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Tage.

Das ist ein fürchterliches Wetter, sagte der Wirt, der jetzt wieder herein trat; dieser Schlag hat in der Nähe Baum oder Fels gespalten! Gott gnade mir und meinen armen haus, wenigstens um des Reisenden willen, den ich eben aufgenommen habe. – Kennt ihr ihn? fragte Ruprecht, könnte er nicht etwa ein Sünder sein, der die Rache des himmels erst über euch brächte?

Das ist er nicht! sagte der Alte, indem er seinen Gastfreund behülflich war, die nassen Kleider gegen das mitgebrachte reine und ausgewärmte Gewand zu vertauschen; aber verzeiht, dass ihr so langsam bedient werdet; ich habe nur zwei Knechte! Vincent, eile du dort am Feuer, dass du meinen Herrn zu Tische dienen kannst; Kurds Wildpret muss, wenn er nach haus kommt, auf Morgen aufbewahrt werden, ich hoffe die Gegenwart meines edlen Gasts mehr als einen Tag zu geniessen.

Vincent hatte im Kamin ein tröstendes Feuer angezündet, der Hauswirt, der sich seinem gast auf Befragen, Tomas Knebel nannte, zog ihm einen Sitz herbei, und sorgte, dass er sich mit dem rücken nach den Fenstern kehrte, damit ihn das noch immer fortdaurende Feuer der Blitze nicht schrecke oder blende. Darauf half er seinem Knechte selbst den Tisch bereiten, der mit Wein, Brod, kaltem Wildpret und Früchten bald so gut besetzt war, dass ein hungriger Reisender volle Erquickung und Sättigung hoffen konnte.

Erlaubt, sagte Tomas, als Ruprecht sich setzte, dass ich euch gegenüber meinen Platz nehme.

Und warum erlauben? Ihr seid Wirt, ich Gast!

Ihr habt recht, ein ehrlicher Wirt darf wohl an seines Gastes Seite sitzen, und wir sind ja weit genug von der Welt entfernt, die die scharfe Gränzlinie zwischen Fürst und gemeinen Mann gezogen hat, welche eigentlich nur zwischen den guten und bösen Menschen statt finden sollte!

Fürst? Kennt ihr mich? –

Schon vorhin meine Hoffnung, dass mir Gott um euretwillen gnädig sein möchte, hätte euch sagen sollen, dass ich euch kenne. Ihr seid Pfalzgraf Ruprecht der Kleine, ein wackerer biederherziger Mann, der den Fluch in kein Haus bringen wird, wo er einkehrt.

Tomas Knebel, antwortete Ruprecht, ich würde sagen, mir sei nie so fein geschmeichelt worden, wenn sich das Wort Schmeichelei zu eurem Gesicht passte.

Ihr würdet mir in Wahrheit unrecht tun, lachte Tomas. Dass ich nicht schmeicheln und kriechen kann, zeigt euch die Art, auf welche ich mit euch spreche; die Stelle, worauf ich sitze, und der Trunk aus diesen Becher, mit welchen ich euch hier willkommen heisse.

Tomas trank, Ruprecht tat Bescheid, man speisste mit Appetit, und so ganz ohne Zwang, als wenn hier der Gleiche mit dem Gleichen zu Tisch gesessen hätte, und nachdem ein halbes Dutzend Gemeinplätze z.B. über das nachlassende Ungewitter, und die Verirrung auf Reisen vorüber waren, dergleichen sich bei dem Eingang jedes Gesprächs finden, so nahm eine Unterhaltung unter beiden Platz, welche den redlichen geradsinnigen Pfalzgrafen in der Seele wohl tat. Das funfzehende Jahrhundert, an dessen Grenzen sich diese geschichte zutrug, misste schon manchen der Vorzüge seiner Vorgänger, es war in denselben schon etwas seltnes geworden, dass ein Fürst, wenn er mit einem Niedern zusammentraf, etwas anders fand, als den Ton der Schmeichelei oder die düstre Zurückhaltung des Misstrauens und heimlichen Neides.

Mein redlicher Tomas, sagte Ruprecht am Ende der Abendmahlzeit, indem er seine Hand über den Tisch nach seinem Wirte ausstreckte, die seinige zu fassen. Ich werde von euch scheiden müssen, sei es gleich Morgen oder über mehrere Tage, und ich fühle, dass mir die Kenntniss eures Namens beim Andenken an euch nicht genug tun wird, lasst mich mehr von euch wissen, lasst mich wenigstens wissen, woher ihr mich kanntet.

Ich führte unter eurem Vater, antwortete er, zuerst die Waffen, wie sollte ich euch, den Sohn meines Herrn und Wohltäters nicht kennen? Manches Jahr ist wohl seitdem entflohen, ihr seid seitdem aus dem Jüngling zum mann geworden, aber die Grundzüge des Gesichts, so wie die des Gemüts, sind nicht so leicht zu verlöschen, man kann in denselben nach einen halben Menschenalter noch immer seinen Bekannten wieder finden.

Aber wie ist es möglich, fragte der Pfalzgraf, dass der Mann, dem ich bekannt war, der sich durch das, was mich jetzt in wenig Stunden an ihn gefesselt hat, vor Tausenden auszeichnen musste, dass dieser mir so lang unbekannt blieb?

Glaubt denn Ruprecht, jeden Biedermann zu kennen, der ihn kannte? – Mich hat mein Schicksal Jahrelang der abendländischen Christenheit aus den Augen gerückt, und ich musste also wohl unbekannt werden! In meinem vaterland erregte zu der Zeit, da ihr ein Jüngling waret, ich ein Mann wurde, eine Untat allgemeines aufsehen, welche zu gross für die Ahndung der öffentlichen Gerechtigkeit, den Arm heimlicher Rächer auf sich lenkte. Ein Mann, der mein Freund war, hatte sie begangen, ich war so unschuldig als unwissend in der Sache, aber die Tat schlängelte sich durch allerlei Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeiten, so dicht zu mir heran, dass ich eine fast unmögliche Rechtfertigung zu stand bringen, sterben oder fliehen musste. Ich wählte das letzte. Palästina ist mein Vaterland gewesen bis vor wenigen Jahren, da sich eine gute gelegenheit zeigte, den Orient zu verlassen. Die furchtbaren Unbekannten, die mich verfolgten, sind allwissend, aber Dank sei ihrem grossen Oberrichter,