vordem. Deine Knechte, denen die sorge für mich aufgetragen war, waren unter deiner herrschaft glücklicher, und also auch milder gegen mich Elenden; ich bemerkte einigen Grad von Reinlichkeit und Ordnung in dem, was mich umgab, und wär ich nicht ganz für jedes Gefühl erstorben gewesen, so würde sich bald auch die hoffnung, auf noch bessern Zustand, bei mir eingefunden haben. Der kleinste Lichtstrahl, der in einen dumpfen Kerker dringt, pflegt dieser holden Trösterin sonst einen Zugang zu eröfnen, und sie macht dem, zu welchem sie sich gesellt, immer schnell das kleinste Gute zum Unterpfand eines noch grösseren. Ich war zu tief gesunken, um diese süsse Ahndung zu fühlen, und die merkliche Besserung meines Schicksals, die mir in der Folge durch dich zu teil ward, fand mich ganz unbereitet; aber eben diese Ueberraschung war es, was mich aus dem Zustand meines Nichtseins weckte.
Ademar, du weisst es, wie du mich fandest als dir der Blitz in meinen Kerker den Weg zeigte, du weisst auch, was ich nachher unter deiner Pflege ward. Du erhieltst Nachricht, das Ungewitter, welches im überirdischen teil des Schlosses zweimahl gezündet hatte, habe auch in den unterirdischen Gewölben Schaden getan, einen teil derselben eingestürzt, die Fesseln von den Händen des alten Unbekannten geschmolzen; und ihn wahrscheinlich getödtet. – Hier bewegte sich dein Herz gegen den Elenden den du noch nie gesehen hattest, du stiegst selbst zu mir herab, um mich ins Leben zurück zu bringen, wenn dieses möglich wär. Mein Anblick erschütterte dich, du fandest, wie du mich bereden willst, noch Spuren dessen an mir, was ich ehemahls war; deine sorge um mich ward eifriger, ich erholte mich unter deinen helfenden Händen; durch deine Bemühungen um mich, ward ich dir lieb, du konntest, du mochtest mich nicht wieder in meine Tiefe hinabstossen, du tatest zu meiner Erleichterung das, was du ohne Verletzung deines Eides tun durftest; und ich – bin zufrieden; höheres Glück würde ich ja vielleicht nicht ertragen können!
Dank dir, Ademar, für jede Erleichterung, die du mir schaftest, für jeden Trost, den du mir gabst. Von der Kraft zum Danken, die du wieder in mir zu wekken wusstest, bis auf den sanften Schimmer des Lichts, bei welchem ich dieses schreibe, nachdem ich dreissig Jahre lang, in fast ununterbrochener Nacht, schier erblindet war, das Grösste und das Kleinste das mich erfreuet, alles alles danke ich dir und der Vorsicht, die dich zu ihrem Werkzeuge brauchte. Ach könnte ich dir doch auch die Vergessenheit vergangener Leiden danken! aber leider findet sich hier das Gegenteil. Um deinetwillen regte ich die Qualen der Vorzeit fürchterlich in meiner Seele auf, dir zu Liebe schrieb ich sie nieder, und vergegenwärtigte mir von neuem das lang Ueberstandene! O Ademar! Ademar! was ich hier für dich tat, das überstieg fast meine Kräfte, lass mich die Feder niederlegen, um zu ruhen!
Evert von Remen, zum Beschluss
Nachwelt, du kennst nun den Mann, den ich deinem Urteil unterwarf, kennst ihn nach seinen eigenen Geständnissen, und nach den entschuldigenden Umständen, die für ihn in dem Verhalten anderer lagen; Umstände, davon ihm selbst wenig bekannt geworden ist, die ich erst nach seinem tod, mit Mühe und Lebensgefahr, mit Verlust eigener Sicherheit und Ruhe, aus den Winkeln, in welchen sie verborgen lagen, zusammen brachte, um sein Andenken bei der Welt zu rechtfertigen.
O! Adolf! Adolf! Du musstest fallen, weil man wollte, dass du fallen solltest. Deine Ehrsucht nicht so wohl als ein Schicksal, das ich unmöglich günstig nennen kann, erhub dich auf eine Stufe, von welcher dich der Neid, gar bald wieder herabzustürzen strebte. Man lockte dich aus deinem Eigentum, dich desselben desto sicherer berauben zu können; du hattest Privatfeinde, die dich, um ihre Absichten zu erreichen, unvermerkt in die Schicksale der Grossen verwickelten, bis du dermassen verstrickt warst, dass du nebst allen, die man nebst dir und durch dich stürzen wollte, fallen musstest. Man hatte so viel durch dich ausgerichtet, dass man dich noch ferner zu brauchen hofte. Dies glückte nicht, und man warf dich als ein nutzloses Werkzeug auf die Seite; du wurdest in den Staub getreten, wurdest vergessen, bis beinahe nach Verfluss eines halben Jahrhunderts die Freundschaft dich fand, und mit besserm Willen als Vermögen sich vermass, dir alles wieder zu geben, was du verloren hattest. – Du lächeltest ob dem Versprechen, das aus meinem mund ging. Evert von Remen, sagtest du, das dürftest du wohl nicht vermögen; alles was du mir noch geben kannst, ist ein ruhiges Grab und eine Träne; denke darauf, ich werde es bald brauchen.
Was Adolf gesagt hatte, das geschah. Er, der dreissig Jahr unter den unerhörtesten Leiden einer harten Gefangenschaft nicht erlag, er, den der wohltätige Ademar in den zehn folgenden Jahren durch milde Behandlung, so weit er vermochte, sein Leben wieder lieben, seine Leiden vergessen lehrte, er konnte höhern Wachstum des Glücks nicht ertragen. Der Freund seiner Jugend, sein treuer Evert von Remen, ward ihm wieder geschenkt, alle Vorteile, welche ihm sorgsame Liebe mit einiger Macht verbunden, nur gewähren konnten winkten ihm; aber – es war zu spät. – Er starb des achten Tages nach unserm Wiedersehen in meinen Armen.
Oft bin ich