten Mutter, in dem jungen Evert von Remen zweifältig wieder; er beschäftigte sich mehr und auf weit gefälligere Art mit mir, als mein Bruder Adolf, wie er denn überhaupt mehr einnehmendes in Bildung und Charakter hatte als jener. Mein Bruder war ein wilder stürmischer Jüngling, Evert von Remen sanft, nachgebend und mild, wie seine Mutter.
Einige Jahre, die glücklichsten meines Lebens verflossen auf diese Art, ich war bald bei meiner Pflegmutter, bald bei meinem Vater, liess mich bald von dem feurigen Adolf zu Beschäftigungen, die ihm behagten, hinreissen, und spielte bald mit meinem jungen Freunde stille Spiele, oder neckte ihn durch kleinen kindischen Mutwillen, denn dieses merkte ich, so jung ich war, gar bald, dass ich aus ihm machen konnte, was mir gefiel; eine Entdeckung, die mir schmeichelte. Evert war der einige unter den Erwachsenen, mit denen ich Umgang hatte, der sich von mir gängeln liess, der erste und einzige, der mir bald durch kleine Schmeicheleien, bald durch die gränzenlose gefälligkeit, mit welcher er sich nach meinen Grillen bequemte, ein Gefühl von meiner Wichtigkeit beibrachte.
Ich hatte das zehende Jahr zurückgelegt, als das Schicksal mir meinem Vater entriss. Meine Pflegemutter, ihr Sohn, mein Bruder und ich umringten sein Sterbelager, um seine letzten Seufzer aufzufassen. Alverde, sagte er, ich verlasse dich, aber du verlierst wenig an mir, da ich dir die Frau von Remen zur Mutter gegeben habe, ich wünsche, das Glück mag auch in Zukunft aus dir machen was es wolle, dass du ganz ihre Tochter werdest; wie das geschehen soll, das wird sie und dein Freund Evert von Remen dir sagen, wenn du älter bist. Umarmt euch, meine Kinder, und seid glücklich, wenn euch einst festere Bande verbinden!
Evert, der diese Worte vermutlich besser verstand als ich, küsste mich, und ich weinte. Ich wollte mich darauf wieder an dem Bette meines Vaters niederwerfen, und seine erstarrende Hand ergreifen, aber er bat die Frau von Remen, sich mit mir zu entfernen; sie macht mir das Sterben schwer, sagte er, auch habe ich, ehe ich den Mund auf ewig schliesse, noch einige Worte insgeheim mit meinem Sohne zu reden.
Ich folgte meiner zweiten Mutter auf ihr Schloss, und sah das Haus meines Vaters nicht wieder, als am Tage seiner Beerdigung. Mein Bruder hatte mir nie mehr missfallen, als in seiner Trauer, die wohltätigen Zeichen des Kummers, die Tränen fehlten ihm ganz, sein Betragen war nicht Gram, nicht Wehmut, war Verzweiflung. Er warf sich einmal über das andre auf den Leichnam unsers Vaters, der nun eben beigesetzt werden sollte, sprang denn auf, rang die hände und schrie: Ach dass diese Augen sich zu frühzeitig schlossen, um bessere Tage zu sehen! dass diese Lippen sich so spät öffneten, mir zu sagen, wo ich ein Glück finden sollte, das nun mein bester Freund nicht mit mir geniessen wird! – Niemand verstand diese Worte, aber wir wiederholten sie uns in der Folge oft, und sie wurden für die Frau von Remen, ihren Sohn und mich die Quelle tausendfacher Mutmassungen, die wahrscheinlich alle ihres Zwecks verfehlten.
Kaum ein Tag war nach der Beisetzung unseres Vaters verflossen, so erklärte mein Bruder, wie er genötigt sei, eine Reise zu tun, deren Ende und Folgen er noch nicht absehen könnte – Es gehe, wie es wolle, setzte er hinzu, indem er sich zu der Frau von Remen wandte, die Dinge, welche ich vor